Klangwart – Bogotá

Klangwart - Bogota (foto: staubgold)

Track by Track ist Kollege Marco Boehm das neue Klangwart-Album “Bogotá” mit Klangwart-Klangtüftler Timo Reuber durchgegangen. Unser Autor hat den studierten Musiker direkt in Köln getroffen – und war am Ende von Werk und Künstler ziemlich beeindruckt. 

„Moment. Klangwart, Klangwart.“ Die Erinnerung meines Platten-Dealers beginnt zu arbeiten – schön, dass es so einen beneidenswerten Nerd überhaupt noch gibt, der nicht nur einzelne Songs von Playlisten kennt, sondern Zusammenstellungen von Long-Playern, verteilt auf A- und B-Seiten. Und schon hatte er das Musik-Projekt in seiner Gehirn-Bibliothek gefunden. 

„Transit. War die letzte Scheibe. 2016. Hat sogar in ‚The Wire‘ den Kritiker-Preis im ‚Avant-Rock‘ abgestaubt. Apropos. Staub. Das Label von denen heißt ‚Staubgold‘. Der eine, Markus Detmer, ist DJ und Chef vom Staubgold-Label, hat `nen eigenen Plattenladen in Südfrankreich und ist immer in der Weltgeschichte unterwegs. Der andere, Timo Reuber, ist studierter Musiker und zudem Autor für Funk und Film, oder wie das heißt.“

Tja, damit hatte mir mein Platten-Dealer schon die halbe Arbeit meines Artikels abgenommen. Ich forderte ihn aber heraus, denn mein Auftrag lautete nicht einfach „Klangwart“, denn seit dem minimalistisch-avantgardistischen Über-Album „StadtLandFluss“ aus dem Jahre 2008 trifft mein Musiknerv immer wieder auf das Konzept-Projekt. Ich möchte nun die Nummer „Staubgold 150“ haben, den neuesten und siebten Longplayer (wobei einer lediglich auf Kassette erschien), mit Namen „Bogotá“. Doch selbst da hat mein Platten-Dealer eine Antwort drauf: „Nee, hab ich noch nicht auf Naht, aber vor einem Jahr kam eine schwarze Sieben-Inch mit einem kleinen Vogel raus. Die heißt ‚Monserrate‘. Das passt doch. Das ist doch der Berg, der das ohnehin hohe Bogotá noch überragt. Ist also bestimmt eine Auskopplung gewesen.“ Ich lächle verkniffen, zeigte mir mein Platten-Dealer doch das erste Mal, dass er nicht nur ein Musik-Nerd war, sondern auch noch ein Geographie-Ass. Als Tipp gab er mir noch mit auf den Weg, dass „Klangwart geniale Musiker sind, aber auch Guerilla-Kreative, da weiß man nie, wann das Album wirklich da ist.“ Zudem schrieb er mir den Namen einer Kneipe in Köln auf, in der ich nach einem in blinkende Kästen vertieften Weihnachtsmann suchen solle. 

Mein Ziel war somit gebucht. Die Deutsche Bahn und Kopfhörer ließen mich in die Welt von „Bogotá“ eintauchen. Obwohl Klangwart bereits seit über 20 Jahren besteht, spürt der Zuhörer eine Erneuerung und Entwicklung in jeder neuen Scheibe. Die gemeinsamen Listening-Sessions der frühen Jahre, das gemeinsame Hören und Diskutieren, das Durchleuchten von Sounds und Klängen, hat Auswirkungen bis zur aktuellen LP. Doch ebenso wie die minimalistischen Wurzeln irgendwo zwischen Krautrock und Ambient, bleibt das Duo durch improvisierte, elektronische Live-Sessions immer „Klang-Forscher“. Persönliche Entwicklungen schlagen sofort durch, denn ihre Sehnsucht nach musikalischer Wahrhaftigkeit und Originalität lässt keine gleichklingende Watteschicht von Pop zu. Die psychedelisch-elektronischen Klangcollagen sind jederzeit echt und direkt. Es sind die Symphonien des 21. Jahrhunderts, klassische Musik, wenn auch im höchsten Maße progressiv. Und nun? Minimalistische Musik mit lateinamerikanischem Puls? Eine Herausforderung für das Konzept. 

