Erasure

Erasure (foto: doron gild)

Von wegen Intermezzo: Die britischen Synthie-Popper von Erasure erweisen sich musikalisch als erstaunlich langlebig. Ihr 30-jähriges Bestehen hat die Band längst gefeiert – und scheint im Alter immer besser zu werden.

Nein, lange schien es Vince Clarke nie mit seinen musikalischen Partnern aushalten zu können. Nur ein Jahr blieb Clarke, immerhin Gründungsmitglied, bei Depeche Mode, nachdem er der Band mit „New Life“ und „Just Can’t Get Enough“ ein paar Hits komponierte. Der Grund für seinen Ausstieg 1981? Musikalische Differenzen, wie es immer so schön heißt. Bereits 1982 hatte der Gute aber das nächste heiße Projekt am Start: Yazoo. Mit Alison Moyet an seiner Seite stürmte Clarke auch hier wieder die Charts, landete unter anderem Hits wie „Only You“, das er eigentlich mit Depeche Mode aufnehmen wollte. Weil es auch hier wieder künstlerische Differenzen gab, lösten sich Yazoo 1983 schon wieder auf. Anschließend veröffentlichte Clarke mit dem Ex-Undertones-Sänger Feargal Sharkey unter dem Namen The Assembly die Single „Never Never“. Auch hier war recht schnell wieder Sense.

Und so hätte man damals wohl nicht allzu viel Geld auf eine langfristige Verbindung gesetzt, als Clarke Mitte der achtziger Jahre über die Zeitschrift „Melody Maker“ nach einem neuen musikalischen Partner suchte. Letztlich meldete sich der Sänger Andy Bell – als der letzte unter 40 Bewerbern – auf die Anzeige. Bell entsprach genau Clarkes Vorstellungen. Er hatte dieses fast schon trashig Glamouröse, eine außergewöhnliche bis ins Falsett hinaufreichende Stimme und war in der Lage, als Frontmann eine extravagante Show abzuziehen, während sich Clarke als eher stiller Klangtüftler im Hintergrund aufhalten konnte.

Das Duo veröffentlichte 1985 seine erste Single „Who Needs Love Like That“, immerhin ein kleiner Disko-Erfolg. Der erste Hit war aber „Oh L’amour“, ebenfalls eine Auskoppelung aus dem ersten Album „Wonderland“ (1986). In Europa war die Single vor allem in Deutschland und Frankreich erfolgreich, in Südafrika (Platz 2) und Singapur (Platz 3) kamen Erasure damit sogar erstmals in die Top Ten.

Erasure schienen Ende der achtziger Jahre die Hit-Formel für sich entdeckt zu haben. Die muss in etwa so gelautet haben: Man nehme poppige Synthie-Klänge, vermenge diese mit jeder Menge Kitsch, vermeide es aber, komplett ins Banale oder Beliebige abzugleiten. Eindrucksvoll beherrschte die Band jahrelang die Charts. Erasures erster kommerziell wirklich großer Hit war die vierte Single „Sometimes“, mit dem sie es 1986 jeweils bis auf Platz 2 der englischen und deutschen Charts brachten. „Victim of Love“ erreichte 1987 Platz 1 der US Dance Charts. Das zweite ebenfalls von Flood produzierte Album „The Circus“ (1987), aus dem diese Singles ausgekoppelt waren, verkaufte sich nun wesentlich besser.

Die nachfolgenden fünf Alben „The Innocents“ (1988, mit der erfolgreichen Single „A Little Respect“), „Wild!“ (1989), „Chorus“ (1991), „Pop! The First 20 Hits“ (1992) und „I Say I Say I Say“ (1994) kamen in England allesamt auf Platz eins, so dass Erasure bereits 1992 als eine der erfolgreichsten britischen Bands überhaupt galten. Die „ABBA-esque“-EP (1992), auf der sie die ABBA-Hits „Lay All Your Love on Me“, „S.O.S.“, „Take a Chance on Me“ und „Voulez Vous“ coverten, erreichte 1992 Platz 1 der Single Charts in England und Platz 2 in Deutschland, Erasure lösten damit einen neuen ABBA-Boom aus.

Danach – Grunge und Britpop waren an diesem Umstand nicht unschuldig – schwand das öffentliche Interesse an der einstigen Hit-Fabrik. Der seicht anmutende, pompöse Pop war plötzlich nicht mehr so gefragt.

Mit dem Album „Erasure“ (1995) schlug die Band daher einen neuen Weg ein, setzte fortan eher auf Balladen mit verspielten Ambientklängen und ausufernden Instrumentalpassagen. Die Single „In My Arms“ aus dem Album Cowboy erreichte immerhin 1997 Platz 2 der US Dance Charts. Das nächste, erstmals wieder von Flood produzierte Album „Loveboat“, das mit Akustikgitarren und Hip-Hop-Beats um die Ecke kam, wurde dann aber 2000 in Nordamerika nicht einmal mehr vertrieben.

