Deine Lakaien gehören zu den Pionieren der deutschen Dark-Wave-Szene. Vor ihrem Auftritt in Karlsruhe sprach Benjamin Fiege mit Sänger Alexander Veljanov über die Langlebigkeit der Band, Kommerz und Indie sowie Zukunftspläne.
Herr Veljanov, bei Ihnen steht dieses Jahr einiges an. Neben den Gigs mit Deinen Lakaien auch eine Solo-Tour – und ein neues Soloalbum.
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Ja, da habe ich mir ein bisschen etwas vorgenommen. Mit Deine Lakaien sind es drei Auftritte, darunter der in Karlsruhe. Ansonsten liegt der Schwerpunkt auf der Solo-Platte und meiner Tour im Herbst.
Es ist Ihr erstes Soloalbum seit „Porta Macedonia“ aus dem Jahr 2008. Warum ist gerade jetzt ein günstiger Zeitpunkt für einen Nachfolger? Wo doch jeder gefühlt nur noch Singles veröffentlicht.
Mit „Porta Macedonia“ war ich bis 2011 aktiv, habe viele Konzerte gegeben. Danach lag für lange Zeit wieder der Schwerpunkt auf Deine Lakaien. In diese Phase fielen nicht nur neue Deine-Lakaien-Alben, sondern unter anderem auch unser 30-jähriges Jubiläum. Dazu gab es noch jede Menge Nebenprojekte, etwa Theater- oder Hörspielproduktionen. Dennoch haben sich im Laufe der Jahre viele Song-Ideen angesammelt. 2025 dachte ich dann: Es wird mal wieder Zeit. Da wurde mir erst einmal klar, wie lange „Porta Macedonia“ schon zurückliegt. Zu der Frage „Album oder Single“: Natürlich hat sich das Musikgeschäft verändert, das tut es ständig. Aber Trends interessieren mich nicht. Als wir mit Deine Lakaien anfingen, gab es ja noch nicht einmal die CD.
Streaming oder kein Streaming
Viele Künstler überlegen gerade, wie sie in Zukunft veröffentlichen möchten. Manche wollen die Streamingdienste außen vor lassen. Wissen Sie schon, wie Sie es machen?
Tatsächlich habe ich verschiedene Angebote und weiß noch nicht ganz genau, wie ich es machen werde. Es wird auf jeden Fall eine Indie-Veröffentlichung, Major-Firmen haben heute andere Prioritäten. Die leben von den Dinosauriern, die immer gut verkaufen, aber kurz vor der Rente stehen, und ein paar kurzfristig gehypten jungen Künstlern, die nach ein paar Jahren vergessen werden, obwohl sie doch Millionen Klicks und Follower hatten. Erinnert ein bisschen an die Zeit, in denen Plattenfirmen ihre physischen Tonträger aufkauften, um einen Künstler in den Charts zu pushen. Heute werden offenbar Klicks gekauft.
Können Sie schon ein bisschen etwas zur neuen Platte verraten?
Ich werde das Rad nicht neu erfinden. Ich habe zwar viele Alben gemacht, die auch alle etwas unterschiedlich sind, aber der Anker ist immer meine Stimme. Um sie herum versuche ich Genres, die mir interessant erscheinen, zu verbinden. Manchmal weiß selbst ich am Anfang nicht, was am Ende herauskommen wird. Da lasse ich mich gern überraschen, es fließen ja auch Ideen meiner Kollegen ein.
„Haben uns nie zu Tode reiten lassen“
Sowohl Sie als auch Ernst Horn, ihr Partner bei Deine Lakaien, sind musikalisch sehr offen. Gibt es trotzdem Stücke, die nur für Veljanov und nicht die Lakaien in Frage kommen würden?
Wir haben nach all den Jahren ein gewisses Gefühl, was der andere mögen könnte und was nicht. Dennoch können wir uns noch hier und da überraschen, was wir bei dem „Dual“-Album-Projekt erst wieder festgestellt hatten, für das jeder mit unerwarteten Cover-Vorschlägen um die Ecke kam. Grundsätzlich gilt: Die Basis bei Deine Lakaien ist die Elektronik, bei gleichzeitiger Offenheit für das Akustische. Das war, als wir damit anfingen, unüblich. Wir waren in den 1990ern die ersten, die Elektronik mit Mittelalter- beziehungsweise Renaissance-Instrumenten verbunden haben.
Ernst Horn und Sie haben sich gegenseitig neben Deine Lakaien immer Freiraum gelassen. Der Grund, weshalb es die Band nach rund 40 Jahren immer noch gibt?
Wahrscheinlich. Wir haben uns nie zu Tode reiten lassen. Viele Bands spielen sich kaputt, finden irgendwann nichts Neues mehr aneinander, wollen ausbrechen, etwas Neues wagen. Uns waren Deine Lakaien immer wichtig, aber wir haben uns von Anfang an die Freiheit und Freizeit gegönnt, auch noch etwas anderes zu machen.
Keine Frage des Alters
Sie sind 16 Jahre jünger als Ihr Kollege Ernst Horn. Hat der Altersunterschied je eine Rolle gespielt?
