Xavier Naidoo war ganz oben, dann ganz unten. Jetzt versucht sich der gefallene Superstar an einem Comeback – und sorgt wieder für ausverkaufte große Arenen. So wie auch die SAP-Arena in Mannheim.
In Berlin hatte es Proteste gegeben. Anlässlich seiner seit Dezember laufenden Comeback-Tournee machte Xavier Naidoo vor wenigen Tagen für zwei Konzerte in der Uber Arena in der deutschen Hauptstadt Station. 17.000 Zuschauer sollen allein beim ersten Konzert am Start gewesen, laut „Musikexpress“ herrschte in der Halle ausgelassene Stimmung – während sich vor ihr Demonstrierende versammelten. Ihr Motto: „Keine Bühne für Antisemitismus (Gegen Xavier Naidoos rechte Verschwörungsmythen)“.
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Wenn es in den vergangenen Jahren einen Künstler in Deutschland gegeben hat, der aktiv und schier unermüdlich daran gearbeitet hat, gecancelled zu werden, dann Xavier Naidoo. Vor den Augen der Öffentlichkeit hatte sich der Mann zunehmend radikalisiert. 2009 behauptete er, Deutschland sei ein besetztes Land, ein von Rechten häufig genutztes Opfernarrativ. Naidoo trat bei einer Reichsbürgerkundgebung in Berlin auf, sang später mit Hooligans, verbreitete Verschwörungstheorien (unter anderem zum 11. September und zu rituellen Kindermorden), ätzte gegen Flüchtlinge und leugnete Corona. Die Staatsanwaltschaft Mannheim warf Naidoo vor, 2021 über einen Telegram-Kanal den Holocaust leugnende und antisemitische Inhalte verbreitet zu haben und erhob 2024 Anklage wegen Volksverhetzung.
Kein Protest beim Heimspiel
2022 hatte Naidoo schon ein Entschuldigungsvideo veröffentlicht, gab darin an, sich jahrelang in Verschwörungstheorien verrannt zu haben. „Ich habe Dinge gesagt und getan, die ich heute bereue“, erzählte der Mannheimer in dem Clip, blieb gleichzeitig aber auch sehr vage, was ihm denn da nun eigentlich konkret leid tut – und was eben nicht.
In Mannheim, seiner Heimatstadt, blieben die Proteste aus. Wer am Freitagabend in der SAP-Arena aufschlug, der kam nicht, um gegen Naidoo zu protestieren, nein, der kam, um ihn zu sehen. Und zu hören. Aber wer geht eigentlich im Jahr 2026 auf ein Naidoo-Konzert – und warum? Liegt der Journalist und Musikkritiker Linus Volkmann mit seiner Befürchtung richtig, wenn er schreibt: „Doch es ist anzunehmen, dass sich ganz viel von diesem Zuspruch, den der Rapper rund um die Veranstaltung jetzt erhält, nicht trotz seiner Entgleisungen, sondern gerade wegen jener über ihm ergießt. Und das macht einfach richtig schlechte Laune.“
Das Publikum in der ausverkauften SAP-Arena macht auf den ersten Blick einen recht normalen Eindruck. Es wirkt niemand so, als habe er sich jetzt für diesen Freitag eigens vom Rechtsrock-Event seines Vertrauens loseisen müssen, um mal eben schnell bei Xavier vorbeizuschauen. Typisches Mainstream-Publikum. Aber man kann den Leuten natürlich nur vor und nicht in den Kopf gucken. Was darin vorgeht, erfragt man am besten.
Keine Lust auf Umfrage
Wirklich viel Lust auf eine Spontan-Umfrage vor oder nach dem Konzert haben die Zuschauer an diesem Abend allerdings nicht. Als ich mich als Reporter zu erkennen gebe, schaut mich eine Konzertbesucherin an, als hätte ich ihr gerade eröffnet, in meiner Freizeit mit Vorliebe Elefantenbabys umzustoßen. Einen Kommentar zum Xavier-Comeback will sie nicht abgeben. Schade. „Sie werden hier heute wohl viele Leute finden, die mit dem System, in dem wir leben, unzufrieden sind“, vermutet eine andere Konzertbesucherin, kurz bevor ihr Freund sie vom Reporter doch noch wegzerrt: „Kein Interesse“, zischt er. In einem Land, in dem sich immer mehr Leute darüber aufregen, dass man nichts mehr sagen dürfe, wird erstaunlich wenig gesagt, wenn man gefragt wird.