Von 1999 bis 2001 wurden Stück für Stück alle Erasure-Singles, die zwischen 1986 und 1992 veröffentlicht wurden, samt Remixes und B-Seiten auf vier Box-Sets veröffentlicht. 2001 „würdigte die US-Fernsehserie „Scrubs – Die Anfänger“ in der dritten Folge der ersten Staffel („My Best Friend’s Mistake“) den Erasure-Hit „A Little Respect“. Das Stück wurde immer wieder aufgegriffen, teilweise von Seriencharakteren selbst interpretiert.

Im selben Jahr nahmen Wheatus eine erfolgreiche Coverversion von „A Little Respect“ auf. Erasure profitierten davon, auf diese Art wieder im Gespräch zu sein und landeten mit einer Adaption des Peter-Gabriel-Hits „Solsbury Hill“ 2003 selbst wieder in der Playlist der Radios und Musikkanäle. Die Single, das nachfolgende Album „Other People’s Songs“ (ausschließlich aus Coverversionen, denen die Jungs ein moderneres Gewand verpassten, bestehend) und die anschließenden Konzerte waren erfolgreich wie lange nicht. 2003 veröffentlichten Erasure auch das Best-of-Album „Hits! The Very Best Of Erasure“, das sich allein in Großbritannien 100.000 Mal verkaufte – Gold!

Privat durchlebte die Band damals Höhen und Tiefen: Im Mai 2004 heiratete Clarke seine Freundin Tracy. Im selben Jahr ließ Bell als Antwort auf einen Zeitungsbericht verkünden, dass er und sein Lebensgefährte Paul Hickey (der 2012 sterben sollte) HIV-positiv getestet worden seien. Der Erasure-Sänger wollte mit seinem Outing Vorurteile beseitigen. „HIV-positiv zu sein bedeutet nicht, dass man Aids hat. Meine Lebenserwartung ist nicht geringer als die jedes anderen Menschen, daher gibt es keinen Grund zur Panik. Um HIV und Aids herrscht noch immer eine unglaubliche Hysterie und Ignoranz. Lasst uns einfach normal weiter machen“, sagte er damals.

Musikalisch schwammen Erasure weiterhin auf der Erfolgswelle: 2005 erreichte die Single „Breathe“ aus dem Album „Nightbird“  wieder Platz 1 der US Dance Charts und Platz 4 der Charts in Großbritannien. Selbst Musikkritiker konnten sich, nachdem sie die Band einige Jahre eher hämisch begleiteten, für diese Platte begeistern.

Im März 2006 wurde das Akustik-Album „Union Street“ zusammen mit der Single „Boy“ in Deutschland veröffentlicht. Für dieses Album wurden jedoch keine neuen Tracks eingespielt, sondern bisher größtenteils nicht als Singles veröffentlichte Albumtitel aus den Jahren 1987 bis 2000 ausgewählt. Diese wurden in einem Studio in New York mit den Musikern Steve Walsh und Jill Walsh neu arrangiert.

Klingt etwas faul, nach Resteverwertung, doch noch im selben Jahr bereiteten die beiden ein neues Studio-Album vor. Das Ergebnis, „Light At The End Of The World“, erschien 2007.

Ein paar Kollaborationen hier, ein paar Compilations dort – mehr sollte danach vier Jahre lang nicht passieren. Das nächste Album, „Tomorrow’s World“, erschien erst 2011. Die eigentliche Sensation folgte jedoch ein Jahr später, als Clarke mit dem lange gemiedenen früheren Depeche-Mode-Kollegen Martin Gore 2012 gemeinsame Sache machte und unter dem Namen VCMG ein Techno-Album veröffentlichte.

Nach dem Weihnachtsalbum „Snow Globe“ (2013) hauten Erasure 2014 noch Mal ein von Kritikern gefeiertes Album raus: „The Violet Flame“, produziert von Richard X, erreichte immerhin Platz 2 der US Dance Charts.

Erstmals politische Töne schlugen Erasure dann 2017 mit dem Album „World Be Gone“ an, auf dem die Band Stellung zu den Irrungen und Wirrungen der Welt bezogen. Ohne dabei freilich hoffnungslos zu sein; das Albumcover deutete es bereits an: Die Galionsfigur des Schiffes in schwerer See trotzt den Wellen und blickt in die Zukunft.

 

DISCOGRAPHY

1986: Wonderland

1987: The Circus

1988: The Innocents

1989: Wild!

1991: Chorus

1994: I Say I Say I Say

1995: Erasure

1997: Cowboy

2000: Loveboat

2003: Other People’s Songs

2005: Nightbird

2006: Union Street

2007: Light At The End Of The World

2011: Tomorrow’s World

2013: Snow Globe

2014: The Violet Flame

2017: World Be Gone

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