Ein zufälliges Trennungsalbum – so beschreibt Sigrid selbst ihr neues, nunmehr drittes Studioalbum. Auf „There’s Always More That I Could Say“ beweist die Norwegerin, warum sie zu den vielversprechendsten Pop-Stimmen Skandinaviens zählt.
Sigrids Geschichte liest sich wie ein modernes Märchen. Mit ihren letzten beiden Alben – dem UK-Top-5-Erfolg „Sucker Punch” aus dem Jahr 2019 und dem UK-Top-3-Album „How to Let Go” aus dem Jahr 2022 – hat es die aus einem kleinen Fischerdorf bei Ålesund stammende Pop-Sängerin zu internationaler Bekanntheit gebracht. Songs wie „Don’t Kill My Vibe“, „Mirror“ oder „Strangers“ haben sie auch außerhalb Norwegens in den Fokus gerückt.
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Nach der ausgiebigen Tournee 2022 und 2023 war für Sigrid erst einmal Durchatmen angesagt. Es fiel ihr schwer, sich gleich wieder an die Arbeit an neuer Musik zu machen. Statt Studio hieß es daher: erstmal reisen! Sigrid zog es in die abgelegenen Gebiete Nord-Norwegens und fand sich dort zum ersten Mal seit fast einem Jahrzehnt wirklich ganz allein wieder. Nach dem ganzen Trubel der vergangenen Jahre hatte sie so endlich mal die Zeit, um innezuhalten und aufzutanken.
Askjell bringt Sigrid wieder zum Schreiben
Nach ihrer Rückkehr nach Oslo rief Askjell an. Er überzeugte Sigrid, an einem Songwriting-Camp teilzunehmen, das er zusammen mit einer Gruppe anderer Songwriter und Produzenten auf die Beine stellte. Sigrid konnte kommen und einfach zum Spaß schreiben, ganz ohne Druck. „Als Künstlerin muss man eine Botschaft haben“, sagt Sigrid. „Und [zu dieser Zeit] dachte ich: ‚Ich habe keine Botschaft.‘“ In diesem Camp kam Sigrids Kreativität in Schwung und sie schrieb einen Song – das pulsierende „Hush Baby“ –, der schließlich auf ihrem eigenen Album erscheinen sollte.
Entstanden ist am Ende ein, wie Sigrid sagt, zufälliges Trennungsalbum. Ein recht kurzes, windschnittiges: Die zehn Songs weisen eine Gesamtspielzeit von gerade einmal 30 Minuten auf. Das Album skizziert dabei die drei Phasen des emotionalen Terrains der sich auflösenden Liebe, von den stürmischen Anfängen („Jellyfish“, „I’ll Always Be Your Girl“, „Hush Baby“) über den Liebeskummer („Fort Knox“, „Kiss The Sky“) bis hin zu den nächtlichen Grübeleien („Eternal Sunshine“, „Two Years“, „Do It Again“, „There’s Always More That I Could Say“).
So klingt die Platte
Man würde bei dem Sujet ein ruhiges, melancholisches, von Balladen getragenes Album erwarten. Aber das Gegenteil ist der Fall. „There’s Always More That I Could Say“ kommt überraschend fröhlich, elektro-poppig und vor allem tanzbar daher. Sigrid besinnt sich auf ihre eigentliche Stärke. Der zarte Titelsong, ins letzte Drittel des Albums gepackt, ist die einzige klassische Ballade. Die Gute begleitet sich hier selbst am Klavier. Im Kontrast zum Rest des Albums geht die Nummer umso mehr unter die Haut. Sigrid: „Im ersten Vers übernehme ich die Verantwortung dafür, dass ich jemanden verletzt habe. Und dann heißt es im zweiten Vers: ‚Eigentlich warst du genauso schlimm!‘ Es ist die Schuld von allen und von niemandem.“
Zu den Glanzlichtern gehören sonst der eingängige, 80er durchflutete Opener „I’ll Always Be Your Girl“, das leichtfüßige, geradezu euphorische „Jellyfish“ und das emotional-kraftvolle „Fort Knox“ mit seinem markanten Synth-Bass. Letztgenannter Song kanalisiert die Wut und Verwirrung, die entsteht, wenn die Kommunikation in einer Beziehung zusammenbricht. Der Titel bezieht sich auf den berühmten Tresorraum des US-Militärs. Eine Metapher dafür, so verletzt zu sein, dass man nie wieder etwas fühlen möchte.
Fazit: Sigrid klingt deutlich erwachsener. Sowohl stimmlich als auch inhaltlich. Mit 28 Jahren weiß die Frau mittlerweile, wie man Ehrlichkeit in Freude verwandelt – und in einen mitreißenden Chorus.
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