The List: NEON GHOSTS und NICOROLA wählen die besten Songs 2015

Mit Superlativ-Listen ist es ja immer so eine Sache. Kaum hat man eine fertiggestellt, hat man bereits ein schlechtes Gewissen. Ist da wirklich alles drauf, was drauf muss? Fehlt da nicht vielleicht doch etwas? Eine Top 10 der besten Songs eines Jahres zusammenzustellen – das ist so eine undankbare Aufgabe. Dem schlechtem Gewissen zum Trotz haben es dennoch  versucht: Benjamin Fiege (NEON GHOSTS) und Nico Paumgartner von unserem Partner-Blog NICOROLA.

NG-Redakteur Benjamin Fiege (Foto: kunz)

NG-Redakteur Benjamin Fiege (Foto: kunz)

Benjamin Fiege (NEON GHOSTS)

1 Dave Gahan & Soulsavers – Shine

Dave Gahan und die Soulsavers zeigen sich auf „Angels & Ghosts“ von ihrer besten Seite. Lange war der Depeche-Mode-Frontmann nicht mehr so gut in Schuss wie hier. Der Album-Opener „Shine“ hat es mir am meisten angetan. Eine gelungene Mischung aus Gospel und Chain Gang Blues. Steht hier auch stellvertretend für all die anderen coolen Songs des Longplayers. Auch „You Owe Me“ hätte hier gute Chancen gehabt.

2. Beirut – Gibraltar

Von Zach Condon ist man gemeinhin eher melancholische Töne gewohnt. Ging ihm auch nicht so gut in den vergangenen Jahren. Nach „Riptide“ zog sich der Gute denn auch erstmal zurück, fand irgendwann eine neue Liebe und später auch die Lust an der Musik wieder. Gut für uns. Mit „No No No“ feierten Beirut ein gelungenes Comeback und klingen optimistisch wie nie.

3. Lana Del Rey – High By The Beach

Ich möchte nicht spekulieren, aber ich glaube, dass es unmöglich ist, sich zu Musik von Lana Del Rey nicht in eine andere Welt entführen zu lassen. Hier nimmt sie einen mit in eine melancholische Traumszenerie an der Küste Kaliforniens. Unterlegt mit wunderbaren Hip-Hop-Beats.

4. Father John Misty – I Love You, Honeybear

Der Preis für den süßesten Lovesong des Jahres geht in diesem Jahr an Father John Misty. „I Love You, Honeybear“ bringt alles mit, was ein Liebeslied so braucht. Sollte man der Dame des Herzens auf jeden Fall mal auf ein Mixtape tackern, wenn man sie denn langfristig behalten will.

5. Mavis Staples – Your Good Fortune

Auch mit 76 Jahren ist Mavis Staples immer noch eine, mit der man rechnen muss. Eine wahre Legende mit einer immer noch unfassbaren Stimme. Bei der EP „Your Good Fortune“ hatte die Dame Unterstützung von Son Little. Der Titletrack ist der stärkste. Leider gibt’s kein Video dazu.

6. Jessica Hernandez & the Deltas – No Place Left To Hide

Der selbstbewusste Stakkato-Strut des Songs spiegelt sehr gut das Wesen dieser Hammer-Truppe aus Detroit wieder. Musik, die Ärsche kickt. Wer hier nicht zumindest mit den Füßen mitwippt, ist möglicherweise kein Mensch. Auf jeden Fall ärztlich abklären lassen.

7. Hooton Tennis Club – Jasper

Bei Hooton Tennis Club handelt es sich um eine vierköpfige Indie-Rock-Band aus dem Raum Liverpool. Mit „Jasper“ legte das Quartett im Februar seine Debütsingle vor, die bei uns auch direkt zum „Video der Woche“ avancierte. Das nennt man mal eine gelungene Premiere, schätze ich.

8. Julia Holter – Feel You

Produktiv ist die Gute ja: Mit gerade mal 31 Jahren veröffentlicht Julia Holter bereits  ihr viertes Album. „Have You In My Wilderness“ heißt das neue Machwerk – und darauf befindet sich dieses poetische Kleinod. „Feel You“ entführt den Hörer in eine vernebelte Traumwelt. Hach.

