Soundgarden

Soundgarden (foto: wikimedia/ musicisentropy)

Sie sind Legenden des Grunge, auch wenn sie letztlich immer etwas im Schatten von Nirvana standen: Soundgarden. Mit ihren Kollegen aus Seattle hatte die Gruppe aber auch nicht wirklich viel gemein, weil ihre Tendenz weniger in Richtung Punk oder Rock als vielmehr Richtung Metal ging.

In den achtziger Jahren ist Seattle aus welchen Gründen auch immer ein kreativer Hotspot. Die Stadt im US-Bundesstaat Washington ist der Geburtsort vieler namhafter Bands wie Pearl Jam, Nirvana – und eben Soundgarden. Chris Cornell, 1964 als Sohn eines Apothekers und einer Buchhalterin geboren, ist der geistige Vater der Gruppe: Er formt die Band aus den Trümmern von The Shemps, wo der Teilzeit-Koch seit 1982 als Schlagzeuger unterwegs ist. Weil Frontmann Matt Dentino die ganze Sache aber nicht so ernst nimmt, lösen sich The Shemps auf, und Cornell überredet 1984 Dentinos WG-Buddy, den Gitarristen Kim Thayil, eine neue Band zu gründen. Der willigt ein und holt noch seinen Kumpel Hiro Yamamoto dazu. Die Gruppe gibt sich den Namen Soundgarden, eine Referenz an eine Skulptur im Magnuson Park in Seattle. Mit Scott Sundquist stößt kurzzeitig noch ein Drummer dazu, der aber schnell von Matt Cameron (Skin Yard) abgelöst wird. Cornell wechselt ans Mikro.

Mit einem Song für die Compilation eines lokalen Radiosenders macht die Band um ihren charismatischen Sänger mit dem unverwechselbaren Stimmregister erstmals auf sich aufmerksam: „Bands That Will Make Money“. Drei weitere Lieder („Heretic“, „Tears To Forget“ und „All Your Lies“) erscheinen 1986 auf der Compilation „Deep Six“ der Plattenfirma C/Z Records vertreten. Heute gilt diese als die Platte, die den Seattle-Sound am eindringlichsten geprägt haben soll.

Radio-DJ Jonathan Poneman hat die Platte offenbar auch gehört und einen Narren an der Band gefressen. Er verspricht, dem frisch gegründeten Label Sub Pop 20.000 Dollar zu spenden, sollten diese Soundgarden signen. Sub Pop-Gründer Bruce Pavitt schlägt ein. Im Oktober erscheint die Single „Hunted Down“ – erst die zweite Veröffentlichung überhaupt auf Sub Pop. Im Oktober 1987 kommt die EP „Screaming Life“ auf den Markt, anschließend „Fopp“.

Auch den Major-Labels ist das Talent der Band nicht verborgen geblieben. Doch Soundgarden widerstehen den Lockrufen der Großen der Branche, unterschreiben lieber beim Hipsterpunk-Label SST Records, wo auch das Debüt-Album „Ultramega OK“ (1988), das sich irgendwo im Bereich zwischen Alternative und Metal verorten lässt, erscheint. Die Platte ist ein voller Erfolg, wird sowohl von Fans als auch von Kritikern geschätzt und bringt der Band 1990 eine Grammy-Nominierung für die beste Metal-Performance ein. Die Gruppe selbst ist jedoch mit dem Produzenten Drew Canulette unzufrieden, da er mit der Seattle-Szene nicht vertraut war. Soundgarden sehen retrospektiv hier viel verschenktes Potenzial.

Danach hat die Ziererei ein Ende und Soundgarden wechseln doch zu einem Major-Label. Auf dem Label A&M erscheint 1989 das zweite Soundgarden-Album „Louder Than Love“, das als innovative Hard-Rock-Platte gefeiert wird und den Weg des Alternative Rocks in den Mainstream mitebnet. Einige Fans nehmen der Gruppe den Wechsel zum Major jedoch dauerhaft krumm. „You sold out“, lautet der Vorwurf. Die Band hat in der Zwischenzeit überdies mehrfach ihr Line-Up gewechselt. 1989 tauscht Gründungsmitglied Hiro Yamamoto Bühne gegen die Collegebank ein. Er wird durch Jason Everman ersetzt, der kurzzeitig auch bei Nirvana aktiv war, ehe dieser wiederum durch Ben Shepherd abgelöst wird.

Dennoch: Auch die nächste Veröffentlichung „Badmotorfinger“ (1991) erhält durch die Bank weg positive Kritiken. Das Album ist das bis dato härteste der Band. Vor allem die Auskopplung „Jesus Christ Pose“ sorgt wegen der rhythmischen Attacken und des provokanten Textes über die Landesgrenzen hinweg für Furore. Auch „Rusty Cage“ und „Outshined“ werden erfolgreiche Singles, doch zum großen Durchbruch wird die Platte nicht. Das Timing ist einfach ungünstig, erscheint doch zur selben Zeit Nirvanas legendäres „Nevermind“ und versperrt „Badmotorfinger“ so den rechtmäßigen Platz an der Grunge-Sonne. Cornell und Co. trösten sich, in dem sie den Support von Guns N‘ Roses auf deren Welt-Tournee geben.

