TKKG on tour, von links: Tobias Diakow (Karl), Manou Lubowski (Willi), Rhea Harder-Vennewald (Gaby) und Sascha Draeger (Tim). (foto: Julia Schwendner)

Im Interview: Sascha Draeger und Manou Lubowski über den Mythos TKKG, Kritik an der Serie und das neue Live-Hörspiel

Die TKKG-Hörspielreihe ist Kult. Die Sprecher Sascha Draeger (Tim) und Manou Lubowski (Klößchen) sind seit 1981, also: seit dem Start, dabei. Benjamin Fiege sprach mit den beiden über den Mythos TKKG, Kritik an der Serie, den Einfluss von KI auf das Sprecher-Metier und das neue TKKG-Live-Hörspiel „Das verschollene Zepter von Gizeh“.

Mit welchen Hörspielen seid ihr denn in den 1970er Jahren aufgewachsen?

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Sascha Draeger: „Hui Buh“, „Pumuckl“ und „Der kleine Muck“. Tatsächlich waren Hörspiele recht neu damals, auch nicht ganz günstig und daher haben meine Schwester und ich mehr gelesen als gehört. Viel Enid Blyton etwa.

Manou Lubowski: Ich habe viel gehört, „Fünf Freunde“, „Hui Buh“, „Robin Hood“. Allerdings haben wir alle schon recht früh als Sprecher gearbeitet und so konnte es passieren, dass wir in manchen Produktionen mitgewirkt haben, die wir dann konsumiert haben. Wobei ich es als Kind gehasst habe, mich selbst zu hören.

War das Hörspiel-Sprechen von Anfang an ein Karriereziel? 

Sascha Draeger: Bei mir war es familienbedingt. Mein Vater Wolfgang war Synchronsprecher, meine ein Jahr ältere Schwester Kerstin war auch schon Sprecherin und so kam ich dann ebenfalls dazu.  

Manou Lubowski: Bei uns allen kam das durch die Familie. Mein Vater war Regisseur, meine Mutter Schauspielerin, meine Schwester sprach die „Biene Maja“. Und so bin ich dann da auch reingerutscht. Wobei ich immer das Ziel hatte, Schauspieler zu werden. Damals gab es in München einen Mangel an Kindersprechern. Das war nicht ganz leicht, auch wegen dem Jugendamt, das da sehr genau hinschaute. Auf so mancher Dispo stand immer „Herr Lubowski“ – und ich bin nach der Produktion heimlich durch den Hinterausgang raus. (lacht)

Wie seid ihr denn für TKKG gecastet worden?

Manou Lubowski: Es gab kein spektakuläres Casting. Heikedine Körting kannte unsere Stimmen schon und hat uns angesprochen. Mich zwei Wochen, nachdem ich erstmals ein TKKG-Buch in den Händen hielt. Ich wäre gerne der Tim gewesen, aber sie hat in mir Klößchen gesehen. 

Sascha Draeger: Ich war als Karl vorgesehen, aber es hat sich herauskristallisiert, nach zwei, drei Sätzen im Studio, dass ich den Tim geben sollte.  Ich war ein bisschen älter als die anderen, klang daher etwas reifer.

Viele Produktionen, die ihr angesprochen habt, gibt es längst nicht mehr. „TKKG“ oder „Die drei ???“ aber auch nach über 40 Jahren noch. Warum?

Manou Lubowski: „TKKG“ waren immer da, auch immer bekannt, aber in den letzten Jahren ist das Interesse explodiert. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach dem Analogen, nach den 1980ern und 1990ern, wo alles etwas friedvoller war. So ein bisschen wie bei „Wetten, dass …“.

„TKKG“ also als eine Art letzte popkulturelle Kollektiverfahrung. 

Sascha Draeger: Wir hören sehr oft, dass Menschen, die mit „TKKG“ aufgewachsen sind, ihre Liebe zur Serie an ihre Kinder weitergeben. So trägt sich das von Generation zu Generation.

Manou Lubowski: Das liegt einerseits daran, dass wir extrem gut sind (lacht). Zum anderen daran, dass sich jeder in den TKKG-Figuren wiederfinden und mit ihnen identifizieren kann.

Den Figuren wird oft zum Vorwurf gemacht: Da werde mit Stereotypen gearbeitet. Muss das aber gerade so sein, um für Kinder anschlussfähig zu sein?

