Nachruf: Zum Tod von Stephen Hawking

Stephen Hawking (foto: National Aeronautics and Space Administration)

Stephen Hawking ist tot. Am Mittwochmorgen ist der theoretische Physiker im Alter von 76 Jahren in Cambridge friedlich eingeschlafen, wie seine Familie bestätigt hat. Der Brite, bei dem mit 21 Jahren ALS diagnostiziert wurde und dem die Ärzte damals nur noch zwei Jahre zu leben gaben, war der wohl populärste Wissenschaftler der Gegenwart. Unser Autor Marco Boehm erinnert sich.

Wissenschaftler, gerade jene aus eher theoretischen Bereichen, werden selten über Fachkreise hinaus bekannt. Und auf Bestsellerlisten landeten sie mit ihren Publikationen auch eher selten. Stephen Hawking war da die Ausnahme, die die Regel bestätigte. Seit 1988, jenem Jahr, in dem ihm mit seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ der große Durchbruch gelang. Bis zuletzt waren seine Vorträge Zuschauermagnete. Die Karten waren, wie bei großen Popstars, innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Die Stimmung war einzigartig (ich durfte ihn selbst einmal in Cambridge sehen), der Saal wie elektrisiert – und das bei einem Publikum, das beileibe nicht nur aus Nerds bestand, wie sie aus „The Bing Bang Theory“ (wo er übrigens einen Gastauftritt hatte) hätten entsprungen sein können.

Humor gegen staubtrockene Theorie

Ja, „staubtrocken“ ist natürlich schon wieder so ein Ausdruck, den nur ein unwissender Laie benutzen würde. Einer, der Physik nur aus der Schule kennt. Dabei ist der Vergleich von Schul-Physik mit Astrophysik am „Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik“ der Universität Cambridge so, als würde man den Besuch einer Dorfdisco mit dem des Ultra-Music-Festival vergleichen wollen. Ist eigentlich zum Scheitern verurteilt. Hawking konnte aber auch das Interesse von Laien an der großen Physik wecken. Und das vor allem dank seines Witzes. “Humor ist eine große Hilfe bei der Erklärung der Rätsel des Universums”, sagte er und bewies dies nicht nur bei seinen Vorträgen, sondern auch bei seinen Gastauftritten in der Welt der Populärkultur.

Millionen Jahre lebten die Menschen wie Tiere

1993 etwa pokerte Hawking auf dem Holo-Deck (“Raumschiff Enterprise – The Next Generation”) mit Data, Albert Einstein und Isaac Newton, wobei er sich selbst spielte. Auch bei den Simpsons war er in einer Folge ein Hauptcharakter. Und im Song „Keep Talking“ von Pink Floyd ist ein einleitender Satz seines Sprachcomputers zu hören: „For millions of years mankind lived just like the animals. Then something happened which unleashed the power of our imagination. We learned to talk.“

Sprachcomputer

Nach einer Lungenentzündung 1985, die er knapp überlebte, konnte er nicht mehr sprechen. Zunächst verständigte er sich über eine Buchstabentafel und Augenbrauenheben, bis ein komplexer Sprachcomputer entwickelt wurde, den er zunächst über die Wangenmuskulatur steuerte, später nur noch über Augenbewegungen. Dieses hochkomplexe Gerät, das permanent weiterentwickelt wurde, hieß DECtalk DTC01. Mir bleibt aber bis heute verschlossen, warum die Stimme noch immer nach der Technik aus dem Jahre 1990 klang. Jede „Alexa“, „Siri“ oder „Cortana“ spricht emotionaler und „menschlicher“. Hatte die mechanische Stimme eine Bedeutung oder war es lediglich ein Markenzeichen, das er nicht mehr viel verändern wollte. Denn jeder, der die fast quäkende Stimme hörte, wusste sofort: Ah, Hawking.

Genie oder Wahnsinn

Fachliche Nachrufe werden sich eingehend mit der Tragweite seiner wissenschaftlichen Abhandlungen befassen. Dabei ist anzumerken, dass sich Hawking immer getraut hat, Themen polarisierend anzugehen, was ihm häufig Kritik aus den Reihen der Wissenschaft eingebracht hat. Er hat aber auch immer wieder alte Ansätze revidiert und zugegeben, wenn er auf dem Holzweg war. Doch auf den Gebieten der Kosmologie, der Allgemeinen Relativitätstheorie und der Physik der Schwarzen Löcher setzte er Standards, die bleiben werden.

Ob es legitim ist, Stephen Hawking in einem Atemzug mit hellen Köpfen wie Albert Einstein, Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz zu nennen, wird die Zeit zeigen. Fakt ist: Sein Wert für Wissenschaft und Populärwissenschaft und die Vernetzung dieser beiden Sphären ist unermesslich. Alleine aus diesem Grund ist der Begriff „Genie“ für ihn passend. Die Welt hat einen großen Vordenker verloren.

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