Max Mutzke (foto: dirk messner)

Interview: Würden Sie für eine Partei werben, Herr Mutzke?

Auf seinem neuen Album „Colors“ arrangiert der Singer-Songwriter Max Mutzke jede Menge Hip-Hop- und Rap-Klassiker in Soul-Nummern um. Welche Hürden es  zu überwinden gab und welchen Fettnäpfchen  aus dem Weg zu gehen war, hat er Benjamin Fiege in diesem Interview verraten. Am Sonntag, 21. Juli, stellt Mutzke die Songs beim Burgsommer in Neuleiningen vor.

Herr Mutzke, Sie haben im Herbst 2018 mit „Colors“ ein neues Album veröffentlicht. Auf diesem streifen Sie Hip-Hop- und Rap-Klassikern ein Soul-Gewand über. Dabei hatten Sie ja mit Hip Hop vorher gar nicht viel am Hut, wie man so hört.

Das stimmt. Hip Hop war für mich irgendwie immer ganz weit weg. Da gab es mal den einen oder anderen Song, der mir gefallen hat, aber ich habe mich nie  mit der Musik befasst, mit ihren Themen, ihrer Geschichte. Ich hatte jetzt aber Lust dazu,  in die Materie einzutauchen. Zumal der Hip Hop ja mit dem Soul verwandt ist, der es mir im Gegensatz dazu schon immer angetan hatte. Ich versuche bei neuen Alben immer Neues, war unter anderem auch schon im Pop und  im Jazz unterwegs.

Freut sich denn die Plattenfirma, wenn Sie so unberechenbar sind?

Am Anfang meiner Karriere war das sicher ein Thema, da gab es  Diskussionen. Der besseren Vermarktung wegen wird man ja gerne mal in Schubladen gesteckt. Mittlerweile hat sich das Unberechenbare aber zu einem Markenkern bei mir entwickelt, die Menschen erwarten das heute  von mir. Das bekomme ich von Hörern und  Journalisten schon gespiegelt. Und das hat natürlich auch die Plattenfirma erkannt – und lässt mich da machen.

Was haben Sie  sonst so in Ihrer Jugend gehört? Damals kam der Hip Hop in Deutschland ja gerade das erste Mal so richtig auf.

Ich bin zwar Jahrgang 1981, aber ich habe  mich immer für Musik interessiert, die schon älter war als ich. Für Künstler wie James Brown, Miles Davis, Herbie Hancock und Al Green beispielsweise. Aber auch für Instrumentalisten. Vor allem im Bereich Black Music. Soul, R&B. Das war schon immer mein Ding.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Rap und Hip-Hop mit den Arbeiten an „Colors“ verändert?

Ich habe  ein Verständnis dafür entwickelt, weiß jetzt über mehr Dinge Bescheid, gerade was die Geschichten und Hintergründe angeht. Auch wenn das Wissen  zunehmend verblasst, je weiter die Arbeiten an dem Album zurückliegen. Es ist nun aber nicht so, dass ich mir  privat Hip Hop auflege.

Wie haben Sie  die Songs für Ihr Album  ausgewählt? Sie haben sich  nicht nur großer Hits angenommen …

Es gab natürlich Songs, die ich selbst mochte und dabei haben wollte. „I Got 5 On It“ von Luniz etwa. Oder „Regulate“ von Warren G – tolle Nummern. Ansonsten hatte ich  natürlich Einflüsterer, Leute aus meinem Umfeld, große Hip-Hop-Fans, die mir da wertvolle Tipps und Vorschläge gegeben haben. Wichtigen Input.

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Ist der Druck denn ein anderer, wenn man Cover-Versionen singt? Immerhin provoziert ein Cover beim Hörer ja stets Vergleiche mit dem Original. Oder werden die Vorlagen durch das neue Arrangement sozusagen zu eigenen Liedern?

