Thomas Anders (foto: Julia Guillo)

Thomas Anders im Interview: „Sechser im Lotto“

Interview: Kein Modern-Talking-Revival – Thomas Anders bleibt bei seiner Absage, wie er Benjamin Fiege im Interview verrät. Darin spricht er auch über KI und seine Namensänderung. Und blickt auch auf seine Anfänge zurück: „Meine Karriere glich zwei Sechsern im Lotto“, sagt er. Am Freitag ist der Sänger im Wormser Theater zu erleben. Die großen Hits sind da natürlich auch zu hören.

Herr Anders, es gab zuletzt wieder Schlagzeilen, als Dieter Bohlen Ihnen über die Medien ein Modern-Talking-Comeback vorschlug. Sie haben abgesagt. Mussten Sie lange überlegen?

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Nein, musste ich nicht. Ich verstehe auch Herrn Bohlen nicht, weil er wusste, dass ich das nicht will. Es hat mich gewundert, dass er öffentlich so nach vorne geprescht ist. Daher habe ich sofort mein Statement verfasst.

Gab es denn vorher Gespräche?

Wir hatten schon mehrmals darüber gesprochen, und ich habe immer zu ihm gesagt: Das kommt für mich nicht in Frage. Zuletzt Anfang des Jahres.

Wie ist denn Ihr Verhältnis heute?

Wir schreiben uns hin und wieder What’s App, aber es ist kein intensives Verhältnis.

Der Reunion-Vorschlag fällt in eine Zeit, die ohnehin von einer gewissen 1980s- beziehungsweise 1990s-Retromanie geprägt ist. Wo liegt der Reiz in der Popkultur dieser Jahrzehnte?

Der Retro-Hype hält ja jetzt schon viele Jahre an. Ich glaube, der Reiz liegt an der Art, wie damals Songs geschaffen wurden. Da ging es noch sehr um Melodien, die man fühlen und nachsingen konnte. Da steckte noch sehr viel Seele drin. Heute wird schon zum Teil mit KI gearbeitet, und diese Künstlichkeit merkt man oft. Es ist schön, dass junge Menschen sich offenbar intuitiv eher nach dem Handgemachten sehnen. Die Melodieführung in den 1960ern und 1970ern war nochmal ein bisschen anders, die kommt den jungen Menschen vielleicht zu altbacken vor. Daher dieser Fokus auf die 1980er und 1990er. Was danach kam, wirkt eher künstlich, finde ich. Nicht mehr mit dem Herzen gemacht. Vieles entsteht am Computer und wirkt einfach hingerotzt.

Die Jahrzehnte hatten auch einen eigenen Charakter. Heute sieht man sich Bilder an, und weiß nicht, ob die von 2010, 2018 oder 2026 stammen …

Daran ist das Internet schuld. Wir vergleichen uns ständig und werden alle gleicher. Das macht uns insgesamt unglücklicher, zumal wir uns via Social Media ständig an gefilterten und gefakten Inhalten orientieren. Ein großes Problem. Aber manche Entwicklungen kann man nicht aufhalten. KI und das Netz gehören dazu. Ich muss meine Energie aufwenden, um zu schauen, wie ich das am besten für mich nutzen kann.

Sind Sie froh, dass es in Ihren Anfangsjahren noch kein Social Media gab?

Absolut. Es war so schon schwer genug, sich als Prominenter im öffentlichen Raum zu bewegen. Heute sind junge Promis Futter für jeden, der einen Social Media Account hat. Da werden dann Bilder sofort ins Netz geladen. Das stelle ich mir schwierig für junge Künstler vor.

Wenn man so viel Erfolg wie Modern Talking hat, bringt das ja auch Neider und Spötter auf den Plan. Damals waren es vor allem die Boulevard-Medien. Heute bekommt man als Künstler die volle Breitseite über Social Media ab.

Zum Glück habe ich es nicht mit allzu vielen Hatern zu tun. Natürlich gibt es mal Kommentare, aber darum kümmere ich mich nicht. Da bin ich gelassen, das ist vielleicht die Lebenserfahrung, auch mein Selbstbewusstsein. Wenn ich mir genauer anschaue, wer mir so einen fiesen Kommentar hinklatscht, sage ich mir: Ein Depp kann mich nicht beleidigen. Es gibt einige arme Seelen da draußen.

Haben Sie das in den 1980ern auch von sich fernhalten können? Die Kritik im „Musikexpress“ dann eben nicht gelesen?

Gut, gegen den habe ich ja sogar mal geklagt. Es kommt immer drauf an, was über einen geschrieben wurde. Kritik muss man sich natürlich gefallen lassen, aber keine heftigen Beleidigungen. Auch wenn es zu sehr ins Persönliche ging, habe ich mich gewehrt. Es waren aber andere Zeiten, da konnte man noch den Chefredakteur anrufen und das auf der menschlichen Ebene klären. Heute kursieren so viele Fake-Schleudern im Netz, die hunderttausendfach falsche Inhalte streuen.

