Cher (foto: fiege)

Live: Cher in Mannheim

Cher ist auf Abschiedstour. Mal wieder. Am Freitag machte sie dabei vor ausverkauftem Haus in der Mannheimer SAP-Arena Station. Es war eine starke, spektakuläre Show, die mal wieder bewies: Das Alter ist auch nur eine Zahl ohne Bedeutung.

Cher hat lange mit sich gehadert. Soll sie? Oder soll sie nicht? Es ging um die drängende Frage, ob sie den Hit „I Got You Babe“ mit auf die Setlist ihrer aktuellen Konzertreihe setzen sollte. Geschichtsträchtig genug für ein solches Best-Of-Unterfangen ist der Titel ja: Er war 1965 der Durchbruch für das Duo Sonny & Cher, wurde anschließend zu einer der großen Hymnen der Hippie-Bewegung. Aber: Es sind natürlich auch schmerzhafte Erinnerungen für Cher mit dieser Baroque-Pop-Nummer verbunden. Erinnerungen an Sonny Bono, ihren 1998 viel zu früh verstorbenen Ex-Mann. Ihre bewegende, tränenreiche Trauerrede haben noch viele Fans vor Augen.

„Ich hatte mir überlegt, soll ich den Song jetzt spielen? Oder warte ich bis zu meiner nächsten Abschiedstour?“, erzählte Cher in Mannheim. Am Ende habe sie sich gesagt: „Bitch, du bist fast 100. Besser, du spielst ihn jetzt.“ Tat sie dann auch. Und wie! Ebenso wie die legendäre Sonny-&-Cher-Nummer „The Beat Goes On“ – diese Phrase steht übrigens auf Sonny Bonos Grabstein.

Keine Frage: Cher kann Selbstironie. Natürlich ist sie nicht 100, sondern 73. Aber der Verdacht liegt bei einer wie ihr natürlich nahe, dass die gerade laufende Abschiedstour in Wirklichkeit vielleicht doch keine sein könnte. Denn: 2002 bis 2005 absolvierte sie ja schon mal eine Farewell-Tournee, in Rente ging es für sie danach trotzdem nicht.

Cher ist noch in Form

Es würde sich auch die Frage nach dem „Warum“ aufdrängen. Denn: Die Gute ist noch gut in Form. „Und was macht eure Oma so heute Nacht?“, rief sie einmal ins Rund der SAP-Arena. Und obwohl sie das Ergebnis dieser Spontan-Umfrage gar nicht erst abwartete, liegt der Verdacht doch nahe, dass niemand geantwortet hätte: „Auch meine Oma zaubert gerade in einer anderen Stadt eine Burlesque-Show auf die Bühne – und 9000 Menschen schauen und jubeln ihr dabei zu.“

Denn ja: auch das Burleske, das Erotische ist immer noch Teil der Show bei Cher. Das eint sie mit ihrer Nachfolgerin Madonna, die sich ja auch nicht vorschreiben lässt, was sie in welchem Alter wie zu tragen hat. Es ist auch diese selbstbewusste Haltung, die Cher zur LGBT-Ikone werden ließ. Ihr Rückgrat, sich von Beleidigungen und Schmähungen nicht kleinmachen zu lassen. Die Art und Weise, wie sie sich in einem von Männern dominierten Geschäft durchsetzte, erfolgreich wurde, obwohl nach der Trennung von Sonny niemand auch nur einen Pfifferling auf sie gesetzt hatte. Eine Vita, die sie auch zu einer Pionierin der feministischen Bewegung in den USA machte.

Böse Überraschung zum 40. Geburtstag

Wie hart gerade dort das Showbusiness mit Frauen umspringt, davon zeugt eine Anekdote, die Cher in Mannheim zum Besten gab. So habe sie der australische Regisseur George Miller am Morgen ihres 40. Geburtstags angerufen und ihr in wenig aufbauenden Worten mitgeteilt, dass er und Hauptdarsteller Jack Nicholson der Überzeugung seien, dass sie zu alt und unsexy für eine Rolle in seinem neuen Film „Die Hexen von Eastwick“ sei. Es habe ihr das Herz gebrochen. Wie es dazu kam, dass sie am Ende doch im Film mitspielte, verrät sie zwar nicht. Die Tatsache aber, dass sie es tat, in Hollywood Fuß fasste und für ihre Performance im darauffolgenden Film „Mondsüchtig“ sogar einen Oscar gewann – sie reicht als Botschaft an ihre weiblichen Fans aus.

Dass sie weder mit 40 noch mit 73 zum alten Eisen gehörte beziehungsweise gehört, das stellte sie an diesem Abend in der SAP-Arena eindrucksvoll unter Beweis. Stimmlich ist Cher noch voll auf der Höhe. Und: Was war das für eine perfekt inszenierte Show! Beinahe für jede Nummer wechselte sie Outfit und Perücke. Ein Ritt auf einem künstlichen Elefanten durch eine farbenprächtige Bollywood-Kulisse war dann auch noch inklusive. Die Songs: durchweg Hits. Klassiker wie „If I Could Turn Back Time“, „Walking in Memphis“, „The Shoop Shoop Song (It“s in His Kiss)“ und „I Found Someone“, klar, aber auch Songs aus ihren jüngsten Alben „Closer To The Truth“ (2013: „Woman“s World“) oder „Dancing Queen“ (2018), einer ABBA-Cover-Platte.

Wenn man unbedingt meckern wollte: Cher hat insgesamt 26 Studioalben veröffentlicht, mit knapp anderthalb Stunden geriet ihr Best-Of-Konzert da schon fast überraschend kurz. Es ist der einzige Vorwurf, den man ihr an diesem Abend machen konnte. Dem Publikum gefiel’s auf jeden Fall, es feierte den Ausmarsch der Pop-Queen am Ende zur Autotune-Hymne „Believe“, bejubelte sie auch zwischendurch immer wieder. „Ach, das macht ihr doch für jede Ikone“, bedankte sich Cher dafür kokett.

Ob es ein Wiedersehen gibt? Auf der Bühne? Mal schauen. Ansonsten bastelt sie offenbar gerade an einem Weihnachts- und einem weiteren ABBA-Album, einer Autobiografie und einem Biopic. Rente? Nicht in Sicht. Und was macht eure Oma so?

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