Treibende, rollende Rhythmen, die durch einen ethno-jazz-funky walkenden Bass verstärkt werden, sind die Grundzutat für dieses Fusion-Projekt zwischen Ambient, Champeta und Jazz-Rock.

Filigrane Klänge, sphärische Stimmen, in der Diskussion mit einer spannenden Gleichtönigkeit machen aus den hochwertigen Zutaten erst ein Sterne-Menü. Verantwortlich für die einfühlsame Mischung aus Live-Session und elektronischen Klang-Netzen, die den Hörer einfangen, ist Timo Reuber durch die Editierung der Live-Sessions. Doch das Ausgangsmaterial muss gegeben sein. Innerhalb weniger Tage wurde mit herausragenden kolumbinanischen Musikern eingespielt und improvisiert. [Juanita Añez Rothmann (vocal), Valentina Añez Rothmann (vocal), Eblis Álvarez (cello), Damien Ponce (drums), César Quevedo (bass)]

So, wie es sich für eine Konzept-Band geziemt, die sich in evolutionärer Stammfolge des minimalistischen Krautrocks befindet, ist alles Experimentell-Elektronische erlaubt. Mit den hochklassigen südamerikanischen Musikern ist dabei eine neue Lesart entstanden; ein Café del Mar für Ohr-Akademiker. Einige Tracks würden im Umfeld der Vienna Scientists beim flugsen Reinhören nicht auffallen. Das allein zeigt die Wandelbarkeit und den breiten Horizont von Klangwart. Das Projekt macht Spaß. Entführt es das fast göttlich-zerstörerisch-reine Klangwart in die schmutzigen und lebendig-verschachtelten Gassen und Marktplätze Kolumbiens. Klangwart gelingt es, das Göttliche mit dem Irdischen zu verschmelzen und wird damit zum Schamanen der minimalistischen elektronischen Musik.

Köln, in der Nähe vom Zoo, Bier aus Schnapsgläsern (oder nah dran), Zigarettenrauch (echt) und Menschen, die hier zuhause sind, ein Stimmgewirr, fast schon wie aus einem Track von Klangwart. Und da sitzt der große Man mit Rauschebart und scheint sich selbst in eine andere Welt gebeamt zu haben. Wie ein Raumschiffkommandant sitzt Timo Reuber vor mehreren analogen und brandneuen digitalen Effekt- und Composing-Geräten und bedient alle scheinbar spielerisch zeitgleich, eingerahmt von einem gigantischen Paar Kopfhörer, das so gemütlich wie ein Ohrensessel aussieht.

Wortlos bietet er mir einen Platz in der Kanzel an und ich kann ein paar Lichtjahre mitfliegen, bis wir in der Kneipe landen und ich ihn ganz weltlich interviewe. So einfach war es also, eine Ikone des Neo-Krautrocks zu treffen. So lautet meine erste Frage auch: „Klangwart und auch deine vier Solo-Longplayer lassen ‚Reuber‘ in einem fast religiös-glorifizierten Bild erscheinen. Kannst du auch ganz weltlich sein?“ Vorauf Timo Reuber antwortet: „Wende deinen Blick von meinem Antlitz ab, knie nieder und küsse meinen Ring.“ — Ach nein, ich hätte gerne eine solche Frage gestellt, aber das ist kein guter Opener, also blieben wir lieber eng an den Tracks auf dem neusten Album „Bogotá“.

Titel 1: Porro A

Boehm: „Porro A, der erste Song der Scheibe klingt ein wenig wie menschliches Hühnergegacker und entwickelt dabei eine sphärisch-rhythmische Dynamik, als Bass und Schlagzeug einsteigen.“

Reuber: „Porro ist eine Art traditioneller Gesangsstil, der unter anderem an Markttagen von den Marktfrauen gesungen wurde. Juanita und Valentina, die beiden Sängerinnen des Projekts, improvisierten spontan, Bass und Schlagzeug stiegen ebenso improvisiert darauf ein. Es war ein Glück, dass die Aufnahme bereits lief. Das wilde und lustige Anpreisen der imaginären Waren und das Meckern untereinander ist ein wundervoller Einstieg in das Album.“

