Heilung. Trauer. Schmerz. Themen, die Florence + The Machine auf dem neuen Album „Everybody Scream“ verhandeln. Eine Platte, die aus einem persönlichen Trauma heraus entstanden ist.
Florence Welch ist dem Tod knapp von der Schippe gesprungen. Es geschah während der „Dance Fever“-Tour. „Ich hatte während eines Auftritts eine gefährliche Fehlgeburt nach einer Eileiterschwangerschaft. Deshalb musste ich sofort ins Krankenhaus und operiert werden. Es hatte sich so viel Blut in meinem Bauch gesammelt, dass es buchstäblich die Größe einer Cola-Dose hatte“, erzählte die Frontfrau von Florence + The Machine neulich in einem Interview mit Zane Lowe von „Apple Music“.
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Alte Mistreiter wieder mit an Bord
Um das Geschehene zu verarbeiten, hatte sich Welch, so erzählte sie Lowe, mit Themen wie Hexerei und Mystik beschäftigt. Welch: „Und sobald man sich mit Geschichten rund um Geburt befasst, stößt man unweigerlich auf Erzählungen über Hexerei, grausige Volkssagen und Mythen.“ Der Ausgangspunkt für die neue Platte „Everybody Scream“, die Florence + the Machine nun vorgelegt haben.
Florence schreit ihren Schmerz nun in zwölf neuen, durchaus tiefgründigen Songs heraus. Zum Teil buchstäblich. In den vergangenen zwei Jahren hat sie das Album zusammen mit einem eng verbundenen Kreis von Mitwirkenden geschrieben und produziert. Zu eben diesem gehörten Mark Bowen von IDLES, der auch im Video zum Titelsong „Everybody Scream“ zu sehen ist, Aaron Dessner und Mitski.
Die Glanzlichter
Folk-Horror, Horror-Folk – so könnte man die überaus symphonisch geratene, von den 1970er Jahren inspirierte Platte am besten umschreiben. So radio-tauglich wie auf vielen ihrer Vorgänger ist Florence hier nicht unterwegs. Vielleicht lassen das die Themen auch nicht wirklich zu. Dafür offenbart „Everybody Scream“ zu viel Verletzlichkeit. Die Platte verhandelt neben den eingangs erwähnten Themen Sujets wie Weiblichkeit, Partnerschaft, Altern und Sterben. Das ist nichts für die breite Masse, die das Dunkle im Alltäglichen eher scheut.
Zu den Glanzlichtern der Platte – es ist die sechste der britischen Indie-Rock-Band – gehört zum einen sicherlich der Titelsong. Der kommt direkt mit Wucht, Florence schreit sich hier direkt die Seele aus dem Leib. „You Can Have It All“ ist eine Nummer über Sexismus, dem Frauen auch oder gerade in der Musikbranche immer wieder ausgesetzt sind. Die Frage hier: „Ruhm und Familie, geht das überhaupt?“ Man hört den Schmerz hier deutlich heraus. „Music By Men“ führt die Anklage gegen das Patriarchat weiter.
Von Frust durchtränkt
Auch das als Single vorab ausgekoppelte, von Frust durchtränkte „One of the Greats“ bleibt haften. Florence selbst sagt über den Song: „Ich weiß nicht so recht, wie ich das erklären soll, es war eine Art langes Gedicht über den Preis der Größe. Wer entscheidet darüber? Warum will ich das überhaupt? Warum bin ich nie zufrieden? Ich habe das Gefühl, jedes Mal, wenn ich ein Album aufnehme, ein bisschen zu sterben, und bei der letzten Tour bin ich buchstäblich fast gestorben. Und doch grabe ich mich immer wieder aus, um es erneut zu versuchen, immer auf der Suche nach der einen Person, die es nicht mag, oder um endlich das Gefühl zu haben, etwas Perfektes geschaffen zu haben und mich ausruhen zu können.“
Insgesamt muss man sich die Platte als eine Art Folk-Oper vorstellen. Inhalt geht hier vor Verpackung, das Storytelling vor der Musik. Es ist nicht so, dass sich hier viele Songs in den Gehörgang fräsen. Vielmehr öffnen sie sich, wenn man den Lyrics konzentriert lauscht, wenn man sich auf die Texte in Verbindung mit der Musik so richtig einlässt. Das reduzierte „Perfume and Milk“, mehr Gedicht als Song, treibt das auf die Spitze. Aufmerksamkeit ist hier gefragt. Und wer diese mitbringt, kann sich durchaus auch von Songs wie „Drink Deep“, „Buckle“, „Kraken“ oder „Witch Dance“ einnehmen lassen.
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