Liz Lawrence - Peanuts (foto: Chrysalis Records)

Liz Lawrence – Peanuts

Erscheinungsdatum
Juni 7, 2024
Label
Chrysalis Records
Unsere Wertung
7

Das neue Album von Liz Lawrence ist nach einem Kinderspiel benannt. Ein solches waren die letzten Jahre für die britische Musikerin aber beileibe nicht. Mit „Peanuts“ hat sie die schwierige Zeit nun in Musik gegossen.

Liz Lawrence ist hierzulande immer noch sträflich unbekannt. Für Musikerinnen wie die britische Künstlerin, Multiinstrumentalistin und Produzentin ist das Wort „Geheimtipp“ offenbar erfunden worden. In den vergangenen Jahren hat sich bei der Guten viel getan. 2019 veröffentlichte Lawrence ihr famoses Album „Pity Party“, das mehrere beliebte Singles und eine ausverkaufte Headline-Tour hervorbrachte. 2020 folgte die „Whoosh!“-EP – und dann die Pandemie.

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Lawrence musste – wie viele andere Musiker auch – plötzlich sehen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. So beschloss sie, ihre Wahlheimat London zu verlassen und in ihre Heimatstadt in den West Midlands zurückzukehren. „Ich ging als 18-Jährige in Kleidern und mit langen Haaren weg und kam zurück, als wäre ich ein wütender Homo. London gab mir den Raum und die Anonymität, um herauszufinden, wie ich mich präsentieren wollte. Aber als ich zurück in eine Kleinstadt zog, habe ich meine Ungewöhnlichkeit noch stärker gespürt. Aber es fühlt sich auch gut an, sich sichtbar gegen den Status quo für Frauen zu stellen: Ehe, Haus, Kinder, bla bla bla.“

Liz‘ Weg aus der Depression

Mit ihrem Vater, einem Schreiner, baute sie ein Atelier an der Stelle, an der das Gartenhaus ihres verstorbenen Großvaters 20 Jahre lang ungeöffnet gestanden hatte. Wegen seiner Form gaben sie ihm den Spitznamen „The Coffin“. Hier nahm sie ihr zweites Album, „The Avalanche“, auf und veröffentlichte es. Aber der Umzug zurück in ihre Heimatstadt war nicht geplant, und Lawrence litt unter schweren Depressionen. „Zweifellos die absolut schlimmste Krankheit, die ich je in meinem Leben hatte“, sagt sie. „Ich hatte das Gefühl, dass alles wirklich gut lief, dass ich die Arbeit machte, die ich machen wollte. Dass ich mich aus all diesen Löchern herausgegraben hatte. Dass mir dann der Teppich unter den Füßen weggezogen wurde, war ein harter Schlag. Die Genesung war ein langer und langsamer Prozess.“

Liz wandte sich der Natur zu und begann, die Namen von Vögeln zu lernen und Gemüse anzubauen. Schließlich fühlte sie sich in der Lage, ihren Weg aus der Verzweiflung zu schreiben. Das Ergebnis ist ihr drittes Album: „Peanuts“.

Das verbirgt sich hinter „Peanuts“

Bei Peanuts geht es nicht um Erdnüsse oder um Geld. Unter „Peanuts“ versteht man vielmehr ein Spiel auf dem Spielplatz, auch bekannt als „Mercy“ (Gnade), bei dem sich zwei Kinder gegenseitig die Finger verdrehen, bis eines von ihnen „Peanuts“ schreit und damit signalisiert, dass es seine Schmerzgrenze erreicht hat. Liz hatte sie erreicht.

Zum ersten Mal seit Jahren zog Lawrence einen Produzenten hinzu. „Ich wollte, dass die Platte von jemand anderem als mir selbst berührt wird“, erklärt sie. „Ich hatte das Gefühl, dass ich es alleine nur bis zu einem bestimmten Punkt bringen konnte.“ Lawrence begann, ihre Lieblingsplatten durchzusehen, um zu sehen, wer dahinter steckte. Der gleiche Name tauchte immer wieder auf: Ali Chant, der Perfume Genius, Yard Act und Aldous Harding produziert hat. „Ich schickte ihm eine Nachricht und sagte, ich wolle eine Platte machen, die wie Cate Le Bon und Primal Scream oder Beck und Gorillaz klingt“, erzählt sie. „Und er war begeistert.“

Lawrence nahm das Album in Chants Studio in Bristol auf. Zwei Wochen lang. „Er war die perfekte Wahl“, sagt sie. „Und es schien ihn nicht zu stören, dass ich jeden Morgen hereinkam und mich über Landbesitzer oder die Umweltpolitik der Tories ausließ“, lacht sie. „Er hat mir sogar ein paar Bücher geliehen.“

Darum geht’s

Inhaltlich bewegt sich Lawrence auf Pfaden, die noch nicht so ausgetreten sind. Statt den Fokus auf Herzschmerz und Beziehungen zu legen, singt sie nun etwa darüber, dass sie eine Menge Pflanzennamen gelernt hat, „über Vermieter, oder darüber, wie schlecht ich im Schreiben von E-Mails bin.“ Und: Es wird durchaus politisch, gerade die britische Innenpolitik bewegt die junge Künstlerin. „Ich wollte über das wachsende Wohlstandsgefälle schreiben und darüber, dass ich gezwungen bin, zu den großen Tescos zu fahren, und über alles, was ich jeden Tag um mich herum sehe, aber gleichzeitig spiegelt es wider, wie schrecklich ich mich selbst fühlte. Sie fühlten sich irgendwie verbunden – ich fühlte mich beschissen, und so oft fühlt es sich an, als ob das Land beschissen wäre.“

Lawrence schwankt dabei zwischen Ironie und Mitgefühl. „Wir trennen uns voneinander in einer Zeit, in der wir noch nie so viel Verbindung gebraucht haben. Ich habe Angst, dass wir physische Räume und Gemeinschaftsräume verlieren und das Gefühl, dass wir alle zusammen sind. Ich denke, wir müssen uns mehr denn je gegen diesen Verlust wehren.“

Musikalisch mäandert Lawrence auf der neuen Platte zwischen Pop, Indie, Folk und Rock, dazu gibt es auch eine Prise Funk. Zu den Glanzlichtern gehört auf jeden Fall „No One“, dessen Akkorde durchaus an The Strokes erinnern. Auch das ungewöhnliche „Names Of Plants and Animals“ bleibt haften. Die funkigen „Big Machine“ und „That’s Life“ ziehen ebenso wie „On Loss and Overcoming Despair“ auf die Tanzfläche. „Oars“ ist einfach wie geschaffen für die Sommerzeit. Und „Struts“ fängt Sinn und Zweck einer Gemeinschaft, einer Nachbarschaft, auf wunderbarste Art und Weise ein.

Anspieltipps
No One
Big Machine
Strut
Oars
That's Life
7
Außergewöhnlich.
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