“Matahari”: L’Impératrice mit unzeitgemäßer Disco-Bombe

L'Impératrice (foto: pe testard)

Für ‘Matahari’, eine siebenminütige Tanzbombe mit Jackie Brown als Gender-Heroin, wollten L’Impératrice die Phantasie verwirklichen, einen unzeitgemäßen Disco-Track nach einem modernen Geschmack nachzubilden.

Eine Bassline, die wuchtiger ist als eine Dampfwalze, und das Arrangement von dem legendären Produzenten Eumir Deodato (Aretha Franklin, Björk, Kool & The Gang) als Qualitätssiegel. Der Legende nach, der einzige Mann auf der Erde, der es wagte, über seinen Zeitgenossen Quincy Jones zu sagen: “Er ist wertlos”, war Deodato zufällig in der richtigen – lyrischen – Stimmung, als er das Demo von L’Impératrice hörte, und einwilligte, mit den jungen Franzosen zu arbeiten. So schloss sich der Kreis: Generationen trafen bei diesem Track aufeinander – “Matahari” lebt mehrere Leben.

Eine pathologische Lügnerin; ein faszinierender Mythos, der Jahrhunderte überquert; eine Triple-Agentin; eine skrupellose und grenzlose Verführerin. Wenn die Spionin mit Grenzen spielt, überquert die Herrscherin die Zeiten: Das ist die Musik von L’Impératrice, die sich von allen Horizonten und von der großen Verschmelzung unserer Zeit inspirieren lässt.

In diesem Jahr kommt die EP von L’Impératrice, ‘Dreaming of You’, mit dem Pomp einer Krönungszeremonie an. „Impératrice“ ist französisch für „Herrscherin“. Ist der Name für Englischsprachige wohl das am schwersten zu fassende, gibt es musikalisch nichts, das sich nicht übersetzen ließe. Die Pariser beziehen eine Reihe von Genres mit ein, von 70er Space-Disco bis zu 90er Downtempo-Synth-Pop, wobei auch immer wieder französische Filmmusikkomponisten wie François de Roubaix und Michel Legrand Eingang erhalten. “Albums that sold 500 copies in the 1970s are the records that interest us most,” sagen L’Impératrice. Die EP, so heißt es, sei das glitzernde und filmisch anmutende Ergebnis von sechs Jahren harter Arbeit, das von den besten Soundfundstücken und schon vergessenen Schätzen zehrt, die sich im ganzen Land in Plattenkisten verstecken. Versehen wird das Ganze mit unnachahmlichem 21st century Twist von L’Impératrice.

Was als das Projekt eines unzufriedenen Kulturkournalisten begann, ist jetzt  – etwa sechs Jahre später – ein sechsköpfiges Ungeheuer. Charles de Boisseguin hat als angesehener Journalist eine Nische für sich entdeckt. Als ihm die Vielzahl von Artikeln, die er für Frankreichs beliebte Kulturzeitschrift Les Inrockutiblesschrieb, genügte, gründete er 2007 mit ein paar Freunden das Keith Magazin, eine Hommage an die größten Keiths, die die Kulturlandschaft zu bieten hat – von Richards bis Haring. In dem Musikkritiker Boisseguin breitete sich mehr und mehr die Überzeugung aus, dass er nicht länger die Musik anderer auseinandernehmen konnte, wenn er sich nicht auch selbst mal musikalisch erprobt. Und so kam es, dass an einem schönen Frühlingsmorgen 2012 L’Impératrice das Licht der Welt erblickte. Der Bock wurde zum Gärtner.

Die Band ist heimlich gewachsen. Mit Hagni Gwon an den Keys, David Gaugué am Bass und Tom Daveau am Schlagzeug verwandelte sich das Ein-Mann-Projekt schnell in eine Gruppe. Als dann auch noch Sängerin Flore Benguigui dazustieß, erhielt der Sophisti-Pop-Sound eine deutliche Weiblichkeit, die musikalisch und in Untertönen schon immer da war. Achille Trocellier an der Gitarre war dann das letzte Puzzlestück. 2016 hat sich L’Impératrice dem Label microqlima angeschlossen. EPs wie ‘Odyssée’ und ‘Séquences’ wurden mit Lob übergossen.

2017 kam dann endlich der erste Vorgeschmack auf das lang erwartete Album – die Single ‘Erreur 404’ stellt seidenen, fast schon simplistischen französischen Synth Pop neben durchaus stachelige Lyrics (die wunderbar unverschämte „bon voyage imbécile“-Zeile ist ein Highlight). L’Impératrice lassen es leicht aussehen, radiofreundliche Ohrwürmer zu schreiben und das französische Publikum zeigt seine Zustimmung auf den Dancefloors und Konzerten. Eine Show im La Cigale, einer 2000-Besucher-Venue mit illustrer Geschichte, war innerhalb von zwei Wochen ausverkauft.

Subtil und dennoch majestätisch – L’Impératrice haben eine große Zukunft in ihrem Land, aber wenn das sechsköpfige Ungeheuer drauf und dran ist, wirklich in die musikalische Königsklasse Frankreichs aufzusteigen, dann müssen sie auf ihre „têtes“, ihre Köpfe, aufpassen. Boisseguin hat alles richtig gemacht, seit er seinen Journalisten-Job vor sechs Jahren geschmissen hat. Wenn leiser und stetiger Aufstieg von L’Impératrice zur Vormachtstellung Teil eines Plans wäre, dann könnte man erwarten, das in Zukunft mit der Weltherrschaft zu rechnen ist.

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