Alles ist politisch. Auch die Popmusik war und ist es, selbst wenn man es ihr auf den ersten Blick nicht ansieht. In „Keine Macht für Niemand“ beleuchtet Marcus S. Kleiner die Entwicklung der deutschsprachigen Popmusik seit dem Zweiten Weltkrieg – und ihr Zusammenspiel mit der Politik.
Kunst ist immer ein Spiegel der Zeitgeschichte. Man kann sie nicht losgelöst betrachten vom zeitlichen Kontext, in dem sie entsteht. Das gilt natürlich auch und gerade für Popmusik. Selbst in der vermeintlich Abstinenz von Politik ist sie: politisch. Genauso wie man nicht nicht kommunizieren kann, kann man auch nicht unpolitisch sein. Alles ist politisch, auch die Verweigerung eines Kommentars zum Gegenwärtigen.
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In der deutschen Geschichte waren Künstler mal mehr, mal weniger „in your face“ mit politischen Inhalten. Marcus S. Kleiner, Jahrgang 1973, kümmert sich in seinem Buch „Keine Macht für Niemand“ eher um die, die wirklich direkt etwas sagen wollten. Der Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH University of Applied Sciences Berlin rückt in seinem neuen Buch solche Lieder in den Fokus, die er als Schlüssel zur Geschichte der deutschsprachigen Popmusik in Deutschland von 1945 bis in die Gegenwart betrachtet. Sein Ziel: repräsentative Songs aus 80 Jahren Pop- und Zeitgeschichte im Hinblick auf die Themen Pop, Protest und Widerstand unter die Lupe zu nehmen – und sie auf ihren Einfluss auf die Politik hin abzuklopfen. Dabei hat der Autor auch Themen wie Nationalismus, Rassismus und Deutschtümelei im Blick, wirft auch Schlaglichter auf Musik der Gastarbeiter.
Ambitioniertes Unterfangen
Knapp 260 Songs hat Kleiner analysiert und in den historischen Kontext gerückt, Songs, die westlich und östlich der Mauer entstanden sind. Natürlich ist es ein ambitioniertes Unterfangen, natürlich ist es schwierig, die deutsche Popgeschichte auf „nur“ 260 Songs einzudampfen. Welchen wählt man aus, welchen lässt man weg? Da ist Kritik programmiert.
Doch trotz dieser notgedrungenen Eindampfung, ist das Buch ein ebenso spannender wie wilder Ritt durch alle möglichen Genres, vom Nachkriegsschlager über Liedermacher-Mucke bis hin zum Deutsch-Rap. Die Tracks sind auch gut ausgewählt. Franz Josef Degenhardts „Wölfe mitten im Mai“ hält da etwa als Warnung vor dem Faschismus der 1960er Jahre her, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ von Ton Steine Scherben als Ausdruck der Utopien der 1970er oder Ebows „Punani Power“ als Intervention für Geschlechtergerechtigkeit. Sehr spannend und top recherchiert.
Einziges Manko: Stilistisch ist Kleiner nicht konsequent, er konnte sich wohl nicht so recht entscheiden, wie persönlich er das Ganze angehen wollte, hier und da wirkt er auch etwas snobistisch.
Natürlich gibt es auch eine Playlist zum Buch, die ein Wiederhören beispielsweise mit der Antilopen Gang, Akne Kid Joe, BAP, Blond, Wolf Biermann, Samy Deluxe, Fehlfarben, Fresh Familee, Fasia Jansen, Hans-A-Plast, Lin Jaldati, Cem Karaca, Kettcar, Muff Potter, Schrottgrenze, Slime, Tocotronic, Hannes Wader oder ZSK bietet.
Lesezeichen
Marcus S. Kleiner – Keine Macht für Niemand: Pop und Politik in Deutschland. Reclam, 2025. 462 Seiten.
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