Michael Behrendt – Provokation! Songs, die für Zündstoff sorgten

Michael Behrendt - Provokation (foto: wbg)

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Songs, die der Gesellschaft mit nacktem Hintern ins Gesicht gesprungen sind: 70 solcher provokativen Hits hat der Autor und Journalist Michael Behrendt in seinem neuen Buch “Provokation! Songs, die für Zündstoff sorgten” versammelt. Das Werk ist soeben im wbg-Verlag erschienen.

Ja, sind wir ehrlich: Es ist kaum begreifbar, dass Musik heute noch dieses unfassbare Empörungspotenzial besitzt. Alles scheint doch schon irgendwie da gewesen zu sein: Man konnte sich in den vergangenen 100 Jahren über sexuell aufgeladenen Rock ‘n’ Roll, aufrührerische Protest-Songs, blutigen Schock-Rock, Thug-Life verherrlichenden Hip-Hop und drogen-geschwängerten Techno aufregen.

Und doch funktioniert Provokation in der Musik auch heute noch. Man erinnere sich da beispielsweise nur an die beiden Rapper Farid Bang und Kollegah, die mit ihrem Song “0815” (mit Zeilen wie “Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen”) so polarisierten, dass am Ende der Musikpreis “Echo”, für den sie mit ihrem Album “Jung, brutal, gutaussehend 3” nominiert waren, in die Knie ging und vorerst abgeschafft wurde.

Es sind aber nicht nur solche plumpen Provokationsversuche, die Behrendt in seinem Buch beleuchtet. Stattdessen finden sich unter den 70 Songs auch Tracks von ausgewiesenen Künstlern wie Bob Dylan und Prince, denen man beim Songwriting durchaus eine gewisse Tiefe bescheinigen kann. Aber auch Songs von Boris Vian, Bill Haley, den Doors, Alice Cooper, Marilyn Manson, den Sex Pistols, Public Enemy, Bushido, Lady Gaga, Wanda, Jennifer Rostock oder Conchita Wurst widmet sich Behrendt beispielsweise. Seine Beobachtung: Die Motive der Künstler waren oft sehr unterschiedlich, ebenso wie die Entwicklung der öffentlichen Empörung nach Release des jeweiligen Nummern. Und: Die Grenze des gesellschaftlich Tolerierbaren verschiebt sich offenbar immer weiter.

Spannend ist hier, dass Behrendt nicht einfach nur Anekdoten erzählt (gern auch mal humorvoll), sondern sich auch an tieferen Analysen versucht. Er erklärt, wie diese zumeist kalkulierten Tabubrüche funktionierten, was sie erreichen wollten und macht den Unterschied zwischen Song-Ich, Show-Ich und biografisches Ich deutlich.

Doch auch wenn der Blick in die Musikgeschichte, die von Beginn an durch Provokationen und Subversion geprägt war, relativierend erscheinen mag, so warnt Behrendt gleichzeitig vor den Gefahren sogenannter Hate Music. “Extreme Musik kann extreme gesellschaftliche Stimmungen widerspiegeln und Geschmacks- oder Bewertungsgrenzen verschieben. Und sie kann labile Persönlichkeiten beeinflussen. Daher sollten wir wachsam bleiben und die Debatte um kontroverse Songinhalte weiterführen. Dabei geht es tatsächlich um eine Debatte, nicht Verbote. Es kann nicht sein, dass Hate Music unbemerkt und unreflektiert im Internet grassiert.”

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