Im Interview: Anna Pancaldi

Anna Pancaldi (foto: jake milligan)

Ein gutes Jahr ist es her, da begann es um Anna Pancaldi zu brodeln und zu blubbern. Damals kam ihre erste und selbst verlegte EP „Black Tears“ auf den Markt und das Ding marschierte völlig überraschend auf Platz sechs der iTunes-Liedermacher-Charts und Platz 52 der iTunes-Albumcharts durch. Dummerweise erhielt das Mini-Album dabei medial nicht die Beachtung, die es vierdient hätte. Nun erschien am 12. April Pancaldis zweite EP „Dear Joey“ – und die Hoffnung, dass die Welt diesmal mehr Notiz nimmt, ist berechtigt. Immerhin war Pancaldi zwischenzeitlich das Gesicht einer Levi’s-Kampagne, zu der sie auch ihren Song „A Little Bit Of Love“ beisteuerte.  NEON-GHOSTS-Autor Marco Boehm hat Anna Pancaldi im Mojo Café auf Hamburgs Reeperbahn erleben dürfen und zum Interview getroffen.

Auf der kleinen Bühne steht eine schmale Person hinter einer fast zu groß wirkenden Gitarre. Doch mit den ersten Tönen wird sofort deutlich, dass es sich um eine starke Frau mit dem „Emotions-Verstärker“ Gitarre handelt. Eine Frau mit ausdrucksvoller Stimme, die mit ihrem Instrument zu einer Einheit zu verschmelzen scheint. Eine Frau, die Musik mit Seele macht. Bei Anna Pancaldi scheint jeder Song eine Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen. Ein in Musik gefasster Seelen-Striptease; es gibt keine direktere Form als diese ungeschminkte Art des Auftritts. Eventuell ist ihr der Stetson-Hut nicht nur ein willkommenes Markenzeichen, sondern bietet vielmehr eine letzte Ecke des persönlichen Rückzugs, wenn sie die Augen für kurze Zeit schließt und den Kopf senkt. Dann kann sie einmal bei sich sein, um gleich darauf wieder ganz zu ihrem Publikum zurück zu kehren.

Anna Pancaldi (foto: marco boehm)

Anna Pancaldi (foto: marco boehm)

Anna, du bist gerade als Support von Jake Isaac auf kleiner Europatour und wirst erst jetzt jenseits der Britischen Inseln wahrgenommen. Deine musikalische Reise hat aber sicherlich nicht erst mit deiner EP „Black Tears“ begonnen.

Das letzte Jahr war schon eine unglaubliche Erfahrung für mich. Auch, wenn die Musik schon immer ein Teil meines innersten Seins ist, spürte ich, dass die Zeit gekommen war, um den nächsten Schritt zu gehen. Ich beschloss eine Tour durch ganz Großbritannien zu machen, unterstützt durch meine EP „Black Tears“. Ich spielte in kleinen Pubs ebenso wie beim Glastonbury Festival, der Secret Garden Party oder dem Cambridge Folk Festival. Zudem hatte ich die Chance, als Supporting-Act bei namhaften Künstlern aufzutreten.

 

Das ist noch immer schwierig zu verstehen. Wenn du vom „nächsten Schritt“ sprichst, muss es ja auch welche davor gegeben haben. Man entscheidet sich doch nicht einfach so, eine UK-Tour zu machen.

Wenn ich die Uhr ganz zurückdrehe, dann stehe ich mit drei oder vier Jahren auf einer Bühne im Kindergarten und verpatze einen Auftritt so sehr, dass ich die nächsten Jahre Angst vor der Bühne hatte. Als ich mit meiner Familie aus Essex nach Südafrika umzog, hatte ich die Möglichkeit professionellen Gesangsunterricht zu bekommen. Das war mit etwa zwölf Jahren. Dadurch verlor ich meine Bühnenangst immer mehr und ich konnte mich weiterentwickeln. Ein paar Jahre später, zurück in Essex, wusste ich, dass Musik mein Lebenselixier ist.

 

Leidest du immer noch unter Lampenfieber?