Ina (41, aus Stuttgart) und ihr Bruder Rafa (35, aus der Schweiz) sind zum ersten Mal bei Xavier Naidoo. Die beiden Geschwister sind zwar Fans der ersten Stunde, hatten bislang aber nicht die Gelegenheit, den Sänger mal live zu erleben. „Wir freuen uns wahnsinnig“, sagen die beiden. Ob sie denn kein Problem mit Naidoos Kontroversen haben? „Uns geht es um die Musik“, sagt Ina. Und Rafa fügt hinzu: „Jeder macht Fehler, jeder baut mal Mist. Und wir leben in einer Mediengesellschaft, in der einem auch mal das Wort im Mund herumgedreht wird oder Dinge aus dem Zusammenhang gerissen werden.“ Ob sie Naidoo seine Entschuldigung abnehmen? Rafa zuckt mit den Schultern: „Ich denke schon. Natürlich kann das auch ein Move gewesen sein, um seine Karriere zu retten. Kann man nicht ausschließen, er war ja komplett außen vor. Aber das wird nur er selbst beantworten können.“ Im Vordergrund sollen aber an diesem Abend die Songs stehen, finden Ina und Rafa. „Die gehen unter die Haut, die machen einfach etwas mit einem. Das ist unvergleichlich.“
Beinahe Legende
Und genau darin liegt bei Naidoo natürlich auch die große Tragik. Der Mann war ein mit großem Talent gesegneter Superstar, keine Frage. Vielleicht ist er das noch, es gibt nicht viele deutschsprachige Künstler, die die ganz großen Arenen ausverkaufen. Und das an mehreren Abenden hintereinander, in der selben Stadt. Aber nur die allergrößten Fans schaffen es wahrscheinlich, dass von Naidoo Gesagte auszublenden, sich einfach nur auf die Musik einzulassen. Der neutrale Beobachter versucht im Kopf, diesen auf der Bühne so sanftmütig erscheinenden Sänger mit dem wütenden, zeternden Aluhut-Träger aus dem Netz zusammenzubringen. Und das ist natürlich schade. Es gibt in Deutschland nur wenig Sänger, die so viel Soul, so viel Swag in der Stimme haben, die solch ein Charisma und solch eine Aura mitbringen wie Xavier Naidoo. Der Mann hätte eine Legende werden können, ist aber zwischenzeitlich so tief gefallen, dass dieser Status wohl unerreicht bleiben wird.
Im besten Fall winkt durch aufrichtiges Bedauern und Aufarbeitung vielleicht aber eine Art Rehabilitation. Naidoo arbeitet zumindest gerade daran. Er steht am Beginn dieses Prozesses. Wer am Freitag in der SAP-Arena dabei ist, könnte aber dem Irrtum erlegen, der Prozess sei bereits abgeschlossen, so euphorisch begrüßt und feiert ihn das Publikum. Die Fans dürsten nach Xavier, zelebrieren nach sechs Jahren Live-Abstinenz die Wiederauferstehung ihres gefallenen Idols. Fast drei Stunden lang fährt Naidoo bei seinem Heimspiel denn auch groß auf, reiht Hit an Hit, zeigt sich stimmlich in herausragender Form. Das Publikum frisst ihm aus der Hand, singt bei vielen Songs lauthals mit.
Als wäre nichts gewesen
Naidoo performt, als wäre nichts gewesen. Es gibt keine großen Ansprachen, keine Erklärungsversuche, keine politischen Statements. Wenn er aber in „Alles kann besser werden“ die Zeile „Ich will raus aus dieser Scheiße hier“ besonders intoniert, mag man da einen Kommentar zur eigenen Befindlichkeit hinein interpretieren.
Auf die wirklich problematischen Songs verzichtet Naidoo auf dieser Tour, das ist auch in Mannheim nicht anders. Überhaupt gibt es aus den letzten Jahren nur wenig zu hören, Naidoo will an seine alten Chartstürmer erinnern, Nostalgie is key. Ein Konzept, das aufgeht, wenn man sich die Publikumsreaktionen so anschaut. Songs wie „20.000 Meilen“, „Sie sieht mich nicht“ oder „Abschied nehmen“ sind auch einfach immer noch gut.
Besonders gelingt an diesem Abend das epische „Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)“, überhaupt eine der schönsten Balladen, die der deutsche Pop je hervorgebracht hat. Und wieder denkt man sich: Das kann doch nicht derselbe Typ sein, der da jahrelang Gift und Galle gespuckt hat!?!
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