Titel 2: Level 4

Boehm: „Der meditative, walkende Bass mit seinen zwei Tönen, die immer und immer wiederholt und nur kurz mit anderen Tönen gefüllt werden, in Kombination mit dem verspielten Schlagzeug mit vielen Perkussions-Elementen ist ein großartiger Klangteppich. Doch dann schwillt der minimalistische Klangwart-Sound mit in die Situation. Eine großartige Symbiose.“

Reuber: „Von diesem Stück existierte nur die Schlagzeug- und Bass-Spur. Wieder zurück in Köln habe ich während einer bewegten, leicht entgrenzten einsamen Nachtsession, elektronische Klänge hinzugefügt. ‚Level 4‘ bezeichnete den Luxusgrad unserer kolumbianischen Unterkunft. Insgesamt verteilen sich die acht Millionen Einwohner in Bogotá auf 6 Leveln. Mehr als die Hälfte der Einwohner lebt unterhalb von Level 3. Wir hatten Glück und mit Level 4 eine schöne, helle Wohnung mit fließendem, heißem Wasser und Internet-Anschluss. Nur eine Handvoll Superreicher kann es sich erlauben, auf Level 6 zu leben – mit ummauerten Luxuswohnvierteln, die die schwer bewaffneten Zugangstore schützen.“

Titel 3: Rico

Boehm: „Dieser Track hat die meisten Jazz-Rock-Ambient-Anleihen. Die südamerikanisch-rollende Atmosphäre ist nur in den Glocken des Schlagzeugs zu spüren.“  

Reuber: „Damien (Anm. d. Red.: Damian Ponce, der Schlagzeuger) erinnerte die Musik spontan an die Musik von Steve Reich. Aus „Reich-haltig“ wurde dann auf Spanisch „Rico“. In Köln hat Joseph Suchy später noch eine wundervolle Gitarrenspur dazu eingespielt.“

Titel 4: Blinddate

Boehm: „Es war hart für mich. Erst wurde ich mit einem Sample ganz nach Anne Clark gefangen und plötzlich schlägt ein schräger Takt voll dagegen. Erst langsam verschmelzen die beiden Seelen. Vielleicht, wie das Beschnuppern bei einem Blinddate?“

Reuber: „Das ist das mit mehr als 9 Minuten längste Stück des Albums. ‚Blinddate‘ ist ein Zusammenschnitt aus der ersten gemeinsamen Session beim ersten Treffen mit César Quevedo und Damien Ponce. Die Chemie hat sofort gestimmt. Beides sind freundliche, intelligente Typen – sehr entspannt, trinkfest, mit gutem Mutterwitz. Und außerdem sind beide hervorragende, sehr kreative, vielseitige Musiker. Markus (Anm. d. Red.: Markus Detmer) und ich mussten uns wirklich anstrengen, um wenigstens halbwegs mitzuhalten.

Ein paar Tage danach haben Juanita und Valentina Aňez Rothmann über die Basistracks improvisiert. Daraus schnitt ich später die eigentliche ‚Gesangsspur‘. Die Zwillinge waren großherzig genug, mir ihr Vertrauen zu schenken und mir für das Arrangement ihrer Stimmen freie Hand zu lassen. Zwischendrin kann man ‚Fieldrecordings‘ aus Bogotá hören: Straßenlärm, das nächtliche Gebell von freilaufenden Hunden unter meinem Schlafzimmerfenster, ein Spielzeug-Akkordeon.“

Titel 5: Improv 1

Boehm: „Elektronisch und instrumental minimalistisch angelegt. Sphärisch und dennoch rollt es. Spannend, wie das ‚Rollen‘ entsteht. Mit dem Track kann man weit hören.“   

Reuber: „Ebenfalls ein Teil der ersten Session und komplett improvisiert – keine Overdubs. Aber, zumindest auf Vinyl, mit Endlosrille.“

Titel 6: Monserrate

Boehm: „Eine Singleauskopplung muss euch schwergefallen sein, denn eure Alben sind ganzheitliche Konzepte, bei denen schwerlich einzelne Tracks herausgelöst werden können. Klangwart-Liebhaber konnten also schon einmal die minimalistischen Krautrockwurzeln mit den organischen Rhythmen Südamerikas vereint hören. War die Single eine Botschaft? Achtung. Beim nächsten Longplayer passiert etwas ganz anderes?“ 

