Ansa Sauermann (foto: Anna Stocker)

Track By Track: Ansa Sauermann über sein Album „Gehts Noch“

Gerade hat der „Straßenromantiker, Hingucker und Flaneur“ (so nennt ihn seine Plattenfirma liebevoll) Ansa Sauermann mit „Gehts noch“ sein neues Album veröffentlicht. Eine Art musikalische Gesellschaftsdiagnostik zur Zeit, die gerade deshalb so erfrischend ist, weil sie weder moralisierend noch angespannt daherkommt. Uns erzählt der gebürtige Dresdner, der mittlerweile in Wien lebt, was es mit den Tracks der Platte auf sich hat.

Wahre Liebe

Ich hatte drei Akkorde und diese Melodie im Kopf. Dazu die Worte: „Schau mir in die Augen, das ist Wahre Liebe. Zum einen dachte ich, ich schaffe es nie aus dieser Zeile etwas Unpathetisches entstehen zu lassen, zum anderen kam mir die Melodie auch irgendwie verdächtig bekannt vor. Es stellte sich allerdings heraus, dass die Chords und Melodie in den letzten 60 Jahren zigfach benutzt wurde. Warum also nicht, da konnte ich mich ganz entspannt auch Robbie Williams, den Rolling Stones oder selbst Lorde anschliessen. Das Pathetische konnte ich aussperren, indem ich einfach kein romantisches Liebeslied daraus gemacht habe. Vielmehr will ich gar nicht sagen. Jeder und jede darf und soll selbst entscheiden, worum es geht.

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Tausend Dank & lass‘ dich gehen

Ich wurde im Bekanntenkreis mittlerweile auffällig oft gefragt, um wen genau es da genau geht. Einmal hat jemand sogar mit ziemlich blassem Gesicht gefragt, ob es da nicht wohl sogar um ihn gehe. Das wäre natürlich heavy gewesen, die Antwort lautete in diesem Fall aber zum Glück auch ganz klar nein. Was ich sagen kann, es geht eben nicht um diese eine konkrete, sondern um mehrere Personen. Es ist wie eine Mischung aus vielen Personen, oder vielmehr den schlechten Seiten. Ein Best-of-evil sozusagen. Wer sich schlussendlich selbst im Text erkennt, kann ich nicht steuern.

Schlaf gut

In den großen, spaltenden Konflikten glauben alle immer Recht zu haben. Würde die andere Seite doch nur einlenken, nur einmal die Schnauze halten und mitziehen … dann würde unsere Seite alle Probleme in Nullkommanichts lösen. Während ich genau weiß, wo ich stehe, und für mich auch klar unterscheiden kann, welche Wege und Ansätze definitiv die falschen sind, ist es doch erstaunlich, dass so viele Argumentationsstrategien beider Seiten komplett identisch und austauschbar sind. „Wach auf, lass dich nicht manipulieren, glaub nicht alles, was du liest“.

Frühstück bis Zehn

So schnell kannst du gar nicht träumen, wie du ausgebremst wirst. Der Song ist eine Metapher für die Struggles in unserer Gesellschaft, die täglichen Versuche seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen, bevor einem vom Bürgermeister, der Arbeitgeberin, dem Gastronom oder wem auch immer doch wieder der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wie universell das empfunden wird, habe ich in der Schweiz realisiert. Ob in einem Café im 4. Gemeindebezirk in Wien, ein Punk in der Chemiefabrik in Dresden, oder aber die Champagner schlürfende Millionärin bei einem Festival in Zermatt, einem der teuersten Orte der Schweiz, alle fühlen sich von den von aussen auferlegten Zwängen erdrückt und singen spätestens beim dritten Refrain lauthals mit. Ein Song, der gerade live seine Energie entfaltet.

Untergehen

Als ich gerade dabei war, zu Hause im Homestudio random Gitarren aufzunehmen, da ging es noch gar nicht um einen speziellen Song, kamen mir dann ständig Ideen für eine Gesangsmelodie und dann auch erstmal ziemlich zusammenhangslos wirkenden Zeilen. Ich habe sie dann aber direkt eingesungen und aufgenommen. Zeile um Zeile, ohne groß darüber nachzudenken. So habe ich tatsächlich noch nie gearbeitet. Auf wundersame Weise ist dann aber doch ein kompletter Song entstanden. Von der Idee zu einer Zeile, dem Ausprobieren und Aufnehmen der Zeile sind jeweils maximal 20 bis 30 Sekunden vergangen. So ist eine ganz spezielle Dynamik und Wildheit entstanden, die mir sehr gefällt.