Manou Lubowski: Es ist ja gar nicht mehr nur für Kinder produziert, das sieht man ja jetzt auch ganz gut am Publikum der Live-Shows. Klar, es gibt in Internetforen viele, die zum Beispiel sagen: Muss Klößchen so viel Schokolade essen, ist das nicht aus der Zeit gefallen? Ja, muss er. Ich liebe das an ihm. Er ist so, wie er ist, er lässt sich nicht von anderen verunsichern. Ich finde es unerträglich, wenn wir einem Menschen vorschreiben wollen, wie man zu leben hat. Zum anderen sehe ich „TKKG“ als Paket, mit dem man sich identifizieren kann. Jeder möchte mal der starke Held oder der Schlaue sein, sich mal gehen lassen können oder so hübsch wie Gaby sein. Daher ist es für mich wichtig, dass die Charaktere genau so bleiben, wie sie sind.

Ein bisschen hat man an ihnen geschraubt. Tim prügelt nicht mehr so schnell drauf los, Gaby wird stärker gezeichnet und  nicht alle fünf Folgen als damsel in distress entführt. 

Sascha Draeger: Tim hat seine Aggressionen besser im Griff.

Manou Lubowski: Finde ich schade!

Sascha Draeger: Er ist nicht mehr so aufbrausend. Trotzdem ist er immer noch der Anführer. Erst neulich habe ich mir mal wieder die ganz alten Folgen angehört, da hat Tim unheimlich viel allein gemacht und die anderen dann erst später eingeweiht. Das hat sich sehr geändert, die Figuren sind gleichberechtigter.  Gaby lässt sich von mir nicht mehr heimschicken, wenn es brenzlig wird. Für Kinder war Tim natürlich damals sehr faszinierend, weil er sich mit Älteren angelegt hat und dabei auch noch gewonnen hat. 

Habt ihr Einfluss darauf, wie sich die Figuren entwickeln?

Sascha Draeger: Wir würden nichts aufnehmen, was uns völlig gegen den Strich ginge. Aber das kommt im Grunde auch nicht vor.  Ich finde gut, dass wir mit der Zeit gegangen sind. Gleichzeitig glaube ich aber auch nicht, dass jemand, der mit den ganz alten Folgen aufgewachsen ist, durch sie verdorben wurde und nun eher zur Keilerei neigt.

Manou Lubowski: TKKG ist immer ein Produkt seiner Zeit. Anders als in den 1980ern spielen die Kinder heute nicht mehr in der Gruppe Detektiv. Die beschäftigen andere Sachen. Wichtig geblieben ist aber das Thema Freundschaft, und darum geht es ja im Kern. Ich bin froh, dass sich TKKG treu geblieben, aber doch mit der Zeit gegangen ist – ohne dabei auf einen Wokeness-Zug aufzuspringen.

TKKG vs Drei ???: Beatles oder Stones

Sich einer Gruppe zuzuordnen, war in den 1980ern das Ding. In der Musik war man Goth, Punk, Metalhead oder Popper. Und auf dem Schulhof musste man sich positionieren: TKKG oder „Die drei ???“. Beatles oder Stones …

Manou Lubowski: Das ist immer noch so!

Sascha Draeger: Damit können wir leben, wenn wir dann die Beatles sind …

Manou Lubowski: Ich habe in einer Doku gesehen, dass die Stones viel braver waren als es ihr Image vermuten lässt. Bei den Beatles war es anders herum.

Sascha Draeger: Wir bleiben bei den Beatles …

TKKG-Stories: Komplexer, auf die gute Art

Stichwort Wokeness. Ist es lächerlich, wenn heute bei den alten Folgen auf den Streaming-Diensten ein Disclaimer vorne dran gepackt wird? Manche Folgen wie „Schatz in der Drachenhöhle“ sind auch nicht mehr online …

Manou Lubowski: Dazu muss man sagen, dass sich Sony dazu freiwillig entschlossen hat, da gab es keinen Druck von außen. Natürlich kann man immer diskutieren, ob man jetzt einzelne Folgen von damals so kritisch sehen muss oder nicht. Zum Disclaimer: Den finde ich gut, da kann dann jeder selbst entscheiden. 

