Reema (foto: Lindiwe Suttle)

Interview: Wann sich Reema „wie ein Kind im Süßwaren-Laden“ fühlt

Als wir das letzte Mal miteinander sprachen, firmierte die großartige Reema noch unter dem Namen MiMi Westernhagen. Mittlerweile macht die Tochter von Marius Müller-Westernhagen aber unter dem Namen Reema Musik. Mit Benjamin Fiege sprach die in Brighton lebende Künstlerin über den Grund für ihren Namenswechsel, Drucksituationen und den Unterschied zwischen deutschen und britischen Zuschauern.

Reema, in Ludwigshafen treten Sie erstmals  gemeinsam mit John Kenzie auf. Ein interessantes Konzept. Wie ist es dazu gekommen?

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Wir wurden zusammen für das „Face to Face“-Konzept gebucht! Persönlich haben wir uns tatsächlich noch gar nicht getroffen, das lief bis hierher alles virtuell ab. Ich bin schon sehr gespannt, ich liebe seine Musik. Wir spielen in Ludwigshafen jeder ein eigenes Set, helfen aber jeder beim anderen bei einem Song aus. Ich will aber nicht zu viel spoilern. Es wird aber sehr aufregend!

Hattet ihr zumindest vorher irgendwie voneinander gehört?

Nein, wir haben die Musik des anderen erst jetzt über das Projekt kennengelernt. Uns gegenseitig entdeckt, wenn man so will.

Ist man da nervös, wenn man eine Show mit jemandem spielt, den man gar nicht kennt?

Ich bin eigentlich ja immer nervös. Sogar, wenn ich nur das Haus morgens verlassen muss. Aber in diesem Fall fühlt es sich tatsächlich ganz schön an, zu wissen, dass da noch ein anderer Künstler wartet. Dass der Druck dann nicht nur auf mir und meinem Instrumentalisten Stefan Baumann liegt. Jetzt teilen wir die Verantwortung mit einem anderen wunderbaren Musiker.

Das letzte Mal, als wir gesprochen haben, sind Sie noch unter dem Namen MiMi aufgetreten. Warum jetzt der Namenswechsel?

Ich hatte zwei Alben mit einem Major-Label aufgenommen, das war zwar eine tolle Erfahrung, aber auch jede Menge Druck. Es ging immer nur darum, Platten zu verkaufen und im Radio zu laufen. Das bin aber  nicht ich. So arbeite ich nicht gerne. Ich habe dann musikalisch eine neue Richtung eingeschlagen, hab mich mit Indie-Folk beschäftigt, bin zurück zu meine musikalischen Wurzeln. Der Stilwechsel ist auch vielen Hörern aufgefallen. Das hat mir bewusst gemacht: Ich schlage hier ein neues Kapitel auf – und das kann man mit einem Namenswechsel ganz gut unterstreichen. So wurde Reema geboren.

Reema ist ja auch Teil Ihres bürgerlichen Namens. Welche Bedeutung hat er?

Viele nennen mich auch privat Reema. Benannt wurde ich nach der besten Freundin meiner Mutter. Sie war früher ein unglaubliches Model, sie spielte auch die Figur Rio im Video zum gleichnamigen Song von Duran Duran. Der Name selbst stammt aus dem Arabischen, Reema ist Palästinenserin. Sie ist ein großer Teil meines Lebens, nimmt einen großen Platz in meinem Herzen ein.

Stimmt es, dass Ihre Eltern Sie aber fast „Ella“ getauft hätten?

Ja, der Name stand auf der Wunschliste meiner Mutter, weil ich direkt dieses laute Organ hatte. Diese Stimmgewalt hat sie direkt an Ella Fitzgerald erinnert. (lacht)

Ella als Vorname, Westernhagen als Nachname: Das wäre ja ein noch gigantischerer Druck als ohnehin schon gewesen. Haben Sie den Familiennamen daher bewusst aus dem Künstlernamen gestrichen?

