The Jeremy Days (foto: Dirk Darmstaedter/Louis C. Oberlander)

The Jeremy Days über ihr neues Album, die Trennung 1995 und Corona

Anfang 2018 standen The Jeremy Days das erste Mal nach 24 Jahren Funkstille plötzlich auf der Bühne des Hamburger Docks – und es wirkte, als seien sie eben mal nur kurz weg gewesen. Ein hochemotionales Ereignis. Für die Fans. Aber auch für die Band selbst. Rückblende: Nach knapp zehn Jahren, in denen sie mit „Brand New Toy“ sogar eine Art Evergreen gelandet hatten, war die Luft raus. Sie hatten es geschafft, sowohl als Poster in der Pop-Rocky als auch im Feuilleton der FAZ zu erscheinen, aber irgendwann konnte die Männer-WG, die sie waren, sich nicht mehr sehen. Dass sie 2021 nochmal ein Album zusammen komponieren und einspielen würden, hätten sie drei Jahre vorher noch für illusionär gehalten. Wir sprachen mit Frontmann Dirk Darmstaedter, Gitarrist Jörn Heilbut und Drummer Stefan Rager über die Reunion, die neue Platte „Beauty In Broken“ und die Pandemie.

Die Frage muss in der Pandemie erlaubt sein: Wie geht es Euch?

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Dirk: Ich würde so weit gehen und sagen, dass die Arbeit an der neuen Platte mich gerettet hat. Die vergangenen zwei Jahre waren richtig scheiße. Da ging es mir wie vielen anderen Musikern auch. Ich stand das letzte Mal 2019 auf der Bühne, das ist Wahnsinn. Vor der Pandemie war ich ja mit Bernd Begemann der vielleicht am fleißigsten tourende deutsche Musiker. Und plötzlich wurde ich komplett ausgebremst. Eine ganze Weile konnte ich gar keine Musik machen, ich bin auch nicht mehr in mein Musikzimmer gegangen, in dem ich sonst arbeite.

Stefan: Das ging mir ähnlich. Man denkt ja erst: Jetzt habe ich Zeit, jetzt kann ich kreativ sein, Musik machen. Aber man merkt schnell, dass das Musikmachen seinen Reiz verliert, wenn das Publikum fehlt. Da fehlt einfach etwas ganz Entscheidendes.

Zwischenzeitlich hat die Gesellschaft ihre Mitglieder ja in „systemrelevant“ und „systemirrelevant“ eingeteilt. Was hat das mit Euch gemacht?

Stefan: Ich bin schon ins Grübeln, ins Zweifeln gekommen. Das war keine einfache Zeit. Ich definiere mich als Musiker, das ist ein elementarer Teil meines Daseins. Und der war plötzlich überhaupt nicht mehr gefragt. Da fragt man sich natürlich, welche Relevanz man wirklich hat, das ist nicht leicht.

Hat denn die Pandemie auch konkrete Band-Pläne durchkreuzt?

Jörn: Ja, mit Sicherheit. Nach unseren Comeback-Konzerten 2019 wäre wohl alles viel fluffiger gelaufen. Wir hätten Konzerte gespielt, uns wahrscheinlich schneller an die Arbeit an dem neuen Album gemacht, wären bei den Aufnahmen dazu auch häufiger zusammengekommen.

Stefan: Wahrscheinlich würde das Album ohne die Pandemie anders klingen. Corona hat da ganz andere Räume geöffnet. Aber ich bin ganz froh, dass die Platte so ist wie sie nun geworden ist. Ich bin sehr zufrieden damit. Ich habe die Arbeit daran sehr genossen. Endlich wieder an den Drums zu sitzen. Ich habe um mein Leben gespielt.

ABBA oder The Jeremy Days?

Hand aufs Herz. Hätte man Euch 1995 gefragt, ob 2022 ein Comeback von Euch oder ABBA wahrscheinlicher wäre, was hättet ihr geantwortet?

Stefan: ABBA!

Warum habt ihr euch damals eigentlich getrennt?

