„Augen träumen Herzen sehen“ mag nach Schlager klingen, ist aber tatsächlich der Titel des aktuellen Albums des Berliner Rappers Kontra K und gleichzeitig der Name der laufenden Tournee. Die führte ihn am Freitagabend auch nach Mannheim in die SAP-Arena – mit ärgerlichen Ansprachen und viel Effekthascherei.
Huch, die Nachricht sorgte neulich doch für einige Verblüffung. Der Berliner Rapper Kontra K soll heimlich, still und leise eine Schweizerin geheiratet haben. Sie sei Fitness-Influencerin, auch die Mutter seiner Kinder. Das war zumindest in mehreren Online-Nachrichtenportalen zu lesen. Nur: Kein Wort davon ist wahr. Die Frau, die auch namentlich genannt wurde, ist eine Schweizer Journalistin. Und die Online-Plattformen hatten offensichtlich mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Fake-Nachrichten in die Welt geblasen, um Klicks zu generieren.
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Kontra K ausgerechnet in eine Beziehung mit einer Journalistin zu halluzinieren, das birgt natürlich eine gewisse Ironie. So ein wahnsinnig gutes Verhältnis zu den Medien scheint er nicht zu haben, vor allem nicht zu den Öffentlich-Rechtlichen. Gleich mehrmals schießt er bei seinem Konzert in Mannheim gegen den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk. „Scheiß auf die Öffentlich-Rechtlichen“, blökt er einmal ins Mikro. Die Menge tobt, jubelt und klatscht begeistert Beifall, die GEZ-Gebührt scheint hier von vielen nur mit maximalem Widerwillen bezahlt zu werden. Die Euphorie der Masse an dieser Stelle: beklemmend.
Floskel-Parade
Man kann über die billigen Motivationsfloskeln und abgegriffenen Metaphern und Phrasen, die die Texte des erfolgreichen Berliner Rappers durchziehen, ja irgendwie hinwegsehen. Sie tolerieren, so wie man „Carpe Diem“-Wandtattoos oder übergriffige „Live Love Laugh“-Aufsteller auf Kommoden von guten Freunden toleriert. Sich einfach vom Beat, von der Musik, wegtragen lassen und sich keinen Kopf machen. Wenn da nicht immer wieder diese ärgerlichen Ansprachen wären. Da beschwört Kontra K einerseits den Zusammenhalt, bezeichnet das Publikum anbiedernd immer wieder als Familie, zeichnet das Konzert als Familienfeier, appelliert daran, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. Um eine eigentlich positive Message dann mit dem Hintern wieder einzureißen. „Sie“ wollen uns auseinanderbringen? Sie? Wer soll das sein? Links und rechts sollten nicht getrennt werden. „Es gibt keine Seiten“, verkündet Kontra K, wieder jubelt das Publikum, es glaubt offenbar nicht mal mehr an Seiten, wahrscheinlich wieder eine Erfindung von denen da oben, links ist da, wo der Daumen rechts ist, das war ja schon immer irgendwie ein komisches Konzept. Man hofft in dem Moment, dass die Konzertbesucher später auf der Heimfahrt, wenn auch vielleicht unter Protest, zumindest die unterschiedlichen Funktionen von linker und rechter Fahrspur anerkennen würden.
Der Politik, das wird im Konzert recht deutlich klar, misstraut Kontra K. Er wünscht sich, dass man lieber anderen sein Gehör schenkt – und holt, was für eine Pointe, irgendwann Xavier Naidoo auf die Bühne.
Naidoo mit Gastauftritt
Naidoo war in den vergangenen zehn Jahren in Ungnade gefallen. Er vertrat rechte Narrative, schwurbelte ungehemmt, verlor sich in Verschwörungstheorien. Das Image war dahin. 2022 veröffentlichte der Musiker ein Entschuldigungsvideo, seither versucht er, seine Karriere wieder in Gang zu bringen, inszeniert sich als missverstandenes Opfer, Kontra K will ihm augenscheinlich dabei helfen. Auch er hatte ja schon mit der einen oder anderen Negativ-Schlagzeile zu kämpfen. „Wir haben in Deutschland nicht viele solcher Stimmen“, sagt er über Naidoo, immer wieder wirbt er an diesem Abend für seinen Kollegen. Letzterer darf ein eigenes Lied („Alles kann besser werden“) zum Besten geben, danach singt er mit Kontra K dessen Song „Bring mich nach Haus“. Wenn man so will, war es die Generalprobe für das anstehende Comeback Naidoos, denn am 16. Dezember kehrt er in Köln auf die Bühne zurück, im Januar spielt er drei Konzerte in der SAP-Arena. Nimmt man die Reaktionen des Mannheimer Publikums und die Meldungen über Ticketverkäufe zu den anstehenden Konzerten als Maßstab, dürfte es ein erfolgreiches Comeback werden.
Man merkt also: Kontra K hat in seiner etwas mehr als zweistündigen Show in Mannheim groß aufgefahren. Auch visuell. Ein schmuckes Bühnenbild mit einer Art Baumstamm etwa. Immer wieder zieht es den früheren Industriekletterer an diesem Abend in die Höhe. Irgendwann schwebt er sogar auf einer zweiten Bühne über den Köpfen der Zuschauer. Das liefert zwar jenen auf den Rängen schöne Bilder für Instagram, wer im Innenraum steht, hat von der Einlage wenig, der schaut von unten auf die Plattform. Ein Kontra-K-Konzert, das ist auch viel Effekthascherei. Hier aufschießende Flammen, da etwas Pyro, Rosen-Regen. Oft fragt man sich, ob das jetzt Gesehene gerade dramaturgisch wirklich Sinn ergeben hat.
Sei’s drum, der Erfolg gibt ihm Recht. Mehr als fünf Millionen verkaufte Tonträger und rund zwei Milliarden Streams deuten auf ausreichend Abnehmer hin, um die mit ganz viel Pathos betriebene Kontra-K-Maschine weiter laufen zu lassen.
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