Es ist natürlich ein großes Privileg, eine wunderbare Person, einen wunderbaren Songwriter und Performer  in der Familie zu haben, mit dem ich über Musik sprechen kann, der da so viel Wissen und Erfahrung hat. Aber es bedeutet auch Druck. Wenn Menschen den Namen „Westernhagen“ hören, dann haben sie direkt eine Idee im Kopf, von der Musik, die sie da erwarten könnte, und auch von der Person, die ich sein könnte. Viele Erwartungen, auch Vorurteile. Als Künstlerin möchte ich aber, dass mir die Leute unvoreingenommen begegnen, sozusagen bei Null mit mir anfangen. Je älter ich werde, desto einfacher wird es aber auch für mich, als eigenständige Person wahrgenommen zu werden.

„Irgendwas mit Tieren“

War es immer Ihr Plan, Musikerin zu werden? Oder gab es einen Plan B?

Ich wollte schon immer Musik machen. Schon mit sieben Jahren fing ich an, Songs zu schreiben, hab  Klavier gelernt, auch ein bisschen Gitarre. Es war für mich ein Weg, mich auszudrücken, mein Herz zu öffnen. Vielleicht habe ich nicht von Beginn an eine Karriere darin gesehen. Ein Plan B gab es aber nicht. In einem anderen Leben hätte ich vielleicht gerne was mit Tieren gemacht. Kann man sein Geld damit verdienen, den ganzen Tag Hunde und Katzen zu streicheln?

Ihr letztes Album ist schon eine Weile her, seither sind vor allem EPs erschienen. Eine bewusste Entscheidung?

Es gab zwei Vinyl-only-Veröffentlichungen in der Zwischenzeit, die eigentlich mehr Alben als EPs sind, würde ich sagen. Das mochte ich ganz gern, meine Musik in den Händen zu halten. So wie die Leute aber heute Musik hören, bieten sich EPs eigentlich ganz gut an. Jeder riet mir dazu, Singles zu veröffentlichen. Aber ich mag es lieber, Song-Sammlungen zu veröffentlichen, auch wenn es kleine sind. Bei denen die einzelnen Lieder etwas miteinander zu tun haben, bei denen man sich Gedanken macht, wie sie ineinander fließen. Daher kommt mir das EP-Format entgegen. Mit dem Album-Format habe ich insofern Probleme, als dass ich doch ein Perfektionist bin. Für mich ist es einfacher, fünf zu veröffentlichen, mit denen ich dann auch zufrieden bin als zehn oder zwölf. Dafür würde ich wohl ewig brauchen.

Sammeln Sie denn Schallplatten?

Ich liebe Schallplatten, so konsumiere ich Musik am liebsten, ich kann da komplett in die Gedankenwelt eines Künstlers eintauchen und seine Leistung, seine Kreativität wertschätzen. Ich habe vor jedem Respekt, der eine Platte fertigstellt.

Wir haben viel über Druck gesprochen – und Perfektionismus. Wie gehen Sie denn im Rahmen einer Veröffentlichung mit Kommentaren in Sozialen Medien beziehungsweise Kritiken um? Lesen Sie das?

Ich würde gerne sagen: Da bin ich cool und mir ist egal, was die Leute denken. Aber das ist nicht so. Ich bin da neugierig, mir bedeutet das was. Wenn jemandem meine Musik gefällt, wenn da jemand eine Verbindung hat, ist das fantastisch, das motiviert mich. Aber natürlich nimmt man auch das Negative wahr und manchmal überstrahlt der eine böse Kommentar die zehn guten.

Spüren Sie den Druck auch, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Auf jeden Fall, da bin ich auch immer nervös, weil ich einfach einen guten Job machen will. Aber danach ist man auch immer unglaublich stolz, auf das, was man da gerade geleistet hat. Das kennt jeder, der mit der mentalen Gesundheit so seine Probleme hat. Wenn man sich zu etwas gepusht hat und das erfolgreich ist, ist das ein großes Glücksgefühl.

