Thomas Anders (foto: Fiege)

Live: Thomas Anders in Worms – Es geht auch ohne Dieter

Thomas Anders kann’s auch alleine. Vor rund 600 Zuhörerinnen und Zuhörern ließ er im Wormser Theater die großen Hits von Modern Talking hochleben. Ohne seinen alten Weggefährten.

Thomas Anders wurde kalt erwischt. Im Sommer wagte plötzlich sein alter Modern-Talking-Kollege Dieter Bohlen einen medialen Vorstoß und wollte seinen früheren Duo-Partner zum gemeinsamen Comeback überreden. Ein Konzertveranstalter hätte gerne zehn Konzerte mit den beiden auf die Beine gestellt, Bohlen sprach von einer Riesennachfrage, gerade in Südamerika und Osteuropa. Und auch ein Musical und eine Doku über die Gruppe könnte es geben. Der überrumpelte Anders musste nicht lange überlegen – und schob jeden Modern-Talking-Reunion-Fantasien direkt einen Riegel vor.

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Dass ein Comeback für ihn nicht zur Debatte steht, obwohl die Band seinen Angaben zufolge jährlich noch 450 Millionen Streams einsammelt, verwundert nicht. Zwar gehören Modern Talking zu den (auch international) erfolgreichsten Musik-Acts, die Deutschland je hervorgebracht hat. Aber gleich zweimal endete die Zusammenarbeit mit Bohlen im erbitterten Streit, sowohl 1987 und 2003, es ging sogar vor Gericht.

Kein „Nein“ zu den Modern-Talking-Songs

Thomas Anders braucht Bohlen auch nicht. Zumindest nicht mehr. Zwar war Bohlen das Mastermind der Band, er schrieb und komponierte die Songs, von denen so viele zu Chartstürmern wurde. Doch jetzt, da die Hits ja existieren, kann die Stimme der Band, Thomas Anders, sie auch allein auf die Bühne bringen.

Wenn Anders also „Nein“ zu einem Comeback sagt, dann ist das ein „Nein“ zu Bohlen, nicht zu Modern Talking. Denn die Kuh wird weiterhin gemolken, sie gibt immer noch zuverlässig Milch. Im vergangenen Jahr interpretierte Anders die 80er-Klassiker-Alben von Modern Talking neu, Anlass war der 40. Geburtstag des Debütalbums.

Beim Graben in der Vergangenheit ist Thomas Anders denn auch auf manchen Deep Cut gestoßen, mit dem er die Setlist seines aktuellen Programms „Thomas Anders sings Modern Talking“ angereichert hat. Songs also, die damals keine Hits waren, noch nicht einmal Single-Auskopplungen, sondern die sich irgendwo auf den Alben verloren hatten und in Vergessenheit geraten waren. „You and Me“ beispielsweise – oder das im Original ausnahmsweise von Bohlen gesungene „There’s Too Much Blue in Missing You“. Hier ließ sich Anders in der Nibelungenstadt auch zu einem kleinen versteckten Seitenhieb gegen den alten Kollegen hinreißen, fing sich aber schnell ein: „Ich will hier kein Bashing betreiben.“ Es bedarf keiner Erwähnung, dass die Anders-Version besser als die Bohlen-Variante klang.

„Ihren Stil gefunden“

Spötter haben über Modern Talking oft gelästert, dass die Band praktisch dreist sich selbst kopiert habe und über Jahre mit ein und demselben Song immer wieder die Charts erobere. Natürlich etwas boshaft, man kann es höflicher formulieren: Dass Modern Talking einst durchaus ihren Stil gefunden und ihm treu geblieben sind, wird einem bei so einem fast zweistündigen Konzert doch nochmal eindrucksvoll vor Augen geführt.

Die Stimmung dennoch (oder deswegen): hervorragend. Weil es entsprechende Anfragen aus dem Publikum gab, wurde der Konzertraum kurz vor Beginn zwar bestuhlt, dennoch riss es die Zuhörer immer wieder von den Sitzen. Anders fuhr auch direkt das ganz große Geschütz auf, mit „You’re My Heart, You’re My Soul“ war einer der größten Songs der Band gleich der Opener. Das kann man sich nur leisten, wenn man sich auf eine entsprechende Hitdichte stützen kann.

Maximal souverän

Anders war in guter Form, führte maximal souverän durch den Abend, der nicht nur der Musik wegen Old-School-Vibes verströmte. Immer wieder bekam der Sänger Blumen oder Präsente aus dem Publikum gereicht, das kennt man so noch aus den Schlager-TV-Shows der 1980er- und 1990er-Jahre. Hat nur noch Dieter Thomas Heck gefehlt.

Die Moderne hielt derweil vor allem visuell Einzug. Auf der Leinwand hinter Anders wurde schwer mit KI gearbeitet, unter anderem wurde so der junge, langmähnige Anders virtuell zum Leben erweckt. Fast schon unheimlich, was die Technik schon kann.

Am Ende: drei Zugaben: „Sexy, Sexy Lover“, „Brother Louie“ und „Cheri Cheri Lady“, dann war Schicht im Schacht. Anders zog es direkt weiter, es stehen unmittelbar Konzerte in Polen, Lettland, Ungarn, Kasachstan und Aserbaidschan an. Es geht auch ohne Dieter.

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