Matthias Reim in Mannheim (foto: Fiege)

Live: Matthias Reim in Mannheim – Herzschmerz am Kneipentresen

Immer wieder Sprechchöre: Beim Auftakt seiner Tour wurde der Rock- und Schlagersänger Matthias Reim im Mannheimer Capitol vom Publikum am Mittwoch frenetisch gefeiert. 

Erst ganz oben, dann ganz unten – und jetzt wieder on top: Wenn einer in der deutschen Musiklandschaft dieses „Phönix aus der Asche“-Prinzip perfekt verkörpert, dann ist das wohl Matthias Reim.

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1990 wurde der aus dem hessischen Korbach stammende Musiker quasi über Nacht zum Star. Zuvor eher im Hintergrund tätig, als Komponist für Kollegen wie Bernhard Brink oder Roy Black, stand Reim da plötzlich selbst im Rampenlicht. Schuld: ein Auftritt bei Wim Thoelkes  Unterhaltungsshow „Der große Preis“ (ZDF). Dort stellte  Reim  seine neue Single „Verdammt, ich lieb Dich“ vor, ein Song, den die Plattenfirma  lieber bei Jürgen Drews gesehen  hätte. Nach dem Auftritt war für den lederbejackten Mann mit der blonden Vokuhilafrisur nichts mehr wie es war.

Von jetzt auf gleich war der damals 32-Jährige ein Teenie-Idol, das das Cover der „Bravo“ zierte. Der Song ging auf Rang eins der Charts und campierte auf diesem Platz an der Sonne stolze 16 Wochen. Die Nummer war somit – bis zur  Ablösung durch „Komet“ von Udo Lindenberg (auch so ein Phönix) und Apache 207 im Jahr 2023 – das erfolgreichste deutschsprachige Lied seit der Einführung wöchentlicher Charts hierzulande. Später dann: der Absturz, Reims Stern verglühte, der Musiker häufte Schulden in Höhe von 13 Millionen Euro an, machte dafür seinen Ex-Manager verantwortlich, der sich mit Reims Finanzen böse verspekuliert haben soll. Danach: Privatinsolvenz – und ein Comeback, das erstaunt: Seit 2003 hat  fast jedes Reim-Album mindestens eine Top-drei-Platzierung sowie Gold- und Platin-Status erreicht.

„Matze, Matze, Matze“

Früher wurde man mit einer solchen Backstory zum Mythos, heute wird man zum Kult erklärt. Die Deutschen mögen solche  rockyhaften Comeback-Geschichten. Das wurde am Mittwochabend auch in Mannheim offenbar. Das Capitol: rappelvoll. „Matze, Matze, Matze“ – immer wieder   feierten die Besucher  den mittlerweile 66-Jährigen, der die Lederjacke  gegen ein weißes Unterhemd eingetauscht hat, durch das seine Tattoos  besser zur Geltung kommen. Optisch schreit bei Matthias Reim – und den meisten seiner Bandkollegen – alles nach Rock. Etikettenschwindel ist das nur bedingt. Denn in seinen stärksten Momenten an diesem Abend biegt die Kapelle mit ihm auch durchaus in diese Richtung ab, hier und da hörte man bei der einen oder anderen Nummer raus, dass Reim sich bei den Beatles oder Ozzy Osbourne Inspiration geholt hat.

Immer wieder  bewegte sich Reim bei diesem Konzert im breiten Spannungsfeld zwischen Deutsch-Rock und Schlager, mal kredenzten er und seine Band dem Publikum fette Gitarren- oder Keyboard-Soli, bei denen auch eingefleischte Rock-Fans leuchtende Augen bekamen. Dazwischen aber eben immer wieder eine Nummer, die eindeutig aus der Schlager-Schublade hervorgeholt wurde. Diese Diskrepanz muss man bei einem Reim-Konzert aushalten.

Schlager ohne übertrieben viel Zuckerguss

Dabei helfen durchaus die Texte, die Reim so anbietet. Sicher, Matthias Reim ist kein Bob Dylan, aber eben auch kein typischer Schlagerdichter, der grundsätzlich jeden Song mit so viel Zuckerguss überzieht, das einem beim Hören die Zähne wehtun. Klar, auch bei Reim finden sich  eher banale Texte, aber irgendwo sind da doch meist Ecken und Kanten eingebaut, die es nicht zu süßlich werden lassen. In seinen stärksten Momenten findet Reim eine Sprache, die nicht gekünstelt wirkt. Eine Sprache, mit der sich der Normalo identifizieren kann: Wenn Reim ein Herzschmerz-Lied singt, klingt das oft so, als würde einem der Sitznachbar am Kneipentresen sein Leid klagen. Oft aufrichtig emotional, manchmal auch witzig.

Den Songreigen eröffnete an diesem Abend die Nummer „Zeppelin“, der Titelsong des gleichnamigen neuen Albums. Am Anfang galoppierte Reim geradezu durch sein Set, nach zehn Minuten waren schon vier Songs gespielt, man bekam fast den Eindruck, Reim hätte noch wichtige Anschlusstermine. Abzüglich Pause ging das Konzert dann doch aber rund zwei Stunden – sogar für ein Solo-Gastauftritt seines Sohnemanns Julian war Zeit. Reim und Sohn gaben auch noch gemeinsam den Song „Pech & Schwefel“ zum Besten, der Junior übernahm dabei den Part, den auf dem neuen Album der Rapper Finch inne hat.

Am Ende, klar: „Verdammt, ich lieb Dich“ als großes Finale, die letzte von drei Zugaben. Das Publikum sang jedes Wort des Kulthits mit, wer bis dahin saß, stand  jetzt. Wieder  laute „Matze, Matze, Matze“-Sprechchöre. Für Reim hätte der Kick-Off zu seiner Tournee nicht besser laufen können.

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