Durch die neuen, außergewöhnlichen Arrangements und die Arbeit, die man da investiert hat, fühlt sich das Ganze tatsächlich nicht wie eine Cover-Geschichte an. Da sind im Grunde fast neue Songs entstanden, bei denen man genau hinhören muss, um das Original herauszuhören. Aber nicht nur an der Musik, auch an den Texten wurde stark gearbeitet,  damit ich  sie überhaupt singen konnten. Es musste gekürzt werden, was gar nicht so einfach ist. Der Aha-Effekt beim Hörer, wenn er die Nummer dann mit dem Original in Verbindung bringt, gehört zum Spaß dann dazu.

„N*****“ kann ich natürlich nicht singen“

An den Texten mussten Sie auch aus anderen Gründen feilen …

Ja, natürlich tauchen in manchen Texten Begriffe auf, die ich als Weißer einfach nicht singen kann. „N*****“ beispielsweise. Das Wort wird von  afroamerikanischen-amerikanischen Künstlern in einem Kontext verwendet, der verloren gehen würde, wenn ich es als Weißer singe. Das geht  nicht, und das will ich auch nicht. Sprache ist ein hochsensibles Thema, ihre Verrohung stört mich wirklich. Man hat da als Künstler auch Vorbildfunktion.

„Ich wäre fast in ein Fettnäpfchen getreten“

Es ist auf jeden Fall ein sensibles Thema. Den Vorwurf der kulturellen Aneignung müssen sich weiße Musiker ja spätestens seit Elvis gefallen lassen. Ihren ursprünglich vorgesehenen Albumtitel haben sie daher auch geändert.

Ja, da wäre ich fast in ein Fettnäpfchen getreten. Ich wollte das Album ursprünglich „Colored“ nennen, weil es schön gepasst hätte: Einerseits sollte es sich auf die verschiedenen Stimmfarben beziehen, die ich auf der Platte als Sänger präsentiere, andererseits aber auch auf diesen bunten Mix an Stilrichtungen, den es hier zu hören gibt. Und natürlich auf meine politische Einstellung: Ich setze mich für eine bunte, tolerante Gesellschaft ein. Der Titel war auch schon durch alle Instanzen gegangen, ich hatte grünes Licht, auch  ein Artwork im Kopf. Dann hat mich ein Musiker aus dem Team von Justin Timberlake aber darauf hingewiesen, dass ich das unmöglich so bringen kann. „Colored“ hat  im Englischen eine ähnliche Bedeutung wie „Farbiger“ im Deutschen, der Begriff ist negativ besetzt,  beleidigend – und dann auch noch vor dem Hintergrund, dass ich als Weißer hier in der Black Music unterwegs bin. Das wäre natürlich nicht gegangen und ich war wirklich froh, dass ich diesen Hinweis noch rechtzeitig bekommen habe.

Sie haben es  angesprochen. Sie  treten immer wieder für ein buntes Deutschland und Toleranz ein. Hat man als Künstler die Pflicht, Haltung zu zeigen.

Auf jeden Fall! Das ist meine tiefe Überzeugung. Man muss die Bühne, die man als Künstler durch seine Prominenz hat, nutzen, um Gutes zu tun und denen entgegenzutreten, die Angst und Hass verbreiten wollen. Und da spielt natürlich Transparenz eine Rolle. Schauen Sie sich Helene Fischer an: Man weiß doch gar nicht, für was sie steht, was ihre Überzeugung ist. Meine Hörer sollen hingegen wissen, mit wem sie es da zu tun haben. Ich bin da sehr offen, auch in meinen Ansprachen auf der Bühne. Vielleicht hält das dann auch solche von meinen Konzerten ab, die meine Überzeugungen, meine Werte nicht teilen.

In den USA ist es ganz natürlich, dass Künstler in Wahlkampfzeiten Politiker und Parteien unterstützen. Können Sie sich das auch vorstellen – für eine Partei zu werben?

