Als Musiker David Byrne am Dienstagabend in der Frankfurter Jahrhunderthalle zum Konzert lud, war zwar jeder Sitz besetzt, lange hielt es die Zuschauer darin aber nicht.
Wer in seinem Betrieb schon einmal eine gesetzliche Unterweisung absolviert hat, weiß, dass dies nicht immer so spannend und elektrisierend ist, wie es klingt. Dass es auch unterhaltsamer geht, hat David Byrne in der ausverkauften Jahrhunderthalle gezeigt. Dort stellte der 73-jährige Schotte unter Beweis, dass aus ihm auch ein ganz passabler Sicherheitsingenieur hätte werden können. Zu Beginn der Veranstaltung, noch bevor sich der blaue Vorhang öffnete, hörte man Byrnes Stimme über die Lautsprecher sagen: „Das Tanzen ist in diesem Veranstaltungsort ausdrücklich vom Betreiber der Halle erlaubt worden. Nur bitte nicht in den Gängen zwischen den Stuhlreihen. Das würde im Fall eines Feuers jenen, die in den Gängen tanzen, einen unfairen Vorteil verschaffen.“
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Vom Angebot zu tanzen wurde dann auch recht schnell Gebrauch gemacht. Die Energie, die große Freude an der Musik und an der Kunst schwappte von der Bühne, auf der sich Byrne und sein Ensemble – ein Mix aus Sängern, Musikern (die ihre Instrumente vor sich hertrugen) und Tänzern – praktisch pausenlos bewegten, ins Auditorium. Bei dem ständigen Gewusel wunderte es einen manchmal, dass sich Byrnes Mitstreiter nicht irgendwann über den Haufen liefen. Die Rastlosigkeit sorgte aber dafür, dass man auch als Betrachter die Füße nicht still halten konnte.
Byrne als Sicherheitsingenieur
Neben der Musik, versteht sich. Die Setlist setzte sich an diesem Abend aus Stücken aus Byrnes Solokarriere und dem Schaffen der Talking Heads zusammen, deren Mastermind und Sänger er war. Die Band verschmolz seinerzeit Post-Punk, New Wave, Art-Pop, Funk und auch mal afrikanisch anmutende Rhythmen zu einer musikalischen Mixtur, die sowohl das Feuilleton als auch die breite Masse begeisterte. Die Musik der Talking Heads wies immer in die Zukunft, und auch wenn die Band mittlerweile Vergangenheit ist (sie löste sich 1991 auf) und die Zukunft mittlerweile Gegenwart sein mag, so kann man konstatieren: Sie funktioniert immer noch. Songs wie „Heaven“, „This Must Be the Place“, „Once in a Lifetime“ oder „And She Was“ wirken auch 2026 noch nicht angestaubt. Und klar: „Psycho Killer“ (1977), der erste große Hit der Band, kommt ebenso unheimlich daher wie vor fast 50 Jahren. Angeblich soll die Nummer ja vom Serienmörder „Son of Sam“, der die USA 1976 und 1977 in Angst und Schrecken versetzte, inspiriert worden sein. Die Talking Heads bestritten das aber immer, und Byrne sagte einmal, er wollte einen Song schaffen, der klingt, als würde Alice Cooper Randy Newman covern. Womit das Lied auch treffend beschrieben wäre.
Natürlich nahm auch die neue Platte „Who Is the Sky?“, die Byrne 2025 als Nachfolger des überaus erfolgreichen „American Utopia“ (2018) veröffentlichte, Raum ein. Die kreative Pause hatte Byrne offenbar nicht nur genutzt, um ausgiebig indisch und mexikanisch zu kochen, wie er verriet, sondern auch, um ein paar wirklich gute Songs zu schreiben.
Breitseite gegen Trump
Nicht auf der neuen Platte enthalten: das taufrische „T-Shirt“, eine Kollaboration mit Brian Eno. Als Byrne den Song in Frankfurt singt, laufen Botschaften über die riesige Videoleinwand, die so auch auf Textil gedruckt sein könnten. Gerade der Slogan „Make America Gay Again“ sorgt für großen Applaus im Publikum. Es ist nicht der einzige Moment, in dem Byrne und Band Haltung zeigen. Bei „Life During Wartime“ läuft ein Clip über den Screen, der Trumps ICE-Schergen in Aktion zeigt. Byrne ist ein Künstler, der für Toleranz und Vielfalt steht – ein Blick in sein divers zusammengesetztes Bühnenensemble unterstreicht das.
Am Ende bricht dann doch noch einmal ein Feuer aus – im übertragenen Sinne. „Burning Down the House“ hat sich der Schotte, der fast ausschließlich in den USA lebte, als großes Finale für den Zugabenteil aufgehoben. Ein furioser Schlussstrich unter eine Show, bei der eigentlich nur noch der Talking-Heads-Klassiker „Road to Nowhere“ fehlte. Jammern auf hohem Niveau.
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