Jazz trifft Americana: Mit dem zehn Tracks umfassenden „The Animal“ hat Jason Dungan alias Blue Lake sein bislang ambitionierteres Album vorgelegt.
Jason Dungan stammt aus Dallas, Texas, lebt aber mittlerweile in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Ein Ort, an dem auch andere experimentelle Künstler wie Astrid Sonne, ML Buch und Clarissa Connelly wirken – und ein Ort, an dem auch Jason Inspiration für seinen Sound fand, der Ambient, kühle, nordische Atmosphäre und Americana verschmilzt. Schon der Projekt-Name „Blue Lake“ deutet ja an, welche Beziehung Dungan zu Skandinavien hat- er ist an Don Cherrys Live-Album „Blue Lake“ (1974) angelehnt. Die Platte des Schweden – Vater von Neneh Cherry – war für Dungan eine Art musikalisches Erweckungserlebnis. Durch sie erkannte er das Potenzial nicht-lyrischer Komposition: instrumentale Musik kann durchaus emotional stark aufgeladen sein.
anzeige
Seine eigene Idee dieser Art von Musik setzte Dungan zunächst mit dem Album „Sun Arcs“ (2023) um. Entstanden in der Isolation, der Abgeschiedenheit einer schwedischen Waldhütte, war dies Musik, die den Frühling in voller Pracht untermalte. Im Kontrast zum zurückgezogenen Ansatz von “Sun Arcs” setzte dann das Mini-Album “Weft” (2025) den Ton für einen stärker bandorientierten Blue-Lake-Sound.
Der Mensch als Tier
Den Gedanken führt Dungan nun auf „The Animal“ fort. Die Platte zelebriert im Grunde die Idee menschlicher Zusammenarbeit. Gemeinschaft. Nicht-hierarchische Verbundenheit. Gleichzeitig denkt Dungan auf dem Album über den Menschen als Tier nach, wie er erklärt: “Ich finde es sehr faszinierend, den Menschen mehr als Teil der tierischen Umwelt zu betrachten und nicht als etwas, das so sehr in einem ‘menschlichen’ Bereich verankert ist oder an der Spitze einer hierarchischen Pyramide sitzt. Das Tier bin also auch ich – oder wir. Wir leben einfach, existieren, auf dieselbe Weise wie ein Stück Moos oder ein Spatz oder eine Kuh.“
Dungan begrüßte einen vollkommen offenen Dialog – ein Prozess, der bereits in frühen Bandproben begann, bei denen sich seine Demos rasch weiterentwickelten und durch Kontrabass, Cello, Klarinette, Viola und Schlagzeug an Gewicht und Raffinesse gewannen. Er konzentrierte sich darauf, in der Aufnahme mehr Tiefe einzufangen, indem er feine Nuancen der Instrumente sezierend herausarbeitete, um die komplexe, sich ständig verändernde Balance und Dynamik widerzuspiegeln, die sich sowohl in der natürlichen als auch in der urbanen Welt abspielen. Ein Thema, das auch um die Idee der Stadt als Tier oder urbanes Wesen kreist.
Über seine Heimatstadt Kopenhagen, mit ihrer industriellen Vergangenheit, aber auch der Nähe zu halbwilder Natur und zum Meer, sagt er: “Ich glaube nicht, dass es heute noch möglich ist, Natur als etwas Reines oder Isoliertes zu sehen. Inmitten von Tieren in diesem Umfeld denke ich darüber nach, wie sie miteinander kommunizieren, Beziehungen aufbauen und sich durch die Stadt bewegen – aber alles ohne Sprache. Es ist keine Naturerfahrung, die bukolisch und unkompliziert ist – es ist eine Erfahrung von Natur und Tierwelt, die eng mit menschlicher Aktivität verknüpft ist.“
Die Stimme als Instrument
Auf “The Animal” führt Dungan die Stimme hier und da als Instrument ein – als Mittel, um songartige Eigenschaften zu erschließen, wie im anmutigen Opener “Circles” zu hören, bei dem die Gruppe im Chorgesang wie im Vogelgesang verschmilzt, ihre Stimmen als Teil der umgebenden Klanglandschaft widerhallen. Die Band steht im Vordergrund und beeindruckt mit einem reichen, akustischen Zusammenspiel mit Dungans Zitherschlägen, erdigen Gitarren und perkussiven Mustern.
Die Klangwelt auf „The Animal“ ist kräftig und vital. Dungan rückt sich dabei nie selbst in den Mittelpunkt, der Star ist hier die Gruppe. Dungan gibt hier eher den zurückhaltenden Orchestrator, der Raum für spontane Darbietungen und Improvisationen seiner Mitmusiker lässt.
Blumen für David
Perlen hat die Platte so einige. Emotionaler Höhepunkt ist das eindringliche, folkige “Flowers for David”. Ein Musik gewordener Abschied von einem verstorbenen Freund. Das filmisch anmutende Berlin gefällt ebenfalls. Dungan hat es unterwegs auf Tour geschrieben, als man gerade Station in der deutschen Hauptstadt machte. Klanglich erinnert die Nummer mit ihren üppigen Zitherläufen und langen Nachhallabklängen eher an texanische Landschaften als an die Stadt an der Spree.
Das Album – es ist das nunmehr fünfte von Blue Lake – gewinnt an Fahrt mit “Yarrow”, bei dem sich die Gruppe melodisch im Gleichschritt bewegt, bevor “Strand” mit seinen aufsteigenden Soli und erdigen Unterströmungen in ein euphorisches, kosmisches Crescendo übergeht. Der Titeltrack “The Animal” ist ein kurzer, melancholischer Ausflug ins Balladeske. Mit einer Drum Machine, die einen punktierten Pfad für emotionale Bläser und ein zweites Aufeinandertreffen wortloser, heilender atmosphärischer Stimmen bahnt.
“In To Read” verdichtet sich Dungans Suche mit wunderbarer Klarheit, wenn die Gruppe gemeinsam auf einem kraftvollen Akkord landet – ein kostbarer Moment für Dungan, der die Existenz des Augenblicks einfängt, während alle im Klang und Raum verbunden bleiben. Er schließt: “Ich interessiere mich für flüchtige Momente, mit einem kraftvollen Gefühl von Gemeinsamkeit – geteilt in der Musik.“
anzeige



