Gregor Meyle im Interview: “Über Liebe und Sex kann man wunderbar auf Deutsch singen”

Gregor Meyle (foto: axel müller photography)

Morgen eröffnet Gregor Meyle den Neuleininger Burgsommer. Das Konzert auf der Burgruine ist längst ausverkauft. Benjamin Fiege sprach mit dem Singer-Songwriter vorab über seine Auf- und Abstiege, die neue Lust an deutschsprachiger Musik und Casting-Shows.

 

Herr Meyle. Sie spielen heute durchaus vor Kulissen von mehren Tausend Menschen, sind regelmäßig im TV präsent und hatten schon mehrere Alben am Start. Kaum zu glauben, dass Sie ihre Karriere schon fast einmal an den Nagel gehängt hatten.

Ja, 2011 war das. Da saß mir das Finanzamt im Nacken, es wurde finanziell etwas eng. Da hab ich mir dann schon die Frage gestellt, warum ich das alles mache. Und ob es nicht vielleicht eher Sinn macht, wieder als Tontechniker oder ähnliches zu arbeiten. Am Ende hat die Liebe zur Musik dann aber gesiegt. War damals wirtschaftlich keine schöne Zeit, rückblickend betrachtet, ist sie aber sicher ein Teil meiner Evolution.

 

Die Zeiten für deutschsprachige Musiker scheinen ja heute hingegen durchaus goldene zu sein. Wie erklären Sie sich die neue Lust an der deutschen Sprache im Pop? Früher galt ja nur der als hip, der Englisch sang.

Ja, das stimmt. Man stand mit deutschen Texten früher recht schnell in der Schlagerecke. In die Falle tappt man beim Texten, wenn man sie in zu viel Pathos tränkt. Wenn man seine Texte aber ernst meint beziehungsweise wenn das beim Hörer so ankommt, dann ist man auf der sicheren Seite.

 

Ist das Interesse an deutschsprachiger Musik nicht vielleicht auch dem Zeitgeist geschuldet? Eine unbewusste Antwort des Musik-Konsumenten auf die sich zuspitzende Globalisierung? Eine Art Heimatsuche?

Ich glaube nicht, dass  das zunehmende Interesse an deutschsprachiger Musik irgendwie einen politischen Hintergrund hat. Mit guten deutschsprachigen Texten kann sich der Hörer besser identifizieren, er kann sich besser einfühlen als bei englischen Texten.

 

In einem Song von Tocotronic hieß es ja mal: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen. Denn allzu leicht könnt’s im Deutschen peinlich klingen.“

Haben die das echt so gesungen? (lacht). Nein, aber dieser Textzeile kann ich so nicht zustimmen. Man kann sich auch auf Deutsch wunderbar ausdrücken und über Liebe und Sexualität singen. Ein Herbert Grönemeyer würde mir da sicherlich auch zustimmen.

 

Ihr  Durchbruch kam ja 2007 durch Stefan Raabs Casting-Show „SSDSDSSWEMUGABRTLAD“ (Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte und gerne auch bei RTL auftreten darf).

Ja, das war eine verrückte Zeit. Ich hatte die Teilnahme meinem Bruder zu verdanken, der damals bei der TV-Produktionsfirma Brainpool arbeitete und unbedingt wollte, dass ich da mitmache. Ich wollte erst nicht, aber er hat mich dann unter einem Vorwand zum Casting gelotst. Als ich dann da war, habe ich die Chance einfach ergriffen. Zu verlieren hatte ich ja nichts.

 

Als der große Hype abgeflaut war, ging es erst einmal wieder bergab. Wie sind Sie damit umgegangen?

Das tut natürlich erstmal weh, aber ich war davon überzeugt, dass es da draußen Menschen gab, die meine Musik hören wollten. Das hält einen bei der Stange. 

 

Wirkte der Casting-Show-Background später eher als Türöffner oder als Malus?

Natürlich hilft einem das zu Beginn, wenn man durch eine solche mediale Plattform seinen Namen etwas bekannter machen kann.  Ich habe allerdings auch erlebt, dass die Leute einen danach abstempeln und als Musiker nicht mehr ganz so ernstnehmen. Ich wurde beispielsweise nach meiner Casting-Show-Teilnahme von manchen Radio-Sendern nicht mehr gespielt. Obwohl ich bis dahin gut mit ihnen zusammengearbeitet und auch mal Jingles für sie produziert hatte. Das war schon hart. Sich von diesen Vorurteilen zu befreien, das erfordert wirklich harte Arbeit. Und auch ein bisschen Glück.

 

Würden Sie mit dem Wissen von heute wieder an einer Casting-Show teilnehmen?

Wahrscheinlich eher nicht, aber es käme auch auf das Format an. In den USA oder Großbritannien wurde durchaus die eine oder andere große Karriere durch eine solche Show gestartet, man denke da nur an Kelly Clarkson. In Deutschland hat das hingegen bisher eher selten funktioniert. Stefans Format war schon eine gute Plattform, besonders für Stefanie Heinzmann. Ich würde mir heute wohl eher andere Plattformen suchen. Jungen Künstlern würde ich dennoch nicht zwangsläufig davon abraten, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man muss sich der Risiken und möglichen Folgen eben bewusst sein.

 

Letztlich ist ja wieder eine TV-Show für die Wiederbelebung ihrer Karriere verantwortlich gewesen: „Sing meinen Song“.

Ja, das ist so. Das ist natürlich ein großes Glück für mich, das Format ist der Hammer. Ich bin sehr dankbar, dass Xavier Naidoo mich damals fragte, ob ich mitmachen möchte. Es macht wahnsinnig viel Spaß, mit den Kollegen zusammenzuarbeiten. Es waren schon teils sehr berührende, emotionale Momente für mich dabei.

 

Nun geht’s also rauf auf die Burg. Sie waren ja schon einmal da. Welche Erinnerungen haben Sie an ihren letzten Auftritt?

Open-Air-Konzerte machen mir immer Spaß, und das war auch in Neuleiningen im vergangenen Jahr so. Ich hatte einen tollen Eindruck von dem Festival gewonnen, die Burgruine sorgt für eine richtig schöne Atmosphäre. Und das Publikum war auch gut drauf.

 

Was können die Zuschauer von Ihrem Konzert erwarten? Gibt’s einen Querschnitt durch den Katalog? Oder setzen Sie einen Schwerpunkt?

Es wird auf jeden Fall einen Querschnitt geben, das erwarten die Hörer, sie wollen die Songs, die sie kennen. Die werden wir mit Sicherheit auch dabei haben. Ohne uns aber den Raum für Spontaneität zu rauben.

 

Der Burgsommer ist ja für seinen friedlichen, idyllischen Verlauf bekannt. Sie selbst haben auch schon ganz anderes erlebt: Beim Terroranschlag beim Musikfestival in Ansbach 2016 standen sie auf der Bühne, als am Eingang der Sprengsatz gezündet wurde.

Ja, das Festival wurde danach natürlich abgebrochen. Wir waren natürlich geschockt, haben das auch noch eine Weile mit uns herumgetragen. Aber es wirkt sich nicht mehr auf meine Arbeit aus, ich habe keine Angst, auf der Bühne zu stehen. Es klingt klischeehaft, aber man lernt durch solche Vorkomnisse, das Leben wieder bewusster zu leben. Daher war auch Ansbach ein Teil meiner Evolution.

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