Wenn Sie sich an die 1980er zurückerinnern: Sind Sie ein nostalgischer Mensch? Sie haben zum 40-Jährigen von Modern Talking die Alben wieder neu eingespielt.

Nostalgie spielte da keine Rolle. Die Idee entwickelte sich aus einem Gespräch mit meinem Produzenten Christian Geller heraus. Ich war schon immer unzufrieden, wie die Plattenfirmen mit den Modern-Talking-Jubiläen umgegangen sind, da gab es dann einfach eine Greatest-Hits-Compilation nach der anderen. Das ist einfallslos. Ich wollte zum 40. was anderes. Wir wollten dann das Modern-Talking-Debüt neu veröffentlichen, mit einem frischeren, moderneren Sound, indem wir einzelne Elemente am Computer nachproduziert haben. Auch das Tempo haben wir erhöht. Dennoch ist der 1980s-Geist nicht verloren gegangen, wie uns das Feedback der Hörer verraten hat. Das lief so gut, dass wir alle sechs Modern-Talking-Alben entsprechend so veröffentlicht haben.

In den Videoclips nutzen Sie KI, sind jeweils mit ihrem jüngeren Ich zu sehen. Ist das sozusagen die rote Linie? KI ist da okay, wo sie transparent genutzt wird?

Das war durchaus interessant. Über die Zeit, in der wir das Projekt gestemmt hatten, hat sich die Technik rasant weiterentwickelt, das war enorm. Es war ein toller Gag. Ich war wohl der erste, der das so eingesetzt hat, jetzt zieht Matthias Reim nach, auch Heidi Klum ist mit ihrem jüngeren Ich in einem Werbespot zu sehen. Ich finde: Da wo der Einsatz offensichtlich ist, kann man KI nutzen. Rote Linien werden ja auch insofern gesetzt, dass man KI-Musik nicht kommerziell vertreiben darf. Ich würde mir vom Gesetzgeber wünschen, dass er eine Verpflichtung einführt, vollständige KI-Produkte zu kennzeichnen, mit einer Art Wasserzeichen.

Würden Sie als junger Mensch heute noch eine Musikkarriere starten? Es sind schwierige Zeiten.

Ja, natürlich. Und: So einfach war es damals auch nicht, mit Musik Geld zu verdienen, als ich noch jung war. Meine Karriere glich auch zwei Sechsern im Lotto. Trotzdem hatte ich neun Jahre gebraucht, bis ich in den Charts war. Es gab nur zehn Plattenfirmen in Deutschland, von deren Wohlwollen war man abhängig. Heute braucht man als ambitionierter Musiker kein Label mehr, um bekannt zu werden.

Sie sind stilistisch heute breit aufgestellt. Was ist denn der überraschendste Song, den Thomas Anders auf der Playlist hat?

Ich höre privat unheimlich gerne Lounge-Musik, zu der kann ich gut entspannen. Momentan bin ich außerdem besessen von den Platten von Phoebe West. Sie hat Ende der 1970er zwei Alben gemacht, traumhaft schöner West-Coast-Singer-Songwriter-Pop, und ist seither wie vom Erdboden verschluckt. Man findet im Netz keine Infos, ich bin gerade wie ein Blöder im Netz am Recherchieren.

Sie haben jetzt, mit 63, ihren Namen offiziell in „Thomas Anders“ ändern lassen. Warum?

Das liegt an der Bürokratie. Das Reisen wurde für mich zuletzt immer komplizierter. Oft werden Tickets auf den Namen „Thomas Anders“ gebucht, im Pass stand mein bürgerlicher Name Bernd Weidung und der Künstlername als Ergänzung. Offenbar findet der Künstlername aber seinen Weg dann nie in die Computer. Und so hatte ich bei jedem Flug immer riesige Diskussionen. Anfang des Jahres gipfelte es darin, dass man mich nach einem Konzert in Dubai nicht wieder zurückfliegen lassen wollte. Das ging so nicht weiter. Weil mich die Öffentlichkeit eh als „Thomas Anders“ kennt, habe ich den Namen dann entsprechend ändern lassen. Mit der Konsequenz, dass in meiner Familie nun auch alle ihre Nachnamen ändern mussten. Was wir nicht bedacht hatten. Aber meine Frau konnte natürlich nicht mit einer Person verheiratet sein, die es im Melderegister nicht gibt. Die Bürokratie!

Jetzt kommen Sie mit neuem altem Namen nach Worms. Was können die Fans denn von der Show erwarten?

Das wird eine Zeitreise durch meine Karriere. Die großen Hits sind natürlich immer dabei, angefangen in den 1980ern. Es sind neue Songs dabei. Oder Titel, die ich beim Neueinsingen wiederentdeckt habe. Es werden spannende 100 Minuten.

Termin

Thomas Anders live in Worms, Freitag, 2. Oktober, 20 Uhr, Das Wormser.

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