Mit Tame Impala in den Club: Auf seiner neuen Platte „Deadbeat“ präsentiert Kevin Parker eine Sammlung kraftvoller Club-Psych-Experimente. Eine Platte, die von der Bush-Doof-Kultur und der Rave-Szene Westaustraliens inspiriert ist – und Tame Impala in eine Art futuristische Primitiv-Rave-Band verwandelt.
Was Kevin Parker anfasst, scheint zu Gold zu werden. Der Mann hat Timing, hat es immer wieder verstanden, sich zum richtigen Zeitpunkt neu zu erfinden. Er begann mit 60s-Psychedelia, entwickelte sich dann Richtung 70s‘-Synthie-Pop und Indietronica weiter, um sich dann auf die Suche nach dem perfekten Pop-Song zu machen. Der Australier schlägt gerne Haken. Dabei schreibt er nicht nur selbst, sondern mittlerweile mit und auch für andere. Top-Stars wie Mick Jagger, Lady Gaga, Travis Scott, Justice, The Weeknd, Diana Ross und Dua Lipa machten schon gemeinsame Sache mit ihm. Rihanna hat ihn gecovert.
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Weil der Mann so gefragt ist, dauert es immer gern etwas, bis er mal wieder einen neuen Longplayer vorlegt. Seit dem letzten, „The Slow Rush“, sind nun wieder fünf Jahre vergangen. Gut, der Druck scheint auch nicht mehr ganz so groß zu sein, nachdem Parker die Rechte an seinen alten Songs an Sony Music veräußert hat – und jene an den zukünftigen gleich mit. Und außerdem ist der Mann zwischenzeitlich auch Vater geworden.
Von Bush-Doof-Kultur inspiriert
In „The Slow Rush“ setzte sich der Gute noch mit Zeitfragen auseinander. In „Deadbeat“, seinem Album Nummer fünf, führt er den Hörer jetzt ins Nachtleben. Die Platte ist von der Bush-Doof-Kultur und der Rave-Szene Westaustraliens inspiriert, entsprechend pumpt es an allen Ecken und Enden. Die Musik ist hier überaus körperbetont, stellenweise geradezu euphorisch.
Im Kontrast dazu: die Lyrics. Nicht immer originell, leider. Textlich lässt Parker in „Deadbeat“ dazu eine gewisse Niedergeschlagenheit erkennen. Unsicherheiten, ein geringes Selbstwertgefühl – all das scheint in den Songs immer wieder durch. Exemplarisch: der Song „Loser“, in dem sich Parker als Versager bezeichnet, obwohl er längst sein Leben auf die Reihe bekommen haben sollte. Im Video dazu spielt übrigens Joe Keery aus „Stranger Things“ die Hauptrolle.
„Loser“, hier ist ausnahmsweise mal ein Gitarrenriff zu hören. ist eines der Glanzlichter der Platte. Ebenso wie das von Horrorfilmen inspirierte Disco-Stück „Dracula“, das klingt, als habe Kevin eine moderne Fassung von Michael Jacksons „Thriller“ schreiben wollen. Nicht ganz gelungen, aber immer noch huttauglich. Und auch „End of Summer“ gehört zur Highlight-Riege. Ein Sieben-Minuten-Epos, das an den Acid-House-Sommer von 1989 erinnert, an die Free Parties Mitte der 90er Jahre, an Bush Doofs in den Weiden des Outbacks. Der Track wurde von einem kurzen visuellen Narrativ begleitet, das von dem multidisziplinären Künstler Julian Klincewicz inszeniert wurde.
Das nicht minder kurze „Ethereal Connection“ ist eine interessante Progressive-House-Fingerübung. In „My Old Ways“ zeichnet der Gute die eigene Karriere nach. Man hat das Gefühl, hier wäre storytechnisch noch mehr Potenzial gewesen, das es auf dem Album zu heben galt. „Afterthought“ (diese Bassline!) ist unheimlich eingängig. „Piece Of Heaven“ erinnert an Enya, kommt aber an diese nicht ran.
Kurzum: Es ist ein Album, das die Selbstzweifel Parkers mal wieder in Musik gießt. Man stellt sich die Frage, ob bei dem doch so erfolgreichen Musikers irgendwann der Moment kommt, an dem er sagt: Ich habe es geschafft. Zu wünschen wäre es ihm. Vielleicht ist „Deadbeat“ ja auch als Schritt zur inneren Akzeptanz zu lesen.
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