Carolin Niemczyk von Glasperlenspiel (foto: Daniel Grunenberg)

Interview: Carolin Niemczyk (Glasperlenspiel) über Hesse, deutsche Musik und Zukunftspläne

Das Elektopop-Duo Glasperlenspiel kommt Ende Mai zu einem Open-Air-Konzerz in das kleine, beschauliche Obersülzen in der Pfalz. Von den Anfängen der Band, über die Lage des Deutschpops und ihren Bezug zur Pfalz sprach Sängerin Carolin Niemczyk mit Benjamin Fiege.

Carolin, Euer Name soll sich an Hermann Hesses „Das Glasperlenspiel“  anlehnen. Wie ist das denn gekommen?

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Ja, lustige Geschichte. Wir hatten uns ja damals von einer Schülerband zu einer Gruppe entwickelt, die ihre eigenen Songs schreiben und damit  auf die Bühne wollte. Irgendwie wollten wir uns live  aber  abheben, etwas machen, was sonst keiner macht – und haben dann selbst ein Instrument gebaut. Daniel hat dann eine Art elektronisches Glockenspiel gebaut, das in eine Plexiglaskugel eingelassen war, ich habe das dann live immer gespielt. Zunächst haben wir dann eigentlich für das Instrument einen Namen gesucht und sind auf den Roman von Hesse gestoßen. Da dachten wir: Wow, das passt, unser Instrument sieht ja aus wie  ein Glasperlenspiel. Natürlich haben wir uns  den Roman dazu auch durchgelesen und waren von der Philosophie beide sehr begeistert. Uns wurde klar, dass der Name nicht nur für das Instrument, sondern auch für die Band ganz gut passen würde. In dem Buch wird ja viel mit Gegensätzen gespielt und Daniel und ich sind ja auch sehr gegensätzlich.

Heißt, der Roman stand irgendwo ungelesen verstaubt im hinteren Eck eines Bücherregals?

Nein, ich hatte ihn schon für die Schule mal gelesen! (lacht)

Alternative zu Glasperlenspiel

Gab es denn auch alternative Namensvorschläge für die Band?

Als Schülerband hießen wir davor Keine Zeit, das war im Grunde noch schlimmer. Denn immer wenn wir gefragt wurden, wer wir sind, mussten wir antworten: Keine Zeit. Da dachte der eine oder andere wohl: Was für arrogante Schnösel, haben noch nichtmal Zeit uns zu verraten, wie sie heißen.

Ist es wahr, dass sich Glasperlenspiel aus einer christlichen Band heraus entwickelt haben?

Ja, Daniel war Ministrant und hatte mit zehn Jahren eine christliche Ministrantenband gegründet. Das ging aber schon ein paar Jahre lang und er hat da seine erste Banderfahrung gesammelt. Später wurde daraus eine Schülerband.

Bei der Schülerband hatten Sie sich ja dann sogar ganz förmlich beworben …

Extrem förmlich. Ich hatte mein erstes eigenes Demo bei einem Bekannten meiner Mama im Studio aufgenommen, hab da ein paar Cover gesungen und von einer anderen Bekannten erfahren, dass Daniels Schülerband eine Sängerin sucht. Ich war damals fast 15 Jahre alt. Also habe ich das Demo genommen, mein Schulfoto mit Zahnspange vorne drauf geklebt, habe es bei Daniels Eltern in den Briefkasten geworfen und bin weggerannt. Später habe ich dann den Anruf bekommen: Komm doch mal vorbei und sing vor. Ich bin hin, stand in diesem Keller-Proberaum und hab „Beautiful“ von Christina Aguilera gesungen. Seither machen wir zusammen Musik.

Heute sind Sie und Daniel ein Paar. Was war denn aber damals der erste Eindruck voneinander?

Ich fand Daniel auf jeden Fall ganz toll, wie er da mit seinen Keyboards stand. Er und alle in der Band waren ja zwei, drei Jahre älter. Das war schon cool. Dass wir aber ein Paar wurden, das hat sich erst ein paar Jahre später so entwickelt. Wir sind einfach zusammengewachsen. Und unsere gemeinsame Vision, professionell Musik zu machen, hat uns da zusammengeschweißt.

Ist das ein Vorteil, mit dem Partner Musik zu machen oder auch eine schwierige Konstellation?