Jörn: Wir hingen damals sehr viel miteinander ab. Wir arbeiteten zusammen, lebten praktisch zusammen. Und das über viele Jahre hinweg. Irgendwann hatten wir dann das Gefühl, dass das für den Moment dann auch mal genug ist. Wir haben erst einmal eine Pause eingelegt, gar nicht direkt an eine endgültige Trennung gedacht. Aber nach sechs Monaten, in denen wir alle eigene Projekte auf den Weg gebracht hatten, haben wir dann gemerkt, dass es ohne die Band eigentlich auch ganz gut funktionierte. Und so wurden dann aus sechs Monaten mehr als 20 Jahre …

Angeblich herrschte nach der Trennung lange Zeit Funkstille …

Dirk: Wir hatten mit den JDays eine ungeheuer arbeitsintensive Zeit. Wir haben zusammen geprobt, wir haben zusammen in einer WG gelebt. Die Band stand dabei total im Mittelpunkt. Sie war für uns kein Projekt, das hat mich an vielen Gruppen der Zeit gestört, die sich immer als Projekt betrachteten. Wir waren eine Band. Als die dann wegfiel, fehlte da etwas. Es hätte sich merkwürdig angefühlt, sich einfach mal so auf einen Kaffee zu treffen, wenn man vorher diese Enge hatte. Über was hätten wir sprechen sollen?

Dirk: Wir hatten große Pläne

Es hieß damals, ihr wolltet die nächsten Beatles werden. War das ironisch gemeint? Habt Ihr Euch damals zu sehr unter Druck gesetzt?

Stefan: Ironisch war das nicht gemeint!

Dirk: Nein, wir hatten tatsächlich große Pläne. Wir hätten auch gerne auf der anderen Seite des großen Teichs größere Erfolge eingefahren. Das hat aber nicht sollen sein. Und klar, der Druck war da, den haben wir uns selbst gemacht. Aber Druck gehört ja auch irgendwie dazu, er muss sein, ganz ohne geht es nicht. Man muss in der Lage sein, zu streiten, zu diskutieren.

Stefan: Wobei wir bei der Arbeit an der neuen Platte aber auch festgestellt haben, wie viel Spaß es machen kann, wenn man diesen großen Druck nicht hat, sondern einfach genießt, was man da tut.

Der Fluch des ersten großen Hits

Ihr hattet gleich auf Eurer ersten Platte mit „Brand New Toy“ gleich euren größten Hit. War auch das schwierig?

Dirk: Ja, es ist niemals gesund für eine Band, gleich am Anfang einen solchen Erfolg zu landen. Man läuft diesem dann ja immer irgendwie hinterher.

Wie steht Ihr denn heute zu dem Song?

Jörn: Hättest Du uns 1995 gefragt, wäre die Antwort sicher anders ausgefallen (lacht). Das war schon so eine Hassliebe. Wir hatten sicherlich 80 verschiedene Versionen des Songs, weil wir einfach keine große Lust mehr hatten, ihn so zu spielen, wie er auf der Platte klang. Wir hatten ihn einfach über. Heute ist das anders. Die Leute möchten „Brand New Toy“ hören, wir werden ihn auch gerne live spielen. Und auch so, wie er auf der Platte damals klang.

Dirk: Das hatten wir ja auch 2019 bei unseren Comeback-Konzerten gemacht. Die Leute haben sich so unfassbar gefreut. Natürlich bin ich nicht mehr der 23-Jährige, der diesen Song damals sang, aber man merkt, der Song hat immer noch eine Wucht.

Auftakt oder Abschied?

Macht man sich bei einer Platte nach so langer Pause nicht zwangsläufig Gedanken, wie man klingen soll? Was die Fans von einem erwarten?

Stefan: Darüber haben wir ehrlich gesagt nicht nachgedacht.

Dirk: Das Erstaunliche für mich ist dabei aber, dass das neue Album wirklich nach dieser Band klingt. Sobald die Jeremy Days wieder zusammenspielen, klingt das dann wie diese Band. Das ist schon verblüffend.

Ist das neue Album denn nun ein Auftakt? Oder eher so eine Art Abschied?

Stefan: Clever wäre jetzt natürlich, wenn wir behaupteten, auf Abschiedstour zu sein.

Jörn: Und die hört dann einfach nie auf. Wie bei Howard Carpendale …

Stefan: … oder den Scorpions! Spaß beiseite. Wir freuen uns jetzt erst einmal, wieder auf die Bühne zu können. Im Sommer haben wir bei ein paar Festivals zugesagt, um die herum wollen wir eine kleine Tour machen. Das ist der Plan.

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