Am Anfang war er ein bisschen auffälliger, irgendwann war er dann kein Thema mehr. Die gemeinsame Arbeit an der Musik hat uns da verbunden. In Sachen Musikgeschmack haben sich schnell viele Gemeinsamkeiten aufgetan. Und wir hatten ähnliche Einstellungen, gerade wenn es um so Dinge wie Musikfernsehen ging. Da haben wir zwar stattgefunden, auch erfolgreich, aber dennoch blieben wir skeptisch. Irgendwann sind wir dann gemeinsam aus dem Mainstream abgebogen.
Als Deine Lakaien anfingen, wurde über Musik noch Lebensgefühl ausgedrückt. Man war zum Beispiel Punk, Goth oder Metalhead. Ihr wurdet schnell von der schwarzen Szene vereinnahmt. Obwohl ihr einen breiten Musikgeschmack hattet. Hat das trotzdem zu euch gepasst?
Mein Musikgeschmack war zwar breit, aber ästhetisch war ich schon sehr von der Gothic-Szene geprägt. Nick Cave, Einstürzende Neubauten, West-Berlin, das hat mich alles fasziniert. Wir galten als Pioniere der deutschen Dark-Wave-Szene. Das haben wir gern angenommen. Trotzdem haben wir klargemacht: Wir wollen nicht die deutschen The Sisters of Mercy sein, wollen nicht in der Klischee-Schublade verortet werden. Daher haben wir einige Songs veröffentlicht, bei denen mancher Fan „Verrat“ geschrien hat. Wir wollten uns aber unsere Vielseitigkeit nicht nehmen lassen. Gerade bei dem musikalischen Hintergrund von Ernst Horn.
Indie und Ausverkauf
Sobald damals eine Band aus dem Underground in die Scheinwerfer des Mainstreams geriet, riefen die Puristen unter den Fans: Ausverkauf! Das war bei euch nicht anders. Hat euch das geschmerzt?
Das gehörte damals dazu. Der Vorwurf kam, selbst wenn man musikalisch gar nichts verändert hatte. Manchmal hatte eine Band ja einfach den Zeitgeist getroffen. Natürlich hat einen das damals getroffen, irgendwie sogar beschämt. Und trotzdem bin ich im Rückblick stolz, dass es Deine Lakaien neben Bands wie The Cure oder Radiohead auch immer mal auf irgendwelche Sampler geschafft haben, auf denen sonst nur so Euro-Trash gewesen wäre. Damals gab es noch kein Internet, über solche Formate konnte man den Musikgeschmack junger Leute tatsächlich mitlenken.
Damals war „Kommerz“ ein Schimpfwort, heute in der Musik allgegenwärtig. Kaum ein Pop-Star, der neben seiner Musik nicht noch einen Eistee, ein Parfüm oder eine Modelinie vertreibt.
Ein Phänomen, das leider auch die Indie-Szene erreicht hat. Die sagen: Mit der Musik verdienen wir nichts mehr, nur noch mit dem Merch. Mit Strümpfchen, T-Shirts, Hütchen. Das ist der Sargnagel für die Kultur. Heute beschäftigen sich Bands mehr mit solchen Dingen oder damit irgendwelche Filmchen ins Netz zu stellen. Musik muss dann halt auch noch irgendwie gemacht werden, um das eigentliche Produkt zu verkaufen.
KI als Bedrohung
Stichwort „Sargnagel“: Als solcher wird für die Kultur ja auch die KI gesehen. Manchmal erinnert die Diskussion an die Zeit, als die ersten Synthesizer auf den Markt kamen. Wie stehen Sie zu dem Thema?
Ich würde sagen, das ist schon eine andere Qualität. Wenn wir, bei allem was wir sehen und hören, jetzt nachdenken müssen, ob das echt oder eine Fälschung ist … Das ist schon erschreckend. Man hat mir schon KI-generierte Bilder von mir gezeigt oder Musik-Stücke, für die meine Stimme verwendet wurde. Das macht mich alles müde. Dieses ständige Kontrollieren von Inhalten auf Echtheit. Das geht bei Nachrichten los und hört bei der Musik auf. Aber: Da bekommt man den Geist nicht mehr zurück in die Flasche.
Würden Sie als 18-Jähriger heute noch Berufsmusiker werden wollen?
Nicht so wie damals. Ich würde mich wohl auf den Weg der subventionierten Kultur begeben. Vielleicht in die Oper, das ist noch so eine sichere Insel, wo vieles noch so funktioniert wie früher.
Man kann euch jetzt am 6.3. in Karlsruhe erleben. Was können die Fans von der Show erwarten?
Im Fokus steht das Elektronische, es wird ein Querschnitt unseres Schaffens aus allen Jahrzehnten geben. Ich kann es unseren Fans nur empfehlen.
Termin
Deine Lakaien treten am Freitag, 6. März, 20 Uhr, im Substage in Karlsruhe auf. Angekündigt ist ein „Best Of Electric Duo“-Programm.
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