Sascha Draeger: Ich finde gut, dass sowohl die alten als auch die neuen Folgen zugänglich sind. Manche mögen die älteren, mit denen sie aufgewachsen sind, lieber und möchten genau die ihren Kindern zeigen. Wobei ich finde, dass auch unsere neuen Folgen superspannend sind. Und vielleicht ein realistischeres Bild der Jugend und der Gesellschaft von heute vermitteln.

Manou Lubowski: Sie sind komplexer geworden, auf eine gute Art.

Wie hat sich denn das Storytelling über die Jahre verändert? Es heißt ja gern, Kinder hätten heute nicht mehr die Aufmerksamkeitsspanne. Bei den neuen Folgen fällt mir die einminütige Zusammenfassung am Anfang auf.

Manou Lubowski: Die soll auf Streaming-Portalen wohl den Klappentext ersetzen. Ich war davon selbst überrascht, weil mir die seit einem halben Jahr auch aufgefallen sind. Da höre ich die neuen Folgen sehr viel, weil meine kleine Tochter die jetzt hört. Der Text ist wohl eher für die Eltern gedacht. Zur Aufmerksamkeitsspanne: Wer keine hat, für den sind Hörspiele prinzipiell eher nichts.

Sascha Draeger: Früher waren die Folgen eher kurz. Dann wurden sie relativ lang, jetzt hat man es wieder zurückgedreht und sagt: Ein Hörspiel sollte um die 45 Minuten dauern. Unser Tour-Stück ist deutlich länger, das sind etwas mehr als 90 Minuten.

TKKG hat immer wieder Wortschöpfungen zur deutschen Sprache beigetragen. Die Drahtesel etwa. Seid ihr als Kinder rangezogen worden, um mal zu schauen, wie junge Menschen eigentlich so sprechen?

Sascha Draeger: Die Worte kamen hauptsächlich vom Autoren, damals noch Stefan Wolf, also Rolf Kalmuczak. Der war ja auch schon etwas älter. Ich glaube tatsächlich, dass das oft Worte waren, die in den 1980ern gar nicht mehr so verwendet wurden. Direx, Drahtesel. Die haben durch TKKG so eine Art Renaissance erlebt.

Immer noch alte Schule

In einer Doku konnte man mal einen Einblick in die Studioarbeit bei Heikedine Körting gewinnen. Sah alles sehr old-schoolig aus.

Sascha Draeger: Es hat sich nichts geändert!

Manou Lubowksi: Wir nehmen immer noch analog auf Schleifen auf, aber es gibt jetzt auch jemanden, der digital mit aufnimmt. Sicherheitshalber. Trotzdem: Das ist echt einmalig, sonst nimmt niemand mehr so auf.

Da kommen die Geräusche auch nicht aus der Datenbank, sondern sind handgemacht. Frau Körting scheint da so eine Art Geräusch-MacGyver zu sein.

Sascha Draeger: Das trifft es sehr gut. Sie ist da sehr kreativ. Um etwa zu imitieren, wie sich Tims Bettdecke anhört, wird etwa das Rascheln von Heikedines alter Golfhose verwendet. Auf der Bühne übernimmt das der Soundmacher Peter Sandmann für uns.

Manou Lubwoski: Ansonsten sind bei der Produktion Kugelschreiber und Taschenlampe richtige Allzweckwaffen.

Bei der TV-Serie, die es in den 1980ern gab, seid ihr nicht dabei gewesen. Warum?

Sascha Draeger: Wahrscheinlich waren wir ihnen zu alt. Fabian Harloff, der in der ersten Staffel den Tim spielte, war zwei Jahre jünger als ich. Die haben sich wohl einfach die Geburtsdaten angeguckt. Als wir die Autoren kurz nach Start der ersten Staffel auf der Frankfurter Buchmesse kennenlernten, sagten sie: Ach, so alt seid ihr gar nicht. Das hätten wir auch mit euch machen können.

Manou Lubowski: Ach, wirklich? 

Sascha Draeger: In der zweiten Staffel gab es einen neuen Tim, der knallblond war. Da hat man sich nicht viel Mühe gegeben, nah an der Vorlage zu bleiben.

Manou Lubwoski: Ich fand als Kind schon dämlich, dass die alle ihre Buchstaben – „T“, „K“, „K“ und „G“ – auf ihren T-Shirts hatten.