Ich liebe es  total, mit Daniel zusammenzuarbeiten. Es hat viele Vorteile, aber nicht nur. Es gab ja auch Phasen, da waren wir superviel gemeinsam unterwegs. 2016 etwa haben wir mehr als 200 Shows gespielt. Mittlerweile ist es aber so, dass jeder auch sein eigenes Ding hat, und das ist auch total wichtig, dass man seinen individuellen Freiraum hat.

Wie sieht die Rollenverteilung denn bei euch aus? Ist es immer noch so, dass Sie eher texten und Daniel produziert?

Das ist immer noch so. Ich bin eher der textliche Part und Daniel produziert alles. Gerade macht er für unsere Live-Shows wirklich alles, die Gewänder für die Shows, die Visuals. Er ist ein echter Tech-Nerd, liebt alles, was mit der Bühnen-Show und der Technik zu tun hat. Das ist alles leider nichts für mich. Ich liebe es eher, mich mit den Lyrics zu beschäftigen oder mit der Gitarre was akustisch zu machen.

Und er hat da nicht den Drang, mal was zu schreiben und zu sagen: Hier, sing das mal?

Doch, doch das kommt auch mal vor. (lacht) Da kommen auch Ideen.

Schlager versus Pop

War es eigentlich von Anfang an klar, dass ihr auf Deutsch singen würdet? Zuletzt hattet ihr ja mal ein paar englische Bonus-Tracks auf Euer Album gepackt. Untypisch für Euch.

Ja, es war eigentlich von Anfang an klar, dass wir deutschsprachige Musik machen wollen. Als ich Teenie war, sind  Juli, Silbermond und Wir sind Helden aufgekommen. Das war Mucke,  die ich total gefeiert habe. Außerdem kann ich mich als Muttersprachlerin auf Deutsch easier ausdrücken. Ich bin auch ganz happy damit, obwohl es die deutschsprachige Musikszene gerade nicht so einfach hat.

Woran machen Sie das fest? Deutschsprachige Musik ist doch angesagter als sie es zum Beispiel in den 1990ern war. Damals galt sie doch als total uncool.

Ja, Echt haben sie Ende der 1990er  aus der Versenkung geholt. Ich glaube, das bewegt sich alles so ein bisschen in Wellen. Gerade sind deutschsprachiger Hip Hop und Rap in den Charts dominant, im Jahrzehnt zuvor war es deutschsprachiger Pop, der  jetzt so ein kleines Down hat. 

Deutsch hat ja immer das Problem, dass Songs über Liebe und Sex schnell irgendwie schmalzig oder anzüglich klingen.

Man darf natürlich nicht zu schmalzig klingen, sonst wird das in Deutschland schnell als schlageresk abgestempelt. Im Englischen hat man da mehr Freiräume. Songs wie Katy Perrys „Baby You’re A Firework“ oder Nelly Furtados „I’m Like A Bird“ wären auf Deutsch Schlager. Was aber auch keine Beleidigung ist, die Grenzen zwischen Pop und Schlager verschwimmen ja auch immer mehr.

Stichwort: verschwimmende Grenzen. Wenn man Euch in eine Schublade stecken wollte, wäre das wohl Elektro-Pop. Trotzdem seid ihr ja auch immer wieder mal im Schlager-Umfeld aufgetreten, etwa bei Carmen Nebel …

Ja, das stimmt. Das liegt aber eben auch an den Formaten, die wir hierzulande so haben. So ein richtiges deutsches Pop-Format gibt es ja im Fernsehen gar nicht mehr, seit Stefan Raab nicht mehr da ist. Ihm sind wir sehr dankbar, wir waren ja seinerzeit etwa beim Bundesvision Song Contest dabei.  Fernsehen ist eben immer noch eine wichtige Plattform. Als deutschprachiger Künstler geht man dann halt auch in Sendungen, in denen  Schlager-Stars auftreten. Ist ja dann ganz nett, sich da zu präsentieren. Und man steht dann dort ja mit seiner eigenen Musik auf der Bühne.  Es wäre aber auch anmaßend zu sagen: Wir fühlen uns da als Pop-Künstler als etwas Besseres. Das ist nicht so.

Ihr seid ja mit Glasperlenspiel sozusagen die Vorhut des Deutsch-Pop-Trends gewesen. Habt ihr danach  von dieser zwischenzeitlichen Deutsch-Pop-Welle profitiert? Oder war sie ein Nachteil, weil da plötzlich Konkurrenz war, wo es vorher keine gab?

