Er ist einer der angesagtesten deutschen Pop-Acts der Stunde: (Tim) Kamrad. Am Samstag machte der Musik – in der proppenvollen Kammgarn in Kaiserslautern Station.
Wer schon einmal auf einem Konzert von Van Morrison oder Bob Dylan war, konnte seinen Neidern später oft davon berichten, dass der Mann da oben auf der Bühne sich offenbar zu fein dafür war, dem Publikum auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Kein „Hallo“, kein „Tschüss“, als Konzertgast konnte man fast das Gefühl bekommen, dass man den großen Meister gerade irgendwie stört.
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Tim Kamrad dürfte einem solche Geschichten wohl nicht liefern. Kamrad, wie er sich mittlerweile einfach nur noch nennt, ist ein netter Kerl. Es sollte einen doch stark wundern, wenn dem 28-Jährigen eine solch freche Missachtung des Publikums im Laufe seiner Karriere unterlaufen sollte. Er ist eher das andere Extrem, einer, der dem Publikum ständig schmeichelt, fast schon zu viel, und an diesem Samstagabend so oft „Kaiserslautern“ in die Menge ruft, dass man zwischenzeitlich Sorge trägt, man hätte sein Handy-Navigationssystem in der Jackentasche noch eingeschaltet. „Sie haben ihr Ziel erreicht.“
Songs für den Supermarkt
Kamrad ist zum ersten Mal in Kaiserslautern, es sei immer etwas ganz Besonderes für ihn, wenn er das erste Mal in einer Stadt spiele, sagt er. Auch die Westpfalz-Metropole hatte offensichtlich Lust auf ihn, die Kammgarn platzt an diesem Samstagabend aus allen Nähten. Einfach zwei Stunden eine gute Zeit haben, den Kopf ausschalten, Urlaub vom Alltag sozusagen, so möchte Kamrad seine Konzerte verstanden wissen. Der Mann leistet seinen Beitrag dazu: Das Konzert ist eine einzige Party, die Stimmung ist ausgelassen, das Publikum frisst dem jungen Künstler aus der Hand, geht rund zwei Stunden lang zu Songs wie „I Believe“ steil und hatte einen schönen Abend.
Der in Wuppertal geborene Kamrad ist aus dem Format-Radio kaum wegzudenken, sammelt dazu ordentlich Streams und Instagram-Follower, saß bei „The Voice of Germany“ in der Jury. Wenn man es gut mit ihm meint, hält man ihm zugute, dass er offenbar eine Erfolgsformel gefunden hat, mit der er das Mainstream-Publikum anspricht.
Man kann ihm genau diese Formelhaftigkeit aber auch vorwerfen, zumal sie einem über Konzertlänge dann doch ungeniert ins Gesicht springt. Da wirkt es so, als habe Kamrad ein und denselben Song stolze 20 Mal zum Besten gegeben, nur immer wieder leicht variiert und mit einem anderen Titel versehen. Wer sich fragt, warum junge Künstler heute nicht mehr so aufs Album-Format setzen (Kamrads erstes und einziges erschien 2018) und lieber hin und wieder mal eine Single raushauen, dem wird hier eine mögliche Erklärung geliefert: Vielleicht würde es im Kontext eines Albums eher auffallen, dass da einfach alles gleich klingt.
Publikumsnähe allein reicht nicht
Nicht nur in Sachen Publikumsnähe, auch inhaltlich besteht bei Kamrad mit Bob Dylan oder Van Morrison keine Verwechslungsgefahr. Was Kamrad anbietet, sind meist recht generische Herzschmerz-Texte, so überraschungsarm, dass sie auch von ChatGPT stammen könnten. Es geht ihnen das ehrliche Gefühl ab. Kamrad schafft Songs, die einen für sich genommen, nicht groß stören, wenn sie beim Einkauf im Supermarkt im Hintergrund laufen, die aber auch nicht fehlen würden, wenn auf sie verzichtet würde. Sie ergreifen einen nicht. Musikalisches Teflon.
Einmal, als Kamrad über seine neue EP zu sprechen beginnt, blitzt ein bisschen Hoffnung auf mehr inhaltliche Tiefe bei den nun folgenden Songs auf. „Trying Not To Panic“ heißt die EP, Kamrad spricht in der Anmoderation über die großen Unsicherheiten, mit denen wir gerade leben, über die multiplen Krisen, über diese Panik-Momente, die wir alle im Leben haben. Hui, spannend, denkt man sich, was da jetzt wohl kommen mag? Im nächsten Moment wird man dann mit Textzeilen konfrontiert wie „So, baby, do you lala like me? Or do you lala like to lie to me? Maybe we’re not meant to be. Well, I don’t really wanna know“.
Musik für TikTok
Waren seine Songs schon immer stark auf Radio getrimmt und selten viel länger als dreieinhalb Minuten lang, trägt die neue EP nun der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der jungen Hörer Rechnung. Kein Song knackt hier die Drei-Minuten-Marke. Musik für TikTok. Kamrad als musikalischer Content-Creator mit Liedern für solche, die sich eigentlich gar nicht so sehr für Musik, für Texte interessieren, sondern einfach unterhalten werden mögen.
Und das ist schade, weil man annehmen kann, dass der in Interviews immer grundauf sympathische und reflektierte Kamrad es besser könnte. Man spürt aber die Berechnung hinter den Liedern und würde sich wünschen, der Mann ließe das Kalkulieren sein und würde sich und seine talentierte Band einfach mal von der kreativen Kette lassen.
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