Es klingt vielleicht ungewöhnlich, aber ich empfinde die Anonymität der unterschiedlichen Bühnen und Zuschauer als sehr hilfreich keine Bühnenangst zu bekommen.

 

Ich habe dich so verstanden, dass du dich derzeit ganz bewusst für ein Leben aus dem Koffer und Millionen neuer Eindrücke entschieden hast.

Genau, ich möchte so viel von diesem überwältigenden Planeten sehen, wie es geht und dabei mit jedem Ort und jedem Auftritt lernen und erleben. Das ist auch ein Grund, weshalb ich mein Bühnenprogramm auf meine Stimme und eine Gitarre beschränke. Mit einer Band unterliege ich einer ganz anderen Struktur bei der Gig-Planung. Ich kann spontan Auftritte annehmen, entscheide selbst, welche Gage für mich in Ordnung ist. Zudem kann ich auf der Bühne in den direkten Dialog mit dem Publikum einsteigen. Dabei sehe und spüre ich, was funktioniert und woran ich arbeiten muss. Songs verfeinern sich selbstständig in diesem System.

 

Auch deine neue EP „Dear Joey“ verzichtet auf ein Schlagzeug und Gimmicks wie Streicher oder Bläser. Kommt denn eine Band gar nicht in Frage?

Doch. In meinem Kopf arbeite ich schon daran, doch ich möchte die Schritte gehen, die ich für richtig halte, um für die – und mit der – Musik ein ganzes Leben zu leben. Da fühlt sich eine Band derzeit noch nicht richtig an.

 

Und auch kein Major-Label-Plattenvertrag? Denn du wirst sicherlich auf dem Schirm von Plattenbossen sein, nachdem du einen Levi’s-Werbekampagne-Song geschrieben hast, bei BBC 6 music (Moderator Tom Robinson) liefst und mittlerweile auch – vom neuen Album – auf BBC2 in der O’Leary-Show gespielt wirst, eine der größten national ausgestrahlten Radio-Sendungen Großbritanniens.

Der Musikmarkt hat sich enorm gewandelt. Es geht nicht mehr darum, einen Plattendeal zu bekommen, koste es, was es wolle. Vielmehr hat jeder Musiker die Chance, sich selbst zu erschaffen und eigenverantwortlich die Musik zu vermarkten.

 

Ist das auch der Grund, weshalb du eine Drei-Track-EP herausbringst und kein langes Album?

Ich möchte meinen Zuhörern in regelmäßigen Abständen neue Musik von mir bieten. Da bietet es sich an, dies als EP umzusetzen. Jeder Song darauf soll das Niveau einer Single haben. Bei einer geringen Anzahl an Songs wird nicht ein Song überhört. Auch die Hörgewohnheiten haben sich verändert. Es werden Listen erstellt, mit Lieblingsliedern, nicht mehr ganze Alben angehört.

 

In der Zusammenschau unseres Gesprächs fällt mir auf, wie strukturiert und vorsichtig – und dabei wohlüberlegt – du in deiner Karriere vorgehst. Das finde ich bemerkenswert, da ich das Gefühl habe, dass nichts an dir zerrt – nicht von außen und nicht von innen.

Ja. Die Musik ist so etwas wie ein Wesen. Doch ich musste es nicht aufziehen und pflegen, sondern ich spürte es schon immer durch mein Blut fließen. Und nun muss ich damit so behutsam umgehen, dass ich es mein ganzes Leben bei mir tragen kann.

Ihre Release-Show (sie ist auch ihre erste Headline Show) in London, St. Pancras Old Church und bereits ausverkauft. Uns kündigt sie an, wieder im Herbst in Deutschland zu sein. Alles spricht dafür, dass die „Kritische Masse“ der künstlerischen Kreativität erreicht ist und nur etwas ‚Nuklid‘ (ob dies eine steigende Fanbase ist oder Musik-Manger, die aufmerksam werden) eine Kettenreaktion auslösen wird, die Anna Pancaldi in den Fokus der musikalischen Welt katapultiert. Unabhängig von diesem Blick in die neonghostseigene Kristallkugel tut Anna Pancaldi unseren Ohren und unserer Seele einfach gut.

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