Nur drei Konzerte geben die deutschen Dark-Wave-Pioniere Deine Lakaien in diesem Jahr. Eins davon ging am Freitagabend im ausverkauften Substage in Karlsruhe über die Bühne.
Wahrscheinlich würde man auf einen Schlag den Glauben an die Ernsthaftigkeit von Künstlicher Intelligenz verlieren, wenn einem ein Musikstreaming-Algorithmus eine Playlist kuratieren würde, wie man sie seinerzeit auf den „Bravo Hits“-Samplern fand. Beweisstück A: die „Bravo Hits 25“ aus dem Jahr 1999, natürlich, wie immer bei der Compilation-Reihe, ein Nummer-eins-Album. Ungeniert wurden da Songs so unterschiedlicher Künstler wie Benjamin Boyce, Cypress Hill, Loona, Cher, Warmduscher oder Sara von Tic Tac Toe auf zwei Silberlingen zusammengestellt. Und dazwischen: Deine Lakaien. Die Pioniere der deutschen Dark-Wave-Szene zwischen „Oops-I-Did-It-Again“-Britney und „Heut-ist-mein-Tag“-Blümchen. Wie konnte das passieren?
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Plötzlich Mainstream
Das Album „Kasmodiah“ war passiert, mit ihrer vierten Platte – damals beim Major-Label Sony erschienen – wurden Deine Lakaien mal eben kurz in den Mainstream gespült. Auftritte im Musikfernsehen, bei „Viva“ und „Viva 2“, inklusive. Eine Welt, in der sich Deine Lakaien nicht wohlfühlten. „Wir waren auf diesem Sampler drauf und haben dann dafür gesorgt, dass uns das nie wieder passiert“, sagt Deine-Lakaien-Sänger Alexander Veljanov lächelnd. Den Song „Return“, der damals auf den „Bravo Hits“ landete, haben sie an diesem Freitagabend in Karlsruhe aber trotzdem gespielt. Veljanov: „Ein gutes Lied bleibt ein gutes Lied.“
Von denen hatten Veljanov und sein Kollege Ernst Horn so einige im Gepäck. Deine Lakaien hatten über das Wochenende eine Art Mini-Tour gegeben, mit zwei Konzerten in Deutschland (Osnabrück und Karlsruhe) und einem in Belgien. Zuletzt waren die beiden akustisch unterwegs, diesmal war das Motto: „Best Of Electric Duo“.
Zu diesem Zweck haben Horn (an den elektronischen Klangerzeugern) und Veljanov (Gesang) einen musikalischen Ritt durch den eigenen Backkatalog vorbereitet. Material genug ist in über 40 Jahren Bandgeschichte ja zusammengekommen.
Das Konzept stößt auf Interesse, das Substage in Karlsruhe ist ausverkauft. Ein prüfender Blick in die Menge legt nahe, dass die wenigsten seinerzeit über den „Bravo-Hits“-Sampler zur Band gefunden haben dürften. Die Schwarze Szene macht ihrem Namen alle Ehre, viele Zuschauer sind im Gothic-Look erschienen. Konkurrenz für die markante, an eine barocke Perücke erinnernde Frisur von Alexander Veljanov war allerdings nicht dabei.
Dark Wave hat wieder Konjunktur
So angenehm aus der Zeit gefallen die Haarpracht von Veljanov wirkt: Die Musik ist es keineswegs. Dark Wave hat wieder Konjunktur, TikTok sei Dank. Noch immer funktioniert das Genre als Gegenentwurf zum glatten, sterilen und auf Kommerz getrimmten Pop. Und eine allgemeine Apokalypse-Atmosphäre, die sich bleiern über alles legt, kann man ja auch nicht bestreiten. Der von Natur aus eher melancholische Dark Wave kann da den perfekten Soundtrack bieten. Songs, die sich mit Krieg, Gewalt und dem Verfall von Gesellschaften beschäftigen, haben Deine Lakaien an diesem Abend in Karlsruhe passend in ihrem Bauchladen, etwa „Where The Winds Don’t Blow“ oder „Fighting The Green“. Veljanovs einzigartige Bariton-Stimme zieht einen dabei immer noch in ihren Bann.
Nach fast zwei Stunden ist die Messe gelesen. Deine Lakaien dürfen nicht ohne zwei Zugabenblöcke von der Bühne gehen, natürlich haben sie sich für diesen Teil ihren Signature-Song „Love Me To The End“ aufgespart, neben „Dark Star“ und „Into My Arms“ eines der großen Glanzlichter des Abends. Ein Song, der über 30 Jahre auf dem Buckel hat und immer noch verzaubert. Und der auch wieder Lust macht auf neues Material der Band, die zuletzt 2021 mit „Dual“ und „Dual+“ Longplayer veröffentlichte. Wird also mal wieder Zeit. Zunächst aber will Alexander Veljanov ein Soloalbum auf den Markt bringen und auf Solotour gehen. Der Raum für Nebenprojekte – er gehört bei Deinen Lakaien von Anfang an mit dazu. Ob es Veljanov dann solo auch auf die „Bravo Hits“ schaffen wird? Die nächste Ausgabe wäre übrigens die 133.
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