Sicher im Sattel

Ihr sprecht die Hörspiel-Rollen jetzt seit über 40 Jahren. Gab es jemals Überlegungen von außen, die 13-jährigen Figuren wieder von etwa Gleichaltrigen sprechen zu lassen? Dass irgendwann „TKKG junior“ eingeführt wurde, könnte ja als Hinweis verstanden werden, dass über eine Verjüngung nachgedacht wurde.

Sascha Draeger: „TKKG Junior“ ist an eine jüngere Zielgruppe gerichtet, da sind die Fälle etwas einfacher, auch weniger gruselig. Die Sprecher von „TKKG Junior“ sind aber auch keine Kinder.  Wir liefen da zum Glück nie Gefahr, das ist nicht selbstverständlich, wenn man sich andere Formate so anschaut.

Manou Lubowski: Es stellte sich eher mal die Frage, ob wir weiter produzieren oder nicht. In den 1990ern gab es mal eine Phase, in denen sich TKKG etwas weniger gut verkauft hat. Aber die Marke hat sich rechtzeitig erholt. Heute würde sie sich keinen Gefallen mehr tun, die Sprecher auszutauschen. Uns macht es auch weiterhin viel Spaß.

Wenn ihr in 30 Jahren doch mal in TKKG-Sprecher-Rente gehen wolltet, könntet ihr sagen: Ich gehe, lasse aber meine Stimme da. KI macht es möglich. Ist das eine Chance für Sprecher? Oder seht ihr in KI eine große Gefahr?

Sascha Draeger: Ich sehe es aktuell eher als Gefahr. Die Sorge ist, dass die KI ungefragt mit den Stimmen professioneller Sprecher trainiert wird – und die dann ersetzt werden. Es gibt aber auch Fälle wie den von dem verstorbenen Hans Clarin, dessen Stimme – in Absprache mit den Hinterbliebenen – von der KI-generiert in „Pumuckl“ weiterhin zu hören ist. Man überlegt schon, verstorbene Schauspieler mit KI für Filme wiederzuerwecken. Ich würde mich in der Kunst immer gegen die KI entscheiden, wenn ich die Wahl hätte.

Manou Lubwoski: Wenn man den Sprechern die Stimme abkaufen würde und die Leute das dann hören wollen, spricht da nichts dagegen. Aber die Sorge ist, dass die Stimmen geklaut werden. Das geht gar nicht. Unser Metier steht da in Sachen Zukunftsangst aber nicht alleine da, das wird viele Branchen treffen. Und tut es ja schon.

KI, Musik und Hörspiel

Würdet ihr jungen Menschen noch empfehlen, in den Beruf zu gehen?

Manou Lubowski: Der Beruf ist immer noch sehr schön. Wir sind aber mit TKKG in einer privilegierten Position, die Marke ist etabliert. Ich denke nicht, dass ich als junger Mensch heute als Sprecher anfangen würde. Man startet mit den kleinen Aufträgen, und die werden heute vielerorts schon KI-generiert.

Hat sich denn der Hörspiel-Markt durch Streaming ähnlich entwickelt wie der Musikmarkt?

Sascha Draeger: Der Hörspielmarkt wird nicht von KI-generiertem Content geflutet, wie es bei der Musik schon der Fall ist. Was den Verkauf physischer Tonträger angeht, ist es ähnlich. TKKG erscheint als eine der wenigen Marken noch physisch, wird aber auch vor allem gestreamt. Andere Reihen finden nur noch im Stream statt.

Manou Lubowski: Wir haben das Glück, bei einem Major Label zu sein, sind da gut aufgestellt. Es gibt mittlerweile viele kleine Hörspielverlage, aber da monetär etwas rauszuziehen, sich da etwas aufzubauen, ist schwierig geworden.

Sascha Draeger: Im Hörbuch-Bereich gibt es schon mehr KI-generierten Content, da muss der Markt entscheiden, ob er seelenlosen Robotern lauschen will – oder Menschen aus Fleisch und Blut.

Die Menschen aus Fleisch und Blut sieht man jetzt auf der Bühne. Wie schwierig war die Umstellung von Studio-Arbeit auf Live-Auftritt?

Manou Lubowski: Es ist gar nicht so viel anders. Die Arbeit unterscheidet sich nicht so sehr von der im Studio. Wir kennen die Rollen – und lesen können wir auch. Es ist für uns einfach toll, die Leute vor uns zu haben und ihre Reaktionen erleben zu dürfen. Und ein bisschen aufgeregt sind wir vorher schon auch.

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