Vince Ebert (foto: frank eidel)

Interview: Sollten mehr Wissenschaftler in die Politik, Vince Ebert?

Für Comedians ist New York ein hartes Pflaster: schwieriges Publikum, dazu viel Konkurrenz. Den deutschen Wissenschaftskabarettisten Vince Ebert hat genau das aber gereizt, fast ein Jahr verbrachte er dort. Benjamin Fiege verriet er, wie es ihm da drüben erging, warum ihm Christian Drosten leid tut und ob Wissenschaftler bessere Politiker sind.

Herr Ebert, die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es Ihnen?

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Mir geht es super, danke. Ich bin durch die Pandemie nicht in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Jüngeren Künstlern, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen, ist es da sicherlich schlimmer ergangen. Ganz zu schweigen von all jenen, die sonst in der Kulturbranche wirken: Tourbegleiter, Techniker … Die werden ja leider oft vergessen. Zum Glück gibt es ja mittlerweile wieder ein bisschen Perspektive. Open Air hat das eine oder andere wieder stattgefunden. Die Stimmung ist daher, auch bei mir, deutlich besser als noch im Vorjahr.

Sie waren gerade in den USA, als es mit Corona so richtig losging.

Ja, ich war mit meiner Frau drüben. Eigentlich wollten wir insgesamt ein Jahr in den Staaten verbringen, am Ende sind es wegen Corona nur neun Monate geworden. Wir wollten das schon immer mal machen, in den USA leben. Viele machen während des Studiums ein Auslandsemester, ich hab das sozusagen 20 Jahre später nachgeholt.

„Bin nie von der Bühne gebuht worden“

Sie haben sich dort auch keinen lauen Lenz gemacht, sondern gearbeitet. Unter anderem an einem Buch. Aber auf YouTube gibt es auch Clips von Ihnen, wie sie in NYC auftreten. Das Publikum dort gilt als besonders anspruchsvoll. Macht einen das nervös?

Ja, denn das New Yorker Publikum ist tatsächlich anders. Wenn man hierzulande irgendwo auftritt, sind die Menschen zumeist höflich, sie sitzen da, trinken einen Wein, hören zu und lassen sich unterhalten. In New York hat das aber mehr Bierzeltatmosphäre. Man muss da wirklich versuchen, die Leute für sich zu gewinnen. Sie fordern einen. Und wenn man nicht so liefert, wenn die Gags nicht sitzen, dann kann es auch zu Zwischenrufen kommen. Ich bin aber zum Glück nie von der Bühne gebuht worden.

Sie waren nicht nur an der Ostküste, sondern auch an der Westküste Im Mittleren Westen sind Sie nicht aufgetreten. Eine bewusste Entscheidung?

Das stimmt, ich hatte Auftritte in New York, Washington, ich war in San Diego und im Silicon Valley. Leider nicht im Mittleren Westen. Oder vielleicht zum Glück? (lacht). Nein, im Ernst, ich hätte das wahnsinnig gerne gemacht, mal im Bible Belt aufzutreten. Mein Programm umfasst ja auch eine Nummer zur Evolutionstheorie. Wäre schon spannend gewesen, zu beobachten, wie das dort ankäme. Leider hat es sich nicht ergeben. Vielleicht das nächste Mal.

„Politisch unheimlich korrekt“

Haben Sie selbst in den USA etwas über Ihren eigenen Humor gelernt? Ist er deutscher als Sie dachten?

Erstmal habe ich gelernt, dass wir Deutschen da drüben beliebter sind als wir das vielleicht meinen. Und nicht nur, weil wir hier so tolle Autobauer und Ingenieure haben, sondern man schätzt tatsächlich auch unsere Kultur, die Toleranz und Weltoffenheit. In Sachen Humor stellt man natürlich Unterschiede fest. Ich bin drüben ja nicht nur in Clubs aufgetreten, sondern auch für Unternehmen, Wirtschaftsverbänden oder an Universitäten. In den Clubs geht‘ ziemlich deftig zu. 50-Jährige Comedians, die Pennälerwitze reißen, bei denen man sich hierzulande denken würde: „Junge, werd‘ erwachsen…“ In den deutlich prüderen USA funktioniert so etwas aber, da ist das ein Tabubruch. Sobald man aber den geschützten Raum des Clubs verlässt, muss man aufpassen, dann gelten wieder ganz andere Regeln. In Unis oder bei Firmenveranstaltungen Witze mit sexuellem Inhalt oder über verschiedene Ethnien – da ist man unheimlich vorsichtig und politisch korrekt. Das nimmt man dort sehr ernst.

Gibt es denn einen Witz, mit dem Sie in den Staaten so richtig gegen die Wand gefahren sind?