9. Bilderbuch – Soft Drink

Wenn Prince und Falco miteinander rumgemacht hätten, klänge das Produkt ihrer Liebe wohl genau so. Einmal im Ohr, kriegt man den Song nicht mehr aus dem Gehörgang. Funky Austro-Pop.

10. Ezra Furman – Restless Year

Der amerikanische Singer-Songwriter treibt seine Zuhörerschaft hier durch einen Hybrid aus Indie Pop und Doo Wop. Funktioniert, obwohl die angeschnittenen Themen keine leichte Kost sind: Dostojewski, der Tod und andere komplizierte Dinge. So genial der Song ist, so knapp setzte er sich an dieser Stelle gegen den Ohrwurm „Lousy Connection“ durch, der sich auf dem selben Album befindet („Perpetual Motion People“).

 

gravorola

Nico Paumgartner (NICOROLA)

  1. Baden Baden – À tes côtés 

Auf ihrem aktuellen Album „Mille Eclairs“ vereinen die Franzosen von Baden Baden melancholischen Indie-Rock mit Brit-Pop, zeitgenössische Traurigkeit (“la tristesse contemporaine”) mit unbedingter Euphorie. Ich verstehe aufgrund meines schlechten Schulfranzösisch zwar nur Brocken der Texte, aber die Musik ist großartig. Vielleicht am besten nachzuhören auf „À tes côtés“, ein sechs Minuten langes, episches Meisterwerk.

  1. Petite Noir – Best

Der in Kapstadt aufgewachsene 24-jähriger Musiker Yannick Ilunga alias Petite Noir vermischt südafrikanische Elemente wie Shuffle-Grooves und Marimba mit düsterem New Wave zu etwas, dass er Noirwave getauft hat. Mich erinnert seine Musik an eine Mischung aus Bloc Party, Grace Jones und Fela Kuti. Und in einigen Momenten mag man gar glauben, Dave Gahan von Depeche Mode am Mikrofon zu hören. Ganz stark ist auch der Einfluss der Achtziger. Getragen werden Songs wie das fulminanten „Best“ von warmen Gitarren-Licks, sehnsüchtigen Bläsern, kühlen Post-Punk-Synthies und fiebriger Polyrhythmik. Aus dieser Mischung entsteht einer der einprägsamsten Songs des Jahres.

  1. The Libertines – Fury Of Chonburi

Ehrlich gesagt erwartete ich nicht wirklich viel vom Comeback-Album der Libertines. Für mich hatten sie auf ihren ersten beiden Alben alles gesagt; die beiden Charaktere Doherty und Barat hatten sich solange aneinander gerieben, bis die Funken eine Hand voll genialer Ideen in Brand setzten und die Band daraus ein paar Songs für die Ewigkeit schmiedete. Aber ich war positiv überrascht: Die Energie ist noch nicht verpufft, auch das Händchen für tolle Songs ist noch vorhanden. Einer dieser tollen Songs ist „Fury Of Chonburi“: Eine chaotische und hingerotzte Strophe mündet in einen dieser begnadeten Refrains, den wohl nur Doherty und Barat so hinbekommen. Ein Song wie ein Zufall.

  1. Blur – Lonesome Street

Ich hätte nicht wirklich mit einem weiteren Album von Blur gerechnet, aber zum Glück rauften sich die alten Haudegen noch einmal zusammen. „The Magic Whip“ klingt versöhnlich. Man hört Einflüsse von Damon Albarns Soloplatte, von den Gorillaz und ein fernes Echo von The Good, The Bad & The Queen. Trotzdem wird eines recht schnell klar: „The Magic Whip“ ist ein Album von Blur. Noch dazu ein ziemlich gutes. Es beginnt mit gesampelten Umgebungsgeräuschen, einer Stimme aus dem Radio und einem dieser typischen Coxon-Riffs. „Lonesome Street“ ist ein toller Einstieg und gleichzeitig ein wenig irreführend. Denn so gradlinig wird es im Anschluss fast nicht mehr. Für mich ganz klar der beste Song der Platte.

