U2 – The Joshua Tree – 30 Years

U2 (foto: label)

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10 Island

10

Sicher, es ist nicht die erste Jubiläumsedition, die U2 von ihrem legendären Album „The Joshua Tree“ auf den Markt bringen. Schon zum 20. Geburtstag des Machwerks gab es eine. Diese hier hat es aber wirklich in sich: Die neue Anniversary Edition kommt unter anderem mit einem Live-Mitschnitt des 1987er-Konzerts im Madison Square Garden daher.

Keine Frage: Nicht nur im Kosmos von U2 spielt „The Joshua Tree“ eine zentrale Rolle, das Album kann mit Fug und Recht als eines der wichtigsten der Pop- und Rockmusik überhaupt bezeichnet werden. Nicht nur, weil sie so erfolgreich war, sondern auch, weil U2 mit dieser Platte dem Pop jener Zeit ein politisches Bewusstsein verschafften, weil sie hier mit Gesellschaftskritik nicht hinter dem Berg hielten. U2 hoben sich so von anderen Bands jener Zeit ab und  sangen mainstream-kompatibel über Waffenlieferungen der USA an El Salvador, über die Dubliner Drogenszene und den wirtschaftlichen Niedergang der Redhill Mining Town.

Für die Band aus Dublin war die zeitlose Platte der große Durchbruch, sie hievte die Gruppe auf Megastar-Status. Als die Platte am 9. März 1987 erschien, löste sie überall Begeisterung aus. Die ersten drei Singles brannten sich direkt ins kollektive Musikgedächtnis ein. „Where The Streets Have No Name“, „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ und „With Or Without You“ erreichten allesamt Legendenstatus.

Zu Recht.

Schon mit dem Opener „Where The Streets Have No Name“ hat die Band den Zuhörer am Haken, nicht zuletzt durch das formidable Gitarrenspiel von The Edge. Frontmann Bono schrieb die Lyrics in Reaktion auf die Vorstellung, dass es möglich ist, die Religion und das Einkommen einer Person zu identifizieren, basierend auf der Straße, in der sie lebt, vor allem in der Stadt Belfast.

Und das geradezu hypnotische „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“, das von der Suche des Helden nach spiritueller Erleuchtung handelt und stark vom amerikanischen Gospel beeinflusst ist, zählt mit Recht zu den besten Songs aller Zeiten.

„With Or Without You“ hingegen ist ein verdrehtes Liebeslied, auch wenn der Text durchaus andere Interpretationen zulässt. Es handelt von der Gewalttätigkeit der Liebe, und überzeugt vor allem durch Bonos verletzlichen Gesang.

Zu dem schwer groovenden „Bullet The Blue Sky“ wurde Bono durch seine Reisen nach Nicaragua und El Salvador inspiriert. Hier thematisiert er den direkten Impact, den die Intervention des US-Militärs in diesen Ländern auf die lokale Bevölkerung hatte. Es ist einer der politischsten Songs, den die Band je aufgenommen hat. Der Themenkomplex El Salvador/Nicaragua wird auch im abschließenden Song des Albums, „Mothers of the Disappeared“, wieder aufgegriffen.

Die langsame, von Piano und Gitarre dominierte, Ballade „Running To Stand Still“ erzählt von einem heroin-abhängigen Pärchen, das in Dublins Ballymun Flats haust. Der Legende nach improvisierte die Band die Musik zu den Lyrics während der Aufnahme-Sessions, auf jeden Fall experimentierte sie dabei mit Folk Rock und Acoustic Blues.

Die Ballade „Red Hill Mining Town“ verhandelt derweil den Britischen Bergarbeiterstreik von 1984. Damals sollten viele ineffiziente, unökonomisch arbeitende Minen geschlossen werden, die Arbeiter lehnten sich dagegen auf, es kam dabei zu gewalttätigen Auseinandersetzung mit der Polizei. Bono beschreibt hier eher, kommentiert den Konflikt weniger.

„In God’s Country“ gehört zu den schwächeren Songs des Albums, ohne nun wirklich schwach zu sein.Der Song klagt über einen Mangel an kreativen, politischen Ideen im Westen, greift dabei aber textlich auf zu viele Klischees zurück.

Für die Blues-Nummer „Trip Through Your Wire“ packt Bono dann die Mundharmonika aus. Nach Ende der „The Joshua Tree“-Tour verzichtete die Band darauf, den Song live zu spielen.

In dem emotionalen „One Tree Hill“, das Elemente aus der afrikanischen und hawaiianischen Musik miteinander verbindet, betrauern U2 den Maori Greg Carroll, der 1986 bei einem Motorradunfall in Dublin ums Leben kam. Carroll war gut mit Sänger Bono befreundet und von 1984 bis 1986 Roadie der Band. Der Song nimmt Bezug auf den One Tree Hill bei Auckland, Neuseeland, und erinnert damit an die Australien/Neuseeland-Tour, auf der U2 Carroll kennenlernten. Außerdem nimmt die Band in diesem Song auch Bezug auf den chilenischen Folksänger und politischen Aktivisten Victor Jara und dessen gewaltsamen Tod während des Chilenischen Militärputsches 1973. Vor allem Bonos an Otis Redding erinnernder Gesang überzeugt auf diesem Stück.

Das von Gitarren getriebene, ja, geradezu unheimliche „Exit“ beschäftigt sich mit den Gedankengängen eines Serienkillers und wurde von Norman Mailers Roman „The Executioner’s Song“ und Truman Capotes „In Cold Blood“ inspiriert. Eine Nummer, die im U2-Katalog damals überraschte, zeigte sie doch eine andere, böse Seite der oft als Gutmenschen verspotteten Band.

30 Jahre nach der Veröffentlichung von „The Joshua Tree“ bringt Island Records nun eine Anniversary Edition dieser bahnbrechenden Platte heraus.
Neben dem Originalalbum mit den erwähnten elf Tracks enthält die Super Deluxe Collector’s Edition einen Livemitschnitt des Auftritts im Madison Square Garden 1987 während der “The Joshua Tree”-Tour; außerdem Rarities und B-Seiten von den Albumaufnahmen, Remixe von 2017 von Daniel Lanois, St Francis Hotel, Jacknife Lee, Steve Lillywhite und Flood sowie ein 84-seitiges, gebundenes Buch mit bisher noch nirgends gezeigten Fotos, die The Edge 1986 während der Mojave Desert Fotosession geschossen hat.

Fazit: Ein Gesamtkunstwerk.

Anspieltipps: Where The Streets Have No Name, I Still Haven’t Found What I’m Looking For, With Or Without You, Red Hill Mining Town, One Tree Hill

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