Ich denke, wir hatten da immer mit dem Elektro-Pop unsere eigene Nische und konnten uns so etwas abheben. Wir waren immer elektronischer unterwegs als der Rest. Von daher war das eigentlich eine tolle Zeit, ich fand es mega, dass wir immer so viele Sommerfestivals gespielt haben und viele Kollegen da mit am Start waren, die deutschsprachige Pop-Musik gemacht haben.

Singles statt Album

Euer letztes Album ist 2018 erschienen. Ist in der Richtung mal wieder was geplant? Ein paar Singles sind ja seither erschienen.

Tatsächlich ist gerade kein Album geplant. Wir haben momentan eher Bock, Track by Track zu releasen. Also zu sagen: Das machen wir gerade im Studio und das hauen wir auch direkt raus. Das fühlt sich gut an, der Track ist dann noch warm. Die Musikbranche wandelt sich, ich finde es aber cool, dass es  diese neue Direktheit gibt. Es wird auf jeden Fall jetzt erst einmal einzelne Singles von uns geben.

Lohnt sich das  Album-Format heute überhaupt noch?

Die ganz großen Stars aus den USA machen das noch. Aber die Zeiten sind einfach so wahnsinnig schnelllebig geworden. Und wir haben  einfach Lust, mit dem Sound ein bisschen zu experimentieren, wollen vielleicht ein bisschen technoider  werden. Für uns passt das gerade so einfach besser.

Habt ihr zu Hause noch physische Tonträger?

Ich hab vor ein paar Tagen gerade die Kommode ausgeräumt und bin noch auf jede Menge Schallplatten gestoßen, die ich zum Teil noch aus meinem Elternhaus mitgenommen hatte. Die habe ich mir damals alle unter den Nagel gerissen. Ich hab mir jetzt zwar schon länger keine LP mehr gekauft, aber ich liebe sie total: Sie haben etwas Nostalgisches, sehen  schön aus. Ansonsten gilt: Spotify oder Apple Music.

Sie haben angesprochen, dass Daniel ein Tech-Nerd ist und ihr gerade Lust auf Experimentieren habt. Wie seid ihr denn KI gegenüber eingestellt?

Daniel ist ein totaler Fan von Künstlicher Intelligenz und findet, dass man da keine Angst vor haben muss und das gut für sich nutzen kann. Wenn man sich die Musikbranche so anschaut würde ich sagen: KI kann den Musiker nicht ersetzen. Musik hat so viel Gefühl, so viel Menschliches, das wir da keine Angst haben müssen, dass das in Zukunft die KI machen kann. Fun fact: Wir waren die erste deutsche Band, die mit einem Avatar einen Song beziehungsweise Feature gemacht hat. Ist auf Daniels Mist gewachsen, ich fand es aber megacool. 

Im Grunde gibt es ja heute die gleichen Debatten wieder wie beim Aufkommen der elektronischen Musik. Da galt ja auch das nicht Handgemachte erst einmal als Teufelszeug.

Ja, total. Da haben sich die Maßstäbe ja schon immer verschoben. Das sieht man doch etwa auch bei Gesangsaufnahmen. Wenn da früher was schepp war, dann blieb das schepp, außer man hat es neu aufgenommen und besser gemacht. Heute lässt sich das problemlos digital begradigen. Diese kleinen Fehler, man kann sagen: das Menschliche, wurden ja über die Jahre schon immer mehr und mehr weggenommen. Es entwickelt sich halt alles weiter.

Pfälzisch für Anfänger

Jetzt kommt ihr am 30. Mai nach Obersülzen. Was dürfen die Fans von Euch erwarten?

Wir freuen uns, dass es direkt nach der Club-Tour jetzt mit den Open-Airs losgeht. Auf jeden Fall werden wir eine mega krasse Show mitbringen, wir wollen, dass die Leute Spaß haben, dass sie tanzen können und alles um sich herum vergessen können. Auch fürs Auge haben wir was dabei, die erwähnten Visuals, und die Songs in einem ganz neuen Gewand. Wir sind quasi mit einem DJ-Set am Start.

Eure Agentur sitzt ja  hier in Kirchheimbolanden. Ihr seid also häufiger in der Pfalz unterwegs …

Ja, unser Management und unsere gesamte Crew sind aus der Pfalz. Ich habe mal ein Wörterbuch „Deutsch-Pfälzisch, Pfälzisch-Deutsch“ geschenkt bekommen.

Und ist etwas hängengeblieben?

Unser Techniker sagt immer: Alla hopp, Männers. Oder: Babbele. Ei, gud.

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