  1. Lea Porcelain – Bones

Lea Porcelain sind Julien Bracht und Markus Nikolas. Seit Ende 2014 machen die beiden gemeinsam Musik. Die vier Tracks umfassende Debüt-EP, die schlicht mit „Lea Porcelain“ betitelt wurde, ist Anfang Dezember erschienen. Unüberhörbar sind bei diesen Songs die Einflüsse von britischen Bands der Achtziger. Schlagzeug, Percussion und Sampler reichen den beiden Musikern für ihre Klanggebirge. In der Musik hört man Einflüsse von The Cure, Joy Division und Echo & The Bunnymen. Dabei ist diese EP keine einseitige Angelegenheit. Ich würde sie sogar als vielfältig bezeichnen. Der Einstieg mit „Bones“ ist ein äußerst wundervoller: Wie in diesen knapp fünf Minuten The Cure mit Joy Division verwoben werden, das ist schon große Kunst.

  1. Post War Glamour Girls – Cannonball Villages

Ich hörte eine Playliste auf Spotify und ließ mich berieseln, als mich auf einmal ein Song fesselte. Das klang für mich ein wenig wie Nick Cave trifft Depeche Mode, nur viel verspielter und epischer. „Cannonball Villages“ hieß der Song, und diese acht Minuten lange Achterbahnfahrt packte mich und machte mich neugierig. Abgehackte Rhythmen, rollende Bassläufe, gedehnte Spannungsbögen und eine Menge Bombast. Klingt schrecklich, aber ich könnte mich in diesen Sound reinlegen.

  1. Tocotronic – Die Erwachsenen

Eigentlich bin ich ja zu alt für diesen Song. Oder besser gesagt: Ich stehe auf der falschen Seite. Zwar habe ich noch kein schütteres Haar, aber ich bin ein Erwachsener. Aber ich liebe diesen Song alleine schon deshalb, weil meine beiden Kinder jedes Mal lauthals mitsingen. Und ihre Freunde auch. Wovon die jeweiligen Eltern aber nichts wissen. Wahrscheinlich klangen Tocotronic noch nie stärker nach internationalem Dream Pop / Shoegaze als bei diesem großartigen Song.

  1. Hanni El Khatib – Two Brothers

Auf seinem dritten Album ließ sich Hanni El Khatib eine Menge Zeit, um mich zu überzeugen. So richtig gefunkt hat es eigentlich erst beim allerletzten Song „Two Brothers“, welcher nicht nur der letzte sondern zugleich auch der ungewöhnlichste Track des Albums ist. Er beginnt mit einer einsamen Gitarrenfigur, die von einem Bass unterfüttert die Basis des gesamten Songs bildet. Auf einmal wird der Beat gradliniger, und dann schimmert völlig unerwartet die Discokugel und die Gitarrenfigur thront auf dem Rhythmus. Streicher kommen hinzu, der Bass traut sich ein wenig mehr und ich ertappe mich jedes Mal dabei, wie ich mitwippe.

  1. Aurora – Running With The Wolves

Am Anfang war da nur ein Glimmen. Nichts Spektakuläres. Als das Glimmen anfing zu flackern, da war ich überzeugt und packte diesen kleinen Song von Aurora trotz meiner anfänglichen Bedenken in eine meiner Playlisten. Im Laufe der folgenden Tage wurde das Flackern allerdings immer stärker, und ich hörte den Song mit wachsender Begeisterung. Bis das winzige Feuer komplett erlosch, weil andere Songs einfach heller brannten. Als ich aber dann dieses Unplugged-Video von „Running With The Wolves“ gesehen habe, da flammte meine Begeisterung wieder auf. In dieser spartanischen Instrumentierung ist er sogar noch besser.

  1. Emmy Wildwood – Scream

Dieser grandiose Song der in Tuscon geborenen Sängerin Emmy Wildwood klingt wie das Ergebnis einer Kollaboration von Nick Cave und Lana Del Rey. Düster, geheimnisvoll, bittersüß. Von Beginn an zog mich „Scream“ in seinen Bann; und genau in dem Moment, wo ich dachte: „Das könnte glatt der Soundtrack eines Films sein!“, da lese ich, das „Scream“ der Titelsong einer neuen Serie ist. Und zwar von der Comedy-Horror-Serie„ Scream Queens“, bei der u.a. Emmy Roberts, Lea Michele, und Jamie Lee Curtis mitspielen. Der Song von Emmy Wildwood würde auf jeden Fall perfekt zu einer Eröffnungssequenz im Stil von True Detective passen. Sie selbst nennt ihre Musik übrigens Ghost Pop. Passt perfekt.