Tee und Duftöle statt Bier und Grappa

Haben Sie da Rituale, die Ihnen helfen, auf die Bühne zu gehen? Wolfgang Niedecken hat einen Altar mit Grappa drin, den er bei jedem BAP-Konzert dabei hat. Und Matthias Reim hat mir neulich erzählt, dass ihm zwei kühle Pils immer helfen …

Wow, das würde sich bei mir nicht gut anhören (lacht). Bei mir ist das langweiliger: Ich habe meinen Tee dabei und Duftöle, weil ich gerne gut rieche. Und dann mache ich Atemübungen. Ein bisschen hippiesk, oder? Und dann ist da noch Stefan, mit dem ich immer viel lachen und erzählen kann, was auch die Anspannung etwas löst.

Wie geht es denn nach dem Konzert weiter? An was arbeiten Sie gerade?

Ich bin gerade dabei, mit dem Produzenten Nick Williams eine neue EP einzuspielen. Ein toller Typ, hier in Brighton quasi ein Nachbar von mir. Musikalisch wird es mehr in die elektronische Richtung gehen. Mein organischer Einfluss trifft da auf Nicks düstere, elektronische Klanglandschaften.

Und mit Bläsern haben Sie auch was vor?

Ja, im Oktober geht es mit einem Bläser-Ensemble auf Tour. Da werden wir Songs aus den letzten drei EPs, aber auch neuere performen. Die Arrangements der Bläser stammen von Stefan Baumann. Das Ensemble – mit der Besetzung: Flöte, Alt-Sax, Posaune, Bari-Sax und Bassklarinette – besteht aus  Musikerinnen aus dem Umfeld des Landes-Jugendjazzorchesters Bayern, in welchem Stefan als Projektleiter und Dozent tätig ist. Wir kommen damit auch am 10. Oktober ins Tollhaus nach Karlsruhe. Das wird sehr aufregend, mal nicht nur als Duo aufzutreten.

Sie lassen sich wohl nicht gerne in Schubladen stecken. Glam-Punk, Indie-Folk, Electronica: da war ja schon alles dabei …

Ich liebe einfach Musik. Und zwar so viele verschiedene Arten von Musik. Oft inspiriert mich etwas, das ich höre, und das ich dann gleich am liebsten selbst in der Richtung etwas aufnehmen möchte. So konsumiere ich einfach Musik, ich hole mir von überall etwas her, wie ein Kind im Süßwarenladen. Ein Grund ist aber auch, dass ich meine Songs mit der Gitarre schreibe, was einem später viele Möglichkeiten lässt, in welche Richtung sich ein Song entwickeln soll. 

Wir dürfen also auch irgendwann mit einer rappenden Reema rechnen?

Eher nicht. (lacht) Man muss seine Grenzen kennen.

„Da hätte ich zuviel Angst“

Bislang singen Sie ausschließlich auf Englisch. Könnten Sie sich auch vorstellen, auf Deutsch zu singen?

Mein Deutsch ist leider nicht sehr gut, ich hätte da wohl zu viel Angst, dass das dann schlecht klingt. Dafür bin ich dann wohl zu perfektionistisch. Einmal habe ich mit meinem Vater einen Song für sein „MTV Unplugged“ auf Deutsch gesungen, ich habe dafür zwar nicht allzu viele Hass-Mails bekommen, aber war schon sehr nervös, wie das klingen würde mit meinem starken englischen Akzent. Eine Weile habe ich mal in Berlin gelebt, aber das war nicht der beste Ort, um Deutsch zu lernen. Eine sehr internationale Stadt.

Haben Sie denn an sich deutsche Seiten entdeckt, jetzt wo sie wieder in Großbritannien sind?

Im Vergleich zu den meisten anderen hier bin ich doch sehr organisiert und pünktlich! Aber ist das nicht vielleicht ein Klischee?  Ich habe auch viele Deutsche kennengelernt, die unorganisiert oder grundsätzlich verspätet sind. (lacht)

Gibt es denn einen Unterschied zwischen deutschen und britischen Zuschauern?

Ganz massiv. Das englische Publikum antwortet viel, es gibt da immer viele Zwischenrufe. Deutsche sind eher höflich, sind eher zurückhaltend, sprechen erst nach dem Auftritt mit mir. In England ist immer einer dabei in der ersten Reihe, der rein ruft: „Ich glaube, du sprichst da gerade von meiner Frau“, „Das gefällt mir“ oder „Spiel das noch mal“. Mal sehen, wie es in Ludwigshafen wird …

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