Es tut mir leid

Erst hatte ich ein komplett anderes Lied, eine andere Strophe, einen anderen Refrain. Beides fand ich schnell aber ziemlich langweilig. Es gab allerdings eine Bridge, die habe ich geliebt. Sie hatte andere Chords und die fand ich super, ich habe die Bass Line geliebt, die ganze Energie, alles. Die Bridge hatte mich ein bisschen an Interpol erinnert. Schlussendlich habe ich am letzten Studiotag diese Bridge zu Intro und Strophe umgewandelt und einen neuen Refrain und eine neue Bridge dazu geschrieben. So ist tatsächlich auf den allerletzten Drücker – alle anderen Songs vom Album waren bereits eingespielt und fertig – noch ein ganz neues Lied – und ich glaube auch eines meiner Lieblingslieder des neuen Albums – entstanden.

Junge dumme Hunde

Auf jedem meiner Alben gibt es einen Song aus der Feder von Adrian Röbisch, dem Gitarristen meiner Liveband, oder zumindest einen, den wir zusammen geschrieben haben. Diesmal bekam ich von ihm ein Demo zugeschickt, auf dem er Klavier gespielt und gesungen hatte. Eine Honky-Tonk-Nummer, gevierteltes, angemessen verstimmtes Klavier und seine Stimme und Text natürlich.

Ich fand den Song von Anfang richtig stark, inhaltlich passte er auch super zu dem, was ich gerade sonst so geschrieben hatte. Er hat mir beim Produzieren dann freie Hand gelassen, sodass ich es auch musikalisch dem Stil von „Gehts noch“ anpassen konnte. Das Klavier musste dann eben einer E-Gitarre und den fiesen Synths weichen. Gute Arbeitsteilung, ich bin sehr happy mit dem Ergebnis.

Ich glaub nicht mehr daran

Bei all dem Scheiss, der da draussen passiert, dem berechtigten Entsetzen, der Fassungslosigkeit und der Wut, ist Spaltung vielleicht logisch und konsequent aber per se ja trotzdem nichts Gutes. Wenn die Entfremdung dann auch noch das eigene Umfeld erreicht und man dabei nur hilflos zusehen und nichts dagegen tun kann, dann ist das kein Grund, stolz auf die eigenen Überzeugungen zu sein, sondern vor allem traurig, dass es soweit kommen musste.

Schlüssel zur Stadt (feat. Madlaina Pollina)

Der Songs war gar nicht als Duett gedacht. Ursprünglich wollte ich einen Song darüber schreiben, wie es sich anfühlt, wenn Madlaina auf Tour ist und ich zu Hause. Das hat sich dann alles ein bisschen woanders hin entwickelt. Irgendetwas fehlte meiner Meinung nach auch. Madlaina kam dann von ihrer Tour wieder, hat sich bei uns im Homestudio an den Song gesetzt und angefangen, aufzunehmen. Der Song ist dann erst so richtig ausgeblüht. Sie ist ohnehin meine erste und härteste Kritikerin und Supporterin gleichzeitig.

Tim Telegram

Grundlage vielen Übels, zum Beispiel der abgestorbenen politischen Debattenkultur im Kleinen, Verwandte/Bekannte, ist die kategorische Verneinung der Qualitätsmedien. Alles was ich sage, habe ich aus den gleichgeschalteten Mainstream-Medien und das macht mich zu einem verblendeten Idioten. „Geh mal ins Internet und schau hinter den Vorhang“, heißt es dann großmütig. Die „Wahrheitsfindung“ hat mit der Pandemie noch einmal ganz neue Züge angenommen. Das Misstrauen gegenüber denen da oben, die sich bereichern oder „die uns beklauen“ (RIP Rio), ist ja absolut berechtigt, aber der AfD in die Arme zu laufen, ist Selbstverstümmelung im Krisenfall. Tim, der mit dem Internet nicht umgehen kann, und gerne und viele populistische Statements mit 25 Ausrufezeichen weiterleitet, ist Teil des Problems der unbegrenzten und ungefilterten Möglichkeiten.

Liebeslieder (wir brauchen keine) (feat. Madlaina Pollina)

Endlich gute Ratschläge, endlich wertvolle Lebenstipps und gerne auch ein paar Abreißkalendersprüche! Daran mussten wir denken, als es hieß: „Wollt ihr zwei nicht mal ein Liebeslied, ein schönes Duett zusammen aufnehmen?“ Am Ende ist auch dieses Lied kein richtiges Duett geworden. Ein ironisches Nicht-Liebeslied – als Duett verkleidet.

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