Nein, aber es gibt folgende Geschichte. Ich sollte an einer Uni auftreten und wurde dann im Vorfeld von der Pressesprecherin angerufen. Sie hatten offenbar ein bisschen auf Youtube gestöbert und sind auf einen Gag von mir gestoßen, in dem ich die Frage stelle, ob sich Stripperinnen auf der Nordhalbkugel an der Stange in eine andere Richtung drehen als Stripperinnen auf der Südhalbkugel. Über diesen harmlosen Gag haben wir eine halbe Stunde diskutiert und ich musste ihn aus dem Programm nehmen.

„Deutsche Komödien oft zu verkopft“

Warum hat es der deutsche Humor im Ausland denn so schwer? Auch deutsche Komödien haben doch – im Vergleich zu skandinavischen oder französischen – international einen schweren Stand.

Eine gewagte These: Ich glaube, es liegt daran, dass deutsche Komödien oft zu verkopft sind. Da muss immer noch irgendwie eine Message mitschwingen. Das wirkt dann schnell belehrend oder verkrampft. Da hat man, gerade in den USA, einen lockereren Ansatz, wenn es um Unterhaltung geht.

„Make science great again“, heißt Ihr aktuelles Programm. Dabei hat man doch das Gefühl, science war noch nie so „big“, oder?

Das stimmt. Einerseits erfährt die Wissenschaft, seien es die Virologen oder die Klimaforscher, gerade eine sehr große Aufmerksamkeit. Zeitgleich stellt man aber auch fest: So richtig verstehen die meisten die Wissenschaft, wie sie arbeitet, wie sie funktioniert, dann doch nicht.

„Die Menschen wollen ein Gefühl der Sicherheit“

Es hieß ja immer: Wissenschaft muss transparenter werden. Greifbarer. Aber die Pandemie wirft doch die Frage auf: Vertragen wir das als Gesellschaft überhaupt?

Ja, die Stärke der Wissenschaft ist natürlich auch ihre größte Schwäche. Es ist die Aufgabe eines Wissenschaftlers, sich auf dem Weg zur Erkenntnis ständig zu korrigieren. Außen kommt das aber gemeinhin so an: Er hat seine Meinung geändert. Das wird ihm dann als Schwäche ausgelegt. Was aber natürlich Quatsch ist. Die Pandemie hat diesen Mechanismus im Schnelldurchlauf offengelegt. Die Menschen wollen, dass ihnen jemand ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Doch die Methode der Wissenschaft, in der man sich sozusagen nach oben irrt, die kann das nicht. Ein Christian Drosten beispielsweise hat mir da zum Teil wirklich leid getan. Er wurde ja außerdem für viele Dinge verantwortlich gemacht, für die er gar nicht verantwortlich war. Seine Aufgabe als Virologe ist es, das Virus zu entschlüsseln und ggf. Empfehlungen abzugeben. Es ist dann aber Sache der Politik, abzuwägen und zu entscheiden, welche Konsequenzen man aus den zur Verfügung stehenden Informationen zieht.

Würden Sie sich denn mehr Wissenschaftler in der Politik wünschen?

Eine schwierige Frage. Ich formuliere es mal so: Ich würde mir in der Politik mehr Entscheidungen wünschen, die evidenzbasiert getroffen werden. Rational. Leider ist es aber so, dass der Mensch ein emotionales Wesen ist und nicht immer rational handelt.  Und daher schlägt das Anekdotische stets die robusteste Doppel-blind-Studie. Wenn Sie in eine Diskussion verwickelt werden, in der Ihnen jemanden erzählt, dass sein Hund mal schweren Durchfall hatte und er ihn mit irgendeinem vermeintlichen Wundermittel heilen konnte, können Sie eine noch so gute Studie vorzeigen, die das Gegenteil beweist. Jeder wird sagen: Aber dem Hund hat’s doch geholfen.

„Das Rationale wird nicht immer wertgeschätzt“

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Physikerin – so wie Sie. Wenn ihr eine gewisse Gefühlskälte unterstellt wurde, geschah dies gerne mit Verweis auf ihre Ausbildung.

Das Rationale wird vom Wähler nicht immer geschätzt. Und wer dennoch rational argumentiert, dem kommt man in der Politik gerne mit dem Totschlagargument: Es geht um Menschen, nicht um Statistiken. Dabei schließt das eine das andere ja nicht unbedingt aus.

Bei so viel menschlichem Hang zur Irrationalität: Sind Sie eigentlich optimistisch, dass wir Herausforderungen wie den Klimawandel noch wuppen?

Ich bin optimistisch und habe da großes Vertrauen in den menschlichen Erfindungsgeist. Wir haben uns bisher als sehr anpassungsfähige und überlebensstarke Spezies bewiesen, die immer wieder Lösungen findet. Schauen Sie sich an, was sich in den vergangenen 100 Jahren alles getan hat: die Säuglingssterblichkeit ist gesunken, die allgemeine Lebenserwartung ist gestiegen, das durchschnittliche Einkommen auch. Vor 125 Jahren galt in New York Pferdemist als das größte Umwelt-Problem der Zukunft. Und ich denke, das haben wir mittlerweile wohl behoben

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