Tocotronic in Heidelberg (foto: Fiege)

Live: Tocotronic in Heidelberg – Goldene Jahre

Tocotronic sind Ikonen der Hamburger Schule. Seit 30 Jahren trotzt die Band mit ihren intelligenten Texten und den stets schrammelnden Gitarren dem Mainstream. Im Rahmen ihrer „Golden Years“-Tournee machte die Gruppe am Donnerstagabend in der gut besuchten Halle 02 in Heidelberg Station.

Eine Party mit Haltung.Mit einer gewissen Verblüffung hatte man Anfang vergangenen Jahres die Nachricht aufgenommen, dass das 14. Studioalbum von Tocotronic auf den Namen „Golden Years“ hören würde. Golden Years. Goldene Zeiten also. Ausgerechnet. Aber auch wenn man angesichts des chaotischen Starts in das politische Jahr 2026 auf 2025 schon wieder fast verträumt-verklärt zurückschauen könnte, so waren auch 2024 und 2025 alles andere als gülden. Der Titel konnte doch also nur sarkastisch, nur ironisch gelesen werden. Oder blickte da eine Band nach rund 30 Jahren im Geschäft nostalgisch zurück? War mit den goldenen Jahren nicht das Hier und Jetzt, sondern das Gestern gemeint?

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Die Antwort: Sowohl als auch. Und diese Ambivalenz, diese Gleichzeitigkeit von allem, diese Doppelbödigkeit, sie ist in der DNA von Tocotronic bekanntlich angelegt. Die Band, aus der Hamburger Schule hervorgegangen, ist bekannt für ihre intelligenten, oft poetischen Texte; Texte, wie man sie im deutschen Pop/Rock gemeinhin selten findet. Nicht umsonst hat der Reclam-Verlag im vergangenen Oktober den Lyrics der Gruppe ein eigenes, gelbes Bändchen gewidmet.

Dramatische Zeiten

Die Zeiten sind gerade maximal dramatisch, und so passt es natürlich gut, dass Tocotronic, ehe sie in Heidelberg die Bühne betreten, Prokofjews „Rittertanz“ vom Band laufen lassen. Auf die  „Einmarschmusik“, eigentlich ein Ausschnitt aus Prokofjews Ballettmusik zu „Romeo und Julia“, haben schon The Smiths, Tears for Fears, Muse oder auch  Deep Purple gesetzt.

Auf der Bühne ist die Band dann zu viert, und das ist insofern bemerkenswert, als dass Tocotronic ja nach der Veröffentlichung von „Golden Years“ offiziell vom Quartett zum Trio geschrumpft sind. Gitarrist Rick McPhail, 20 Jahre lang ein Eckpfeiler der Kapelle, hatte die Gruppe aus persönlichen  Gründen verlassen. Als Ersatz sprang auf der aktuellen Tour nun Felix Gebhard (bekannt von Muff Potter und als Live-Gitarrist bei Einstürzende Neubauten) ein, der mit seinem muskulösen, kantigen Spiel-Stil dem Sound von Tocotronic  eine punkigere Facette verleiht – und die Gruppe so wieder ein bisschen back to the roots führt. Zurück zu den Wurzeln. 

Ein schöner Abend

Die Songs changieren an diesem Abend in Heidelberg zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Frontmann Dirk von Lowtzow bemüht sich dabei, in Ansprachen und Gesten  trotzdem vor allem gute Stimmung zu verbreiten. „Was für ein schöner Abend“, entfährt es ihm.

Und das war es tatsächlich. Die Halle 02  war gut gefüllt, die Stimmung hervorragend, die Motivationsspritze, die Tocotronic dem Publikum zum Jahresbeginn zu geben bereit sind, wird dankbar angenommen. Songs wie „Denn sie wissen, was sie tun“ erinnern daran, Haltung zu zeigen, sich gegen Rechtspopulisten stark zu machen, gewaltfrei, versteht sich. „Darum muss man sie bekämpfen, aber niemals mit Gewalt, wenn wir sie auf die Münder küssen, machen wir sie schneller kalt“, singt von Lowtzow in dem Song. Eine Nummer aus dem neuen Album, eines der Glanzlichter des Auftritts.

Es liegt in unserer Hand

Natürlich sind es aber vor allem die großen Hits, die für die euphorischsten Reaktionen im Auditorium sorgen. Songs wie „Digital ist besser“ entführen das Publikum mental zurück in die 1990er Jahre, einer Zeit, in der doch irgendwie alles einfacher und unbeschwerter schien. „This Boy Is Tocotronic“, „Hi Freaks“, „Aber hier leben, nein danke“, „Drüben auf dem Hügel“, „Gegen den Strich“, „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ – es ist ein wilder Ritt durch die umfangreiche Diskografie, die die Band in Heidelberg anbietet. 

Nach fast zwei Stunden (und mehreren Zugabenrunden) ist die Party vorbei. Zurück bleibt die erhebende Idee, dass die goldenen Zeiten vielleicht doch noch kommen. Es liegt in unserer Hand.

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