Der Seattle-Hype schlägt sich 1992 auf der großen Leinwand nieder: Der Film „Singles“ verhandelt das Thema, die Band, allen voran Chris Cornell, ist in dem Streifen zu sehen – und zu hören: mit dem Song „Seasons“. Auch der Track „Spoonman“ ist in einer frühen Fassung hier vernehmbar. Er sollte später auf dem 1994er-Über-Album „Superunknown“ landen. Und obwohl er als Single recht erfolgreich ist, wird er von der zweiten Singleauskopplung des Albums locker in den Schatten gestellt: Das melodisch-melancholische „Black Hole Sun“ wird zum Riesenhit, zum „Stairway To Heaven“ der neunziger Jahre, zum größten Erfolg der Band, obwohl das dazugehörige Video von Howard Greenhalgh eher sperrig geraten ist. Kurioserweise wirkt die Nummer fast wie ein Nachruf auf den wenige Tage vor der Veröffentlichung verstorbenen Kurt Cobain. Allerdings hat das Album, das auf Platz eins der US-Billboard-Charts landet und sich bis heute über neun Millionen Mal verkauft hat, auch ein großes Problem: Es ist überproduziert, die Live-Umsetzung der Stücke gestaltet sich als schwierig.

Der künstlerische Zenit der Band scheint danach überschritten. Das Nachfolge-Album „Down On The Upside“ (1996), das immerhin Platin-Status erreicht, kommt weniger aggressiv daher, was wohl vor allem Cornell zuzuschreiben ist. Über die musikalische Ausrichtung entbrennt im Studio mehrfach Streit, vor allem zwischen Cornell und Gitarrist Kim Thayil. Die Meinungsverschiedenheiten lassen sich auch im Laufe der sich anschließenden Tour nicht beilegen. Drogen und Alkohol tragen ihr Übriges zur schlechten Stimmung bei. Die Konsequenz: Die Band löst sich 1997 genervt auf. Die Band kommentiert das so: „Nach zwölf Jahren haben die Mitglieder von Soundgarden in Freundschaft und gegenseitigem Einverständnis entschieden, sich zu trennen, um sich anderen Interessen zu widmen. Im Moment gibt es nichts weiteres über die zukünftigen Pläne der einzelnen Mitglieder zu sagen.“

Knapp sechs Monate später kommt mit „A-Sides“ noch Mal ein Best-Of – dann scheint die Geschichte Soundgardens auserzählt.

Während die anderen Mitglieder mehr oder weniger in der Versenkung verschwinden, legt Chris Cornell eine achtbare Solo-Karriere hin und gründet die Super-Gruppe Audioslave.

Im März 2009 gibt es erste, zarte Gerüchte, Soundgarden würden ein Comeback in Erwägung ziehen. Damals treffen sich die alten Bandmitglieder Ben Shepherd, Kim Thayil und Matt Cameron bei einem Konzert in Seattle und performen mit Tad Toyle von Tad ein paar Songs. Chris Cornell, der nicht dabei war, vermeldet später: „Wenn ich dort gewesen wäre, wäre ich vermutlich mit auf die Bühne gestiegen.“

Die Lust hat die Band wieder gepackt. An Neujahr 2010 verkündet die Band via Twitter ihre Reunion: „Die zwölf Jahre Pause sind vorbei und die Ritter der Soundtafel reiten wieder.“ Die erste Veröffentlichung, allerdings noch mit älterem Live-Material, lässt nicht lange auf sich warten: 2011 erscheint „Live On I-5“, das Aufnahmen ihrer 1996er-Tour umfasst.

Im Jahr darauf gibt es auch endlich wieder neues Material zu hören: Das Studio-Album „King Animal“ erscheint im November 2012 – es ist das letzte Hurra der Band, die mit dem Selbstmord Chris Cornells am 17. Mai 2017 ihrem Ende ins Gesicht sieht. Noch am Tag zuvor hat die Band ihr letztes Konzert – im ausverkauften Fox Theatre von Detroit – gespielt. Als Soundgarden ihren 20. und letzten Song des Abends spielen, „Slaves & Bulldozers“, singt das Publikum mit. Plötzlich – die Band hat den Song extrem gedehnt – stimmt Cornell plötzlich ein anderes Lied an: „In my time of dying, I want nobody to mourn (…) All I want for you to do is take my body home.“ Die Zeilen aus dem klassischen Gospel „In My Time Of Dying“, eine Referenz an Led Zeppelin, bieten nach Bekanntgabe des Suizid Cornells Platz für Spekulationen.

Am Ende bleibt die Erinnerung. Die Erinnerung an eine Band, die nur aufgrund unglücklicher Umstände nicht zum Sprachrohr einer Generation geworden ist. Die eben das Pech hatte, zeitgleich mit Pearl Jam und Nirvana aufzutauchen und die – im Vergleich – für die Charts zu sperrig gewesen ist.  „Früher haben wir mal auf Alternative-Rock-Festivals gespielt und passten da nicht so richtig hin, dann haben wir auf Metal-Festivals gespielt, und auch da nicht so richtig dazugehört“, beschrieb Cornell die Sache mal in einem Interview. Daher habe das Motto der Band gelautet: „Wir gegen den Rest der Welt.“

DISCOGRAPHY

1988: Ultramega OK

1989: Louder Than Love

1991: Badmotorfinger

1994: Superunknown

1996: Down On The Upside

2012: King Animal

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