Das ist schwierig. Ich bin auf jeden Fall dafür, dass die Menschen wählen gehen. Aber ich möchte nicht, dass mein Gesicht für Parteiwerbung genutzt wird. Erstens gibt es keine Partei, mit der ich mich zu 100 Prozent identifiziere. Zweitens hätte ich Angst, dass eine Partei, die meinem Ideal immerhin am nächsten kommt, dann vielleicht mal in einen Skandal verwickelt würde – und dann dürfen die für einen Zeitraum X mit meinem Gesicht werben. Eine Horrorvorstellung. Aus dem gleichen Grund lehne ich beispielsweise auch immer solche Endorsement-Deals mit Autoherstellern ab. Die lassen Prominente gern kostenlos ihre Fahrzeuge nutzen, wenn sie im Gegenzug mit ihnen werben dürfen. Wäre mir viel zu riskant. Da macht man Werbung, und plötzlich ist das Unternehmen in einen Abgasskandal verwickelt – und dann wird man damit in Verbindung gebracht. Da zahle ich lieber selbst für mein Auto. 

Rassismus, Rechtspopulismus – all das scheint heutzutage wieder salonfähig zu sein. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ein schwieriges Thema. Ich habe mal in einer Studie gelesen, dass in Regionen, in denen wenig Frauen leben, solche Strömungen einen besseren Nährboden haben. Ebenso wohl auch in ländlichen Regionen. Letztlich geht es wohl um eine unbegründete, diffuse Angst vor dem Fremden. Eine Eigenschaft, die sich manche Menschen offenbar irgendwann im Leben aneignen. Kindern ist Rassismus nämlich total fremd, das kann man immer wieder beobachten, wenn Kinder verschiedener Nationalitäten aufeinandertreffen. Da ist dann mehr Neugier aufeinander da, es wird auch ohne Sprache kommuniziert.

„Rassismus ist bei uns immer ein Thema“

Ihre Frau stammt aus Eritrea, Sie haben  Kinder. Hat man da heutzutage mehr Angst, mehr Sorgen als früher?

Rassismus ist bei uns natürlich immer ein Thema, wir haben die Kinder da auch vorbereitet. Wir haben ihnen beispielsweise einen Einblick in die Geschichte gegeben, ihnen beispielsweise auch von der Sklaverei erzählt. Das konnten sie erst gar nicht fassen, das war für sie unvorstellbar.

Ist denn die Familie auf Tour immer dabei?

Das wäre schön, aber das geht natürlich nicht immer. Die Kinder sind ja schon schulpflichtig. Aber ich versuche, wann immer es geht, es möglich zu machen. Etwa bei Auftritten am Wochenende.

Haben die Kids denn schon ein Gespür dafür, dass ihr Vater prominent ist?

Sie selbst kennen es ja nicht anders, für sie ist unser Alltag Realität. Aber sie bekommen von ihren Freunden und Bekannten hin und wieder die Rückmeldung, dass diese ihren Papa im Fernsehen gesehen haben und dass das nicht alltäglich ist. Das haben sie schon gecheckt. Früher dachten die Kinder immer, ich würde am Flughafen arbeiten, weil sie mich dort abgesetzt und ein paar Tage später wieder abgeholt haben.

Nächster Stopp ist nun also Neuleiningen. Was können die Besucher denn von dem Konzert erwarten?

Es wird bestimmt ein toller Abend. Ich habe mit Monopunk und Sugar Daddy tolle Musiker am Start, mit denen ich  natürlich die Songs des neuen Albums auf die Bühne bringen werde.

Also ausschließlich Songs aus „Colors“?

Nein, aber sie  werden der Schwerpunkt sein. Man veredelt die Setlist dann auch noch mit Songs, die die Menschen von früher kennen, das ist klar. Wer zu einem Prince-Konzert ging, der wollte damals auch „Purple Rain“ hören. Und bei mir erwarten die Leute dann eben „Can’t Wait Until Tonight“.

Und was steht danach an?

Es wird auf jeden Fall nicht langweilig. Im Herbst geht es ja konzerttechnisch weiter. Wir denken auch schon wieder über ein neues Album nach. Und 2020 geht es dann mit dem WDR Funkorchester auf Tour, darauf freue ich mich schon riesig.

TERMIN

Max Mutzke & Monopunk spielen am Sonntag, 21. Juli, 20 Uhr, beim Burgsommer Neuleiningen. Restkarten verfügbar.

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