Alice Cooper in Mannheim (foto: fiege)

Live: Alice Cooper in Mannheim

Wenn die SAP-Arena zum Spukschloss wird: US-Schock-Rocker Alice Cooper hat am Mittwochabend vor 3200 Fans in Mannheim sein musikalisches Horror-Spektakel aufgezogen. Wirklich gruselig ist das zwar nicht mehr, Spaß hat es trotzdem gemacht.

Seine Karriere verdankt Alice Cooper einem glücklichen Zufall. Oder einem unglücklichen, wenn man es denn aus der Perspektive jenes Huhns betrachtet, das im September 1969 von einem Zuschauer im kanadischen Toronto zu dem amerikanischen Musiker auf die Bühne geworfen wurde. Stadtmensch Cooper, augenscheinlich kein ausgewiesener Fachmann in Sachen Federvieh, warf das Huhn zurück ins Publikum – unter der festen Annahme, dass es fliegen könne. Konnte es nicht.

Stattdessen wurde das Tier von den Zuschauern in den ersten Reihen buchstäblich in Stücke gerissen. In den Zeitungen stand am nächsten Tag jedoch, Cooper habe dem armen Huhn auf der Bühne den Kopf abgebissen und sein Blut getrunken. Der damals noch junge Musiker war über diese Schlagzeilen zunächst wenig glücklich, doch sein Produzent Frank Zappa riet ihm, den Ball aufzunehmen und die Wahrheit für sich zu behalten: „Was auch immer du da gemacht hast, mach weiter damit.“ Alice gab auf der Bühne also fortan den großen Grusel-Zampano. Es ist der Gründungsmythos des Schock-Rocks, der seinerzeit auch prächtig als Gegenentwurf zur Love-&-Peace-Musik der Blumenkinder funktionierte.

Cooper bleibt sich treu

Nun sind seither ein paar Tage vergangen, seiner Horror-Masche ist der gute Alice Cooper allerdings bis heute treu geblieben. Gut, Details haben sich geändert: So mussten am Mittwoch in der SAP-Arena natürlich keine Hühner dran glauben. In den grellen Horror-Shows des 71-Jährigen fließt seit nun 50 Jahren wenn, dann nur noch Kunstblut. Der Ansatz, um sein Hard Rock- und Heavy Metal-Programm ein Grusel-Spektakel auf die Bühne drumherum zu zaubern, ist aber geblieben.

Natürlich: Wirklich gruselig, provokant und gefährlich wirkt das im Jahr 2019 alles nicht mehr. Da haben nachfolgende Generationen an Schock-Rockern, von den Misfits bis hin zu Marilyn Manson, das Rad dann doch noch mal weiter gedreht. Von Bands aus den extremeren Metal-Spielarten ganz zu schweigen. Sorgen, dass Cooper eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, für Moral und Anstand darstellt, macht sich heute niemand mehr.

Elternschreck war gestern

Charme, wenn auch keinen subversiven, hat die cartoonhafte Cooper-Show dennoch. Die beinahe schon kitschige Spukschloss-Kulisse, die überlebensgroßen Horrorpuppen – das ist durchaus visuell ansprechend. Versprüht ein bisschen Geisterbahn-Flair. Und das ist natürlich auch so gewollt. Der einstige Elternschreck verbindet seine Idee von Horror mit Humor, mit Selbstironie, mit einem Augenzwinkern.

Mittlerweile steht denn auch die Musik wieder mehr im Vordergrund. Im Gepäck hatte Cooper am Mittwoch mehr als 21 Songs, die beinahe alle Schaffensphasen in der langen Karriere des in Detroit geborenen Künstlers abdeckten. Die meisten stammten dabei aus den beiden Alben „Billion Dollar Babies“ (1973) und „Welcome To My Nightmare“ (1975). Dazu kamen natürlich die großen Hits: „Feed My Frankenstein“ (gleich der perfekte Opener), „Poison“, „I’m Eighteen“, „Under My Wheels“ und „No More Mr. Nice Guy“. Cooper präsentiert sie, über die Bühne tigernd, mit – gerade für sein Alter – kräftiger Stimme. Das Bühnen-Outfit wechselte er dabei gefühlt häufiger als Beyoncé. Und wahrscheinlich gewinnt er den textilen Vergleich mit der R&B-Queen nicht nur hinsichtlich Quantität, sondern auch in Sachen kreativer Qualität: In einer Zwangsjacke stand die bessere Hälfte von Rapper Jay-Z wahrscheinlich noch nie auf der Bühne.

Aus seinem jüngsten, zugegebenermaßen eher mittelmäßigen Album „Paranormal“ (2017) hatte Cooper unterdessen nur einen Track im Angebot: die groovige Blues-Rock-Nummer „Fallen in Love“ – kein Reißer, aber durchaus annehmbar.

Grandios: Nita Strauss

Mehr als nur annehmbar: die Performance von Coopers langjähriger Tour-Gitarristin Nita Strauss. Die 32-Jährige zeigte in Mannheim, weshalb sie zu den Besten ihres Fachs zählt. Spätestens bei ihrem langen Solo, bei dem ihr die Bühne alleine gehörte, wusste da auch der letzte in der Arena Bescheid.

Zum Schluss der übliche Zinnober: Die böse Kunstfigur Alice Cooper wird – das hat Tradition – auf der Bühne zu den Klängen von „I Love The Dead“ mit der Guillotine enthauptet. Das Gute, so die Botschaft, siegt am Ende immer. Kurz darauf die umjubelte Auferstehung, die Zugaben, „School’s Out“ (vermengt mit Pink Floyds „Another Brick in the Wall“), Luftballons, Konfettiregen. Und der Spuk in der Quadratestadt ist nach etwas mehr als 90 Minuten beendet.

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