Reuber: „Das Stück wurde als Single auf dem Staubgold Sublabel ‚Cougouyou Music‘ veröffentlicht. ‚Monserrate‘ ist gewissermaßen das Herzstück des Albums. Schon während der Aufnahme, diese Version ist der zweite und letzte Take, noch ohne Stimmen und Cello, wussten wir, dass wir etwas Besonderes gefunden haben. Dazu kommen noch die wunderschönen Melodien und Harmonien von Las Aňez. Sie geben dem Stück zusätzlich eine unglaubliche Weite und Tiefe. Alles atmet und ist luftig und leicht. Eingebunden und doch freistehend konnte es gut als Vorgeschmack ausgekoppelt werden.“

Titel 7: Chocolate

Boehm: „Nachdem ‚Rico‘ eher sachlich nordamerikanisch klingt, fühlt sich ‚Chocolate‘ orientalisch an. Ist das gewollt?“ 

Reuber: „Seltsamerweise sind wir hier tatsächlich rhythmisch und melodisch in orientalisch anmutende Klischees ‚abgerutscht‘. Deshalb bat ich Juanita und Valentina, textlich vielleicht etwas leichtes, ironisches zu finden. Sie entschieden sich für eine Aufzählung von Zuckerhaltigem, wie Schokolade und Limonade. Die Einzelaufnahmen der Stimmen wurden dann erst später in Köln arrangiert. Scheint es nicht um die Macht der musikalischen Verführung zu gehen? Und es funktioniert!

Titel 8: Drumbattle

Boehm: „And the next fight: Mensch gegen Maschine?“

Reuber: „Damien nahm mein Spiel mit perkussiven Sounds aus dem ‚Tenori On‘ als ‚Kampfansage‘ auf und es entwickelte sich zwischen ihm und mir eine Art ‚Drumbattle‘ aus maschinellen Sequenzen und ‚echtem‘ Schlagzeug. Wir beide hatten jeweils einen Heidenspaß dabei!“

Titel 9: Improv 2

Boehm: „Das Schlagzeug beginnt wie von einer Marching-Band, jedoch mit vielen Blue-Notes, dazu gesellt sich ein trockener Jazz-Bass-Lauf. Ein spielerischer, elektronischer Top-Line-Lauf lässt den Hörgenuss leicht und frei schweben. Immer mehr Teile folgen und der Kopf groovt auf den Schultern hin und her.“

Reuber: „Auch dieses Stück manifestierte sich quasi aus dem Nichts. Nach den letzten Tagen verstanden wir uns mittlerweile fast blind. Alles fügte sich zusammen. Joseph durfte sich später mit seiner Gitarre dazu austoben und es kongenial komplettieren.“

Titel 10: Porro B

Boehm: „Hier kommt der Zuhörer nach der Reise wieder an.“

Reuber: „Der zweite Teil der Marktfrauen-Gesänge bildet als Klammer den Abschluss des Albums. Diesmal mit später, im heimischen Studio hinzugefügten Klangwart-Stimmen.“

Der Rest ist des Interviews ist in fingerhutgroßen Biergläsern ertränkt worden.

Das Album gehört in den gutsortierten Jazz-Plattenschrank gleich neben Weather Report. Es sollte aber auch auf keiner mediterranen Chill-Out Playlist einer Late-Night-Strecke eines Clubs fehlen. Klangwart-Anhänger werden diskutieren. Durfte der Kristallturm verlassen werden, wobei Klangwart in Kauf nehmen muss durch eingängigere Tonfolgen von einer wachsenden Zuhörerschaft beschmutzt zu werden oder muss es in einer eigenen Sphäre agieren?  

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Fazit: Ohne polarisierenden Blick ist Klangwart einfach ein Werk voller Leben und melancholischer Leichtigkeit gelungen. Klangwart gewährt, ganz menschlich, den Blick in eine Karte des großen Spiels von Musikstilen, die auch ihre eigene Musik beeinflussen. Mit dem nächsten Album könnte die musikalische Weltreise fortgesetzt werden – um eine Bibliothek der Klänge zu schaffen.

Anspieltipps: Gesamtkunstwerk.

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