The List: 10 R.E.M.-Songs, die man kennen sollte

Michael Stipe (foto: wikimedia/dr.conati roberto de matino)

Nach der Veröffentlichung von „Green“ (1988) gingen R.E.M. auf eine wahre Ochsentour: 130 Konzerte – eine Riesenbelastung für die Band, die seit ihrer Gründung 1980 ohnehin ständig auf Achse war. Michael Stipe, Peter Buck, Mike Mills und Bill Berry klagten über den physischen und psychischen Verschleiß, den das Ganze mit sich brachte und beschlossen, mit der nächsten Platte nicht auf Tour zu gehen. Man wollte maximal ein paar Akustik- und Radio-Sessions zu spielen. Ein Entschluss, der die weitere Entwicklung der Combo entscheidend prägen sollte: Das Album „Out Of Time“, das am 11. März 1991 herauskam und zum Großteil im Sommer 1990 eingespielt wurde, markierte die Orientierung der Kapelle aus Athens/Georgia hin zu melancholischem, von Mandoline und Streichern getragenem Pop. Klingt kommerziell nicht gerade vielversprechend, aber genau das war es letztlich doch: Spätestens durch „Out Of Time“ wurde das Quartett zu Superstars. Wir feiern den 25. Geburtstag dieser Scheibe durch eine „The List“-Ausgabe, in der wir euch unsere zehn liebsten R.E.M.-Songs vorstellen.

 

10. E-Bow The Letter (1996, erschienen auf „New Adventures in High-Fi“)

Kommerziell war diese Nummer nicht gerade erfolgreich. Sie wurde sogar zum ersten Flop der Combo unter dem Banner eines Major Labels und erreichte nur Platz 49 der US Billboard Charts. So niedrig peakte keine R.E.M.-Single mehr seit „Fall On Me“, ein Lied, das die Band noch zu IRS-Zeiten veröffentlichte. Dabei half sogar die legendäre Patti Smith, die Stipe als musikalische Heldin verehrt, als Sängerin mit aus (ihren Platz sollte live auch mal Radioheads Thom Yorke einnehmen). Inhaltlich geht es um einen Brief, der niemals abgeschickt wurde. Man glaubt, dass dieser an den Schauspieler River Phoenix („Stand By Me“) geschrieben wurde und Stipe darin seine Sorge hinsichtlich Rivers Drogenmissbrauch zum Ausdruck brachte. River, Bruder von Joaquin Phoenix, starb 1993 vor Johnny Depps Nachtclub „The Viper Room“ an einem Drogencocktail. Er wurde nur 23 Jahre alt. Nicht das einzige Lied, das Stipe einem toten Freund widmete: „Let Me In“ war für Nirvana-Frontmann Kurt Cobain gedacht.

 

09. Pop Song 89 (1989, erschienen auf „Green“)

„Pop Song 89“ war der Opener und die dritte Single aus „Green“, dem sechsten R.E.M.-Studioalbum. Während wir vor allem die Version aus MTV Unplugged lieben, sorgte aber vor allem die Originalversion für Aufsehen. Beziehungsweise das Video dazu. Der Clip zeigt Frontmann Stipe, der auch Regie führte, mit drei Frauen, allesamt oben ohne, zu dem Song tanzend. Als MTV die Band bat, Zensurbalken über die entblößten Brüse zu legen, tat Stipe das nicht nur bei den Damen, sondern auch bei sich selbst. Sein lapidarer Kommentar dazu: „Ein Nippel ist ein Nippel.“

 

08. The One I Love (1987, erschienen auf „Document“)

„The One I Love“ ist vielleicht einer der besten, brutalsten und zynischsten Anti-Lovesongs aller Zeiten, wird aber vom Publikum konsequent als Liebeslied missverstanden. Ein Umstand, der die Band regelmäßig amüsiert. Beispielsweise beinhaltet der Text die Zeile “a simple prop to occupy my time”, was so viel bedeutet wie „jemanden einfach zum Zeitvertreib zu haben“. Das trifft die Grundstimmung dieses Songs, in dem der manipulative Protagonist seine wechselnden Partner immer wieder aufs Neue ausnutzt. Stipe sagte dazu mal in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung: „Gestern Abend habe ich es gesungen, und ein Pärchen in der dritten Reihe hat sich verliebt angesehen und Händchen gehalten. Ich dachte nur: ‚Oh mein Gott‘.“

 

07. Drive (1992, erschienen auf „Automatic for the People“)

Der Titel „Drive“ leitet sich aus Stipes Unterstützung für das ab, was 1993 schließlich der Motor Voter Act werden sollte. Die Zeile „Hey, kids, rock ’n‘ roll“ ist eine Hommage an“Stop It“ von der Gruppe Pylon, die wie R.E.M. ebenfalls aus Athens/Georgia stammt. Stipe gibt überdies „Rock On“ von David Essex als Einfluß an. Das Arrangement war durch den Sound von Queen inspiriert, eine der Lieblingsbands von Peter Buck und Mike Mills. Mills: „‚Drive‘ is just telling kids to take charge of their own lives. [Pause.] Among other things. Peter Buck: “It’s a subtle, political thing. Michael specifically mentions the term ‘bush-whacked’. But if you want to take it like ‘Stand’, that’s cool, too. You like to think that you can appreciate these songs on any level you want to. I have a lot of records I listen to when I’m just doing the dishes. Like Ride records. I really like Ride a lot. And I have no idea what the songs are about. And I really don’t care. I don’t even worry about it. Lyrics are the last thing I listen to, unless someone is hitting me over the head with it.“

 

06. Arms of Love (1992, erschienen auf „The Automatic Box“)

Jaja, bei der Anzahl an geeignetem Eigenmaterial aus dem umfangreichen R.E.M.-Katalog eigentlich ein Frevel. Aber: Dieses Robyn-Hitchcock-Cover ist so wunderbar, dass es in dieser Liste nicht fehlen darf.

 

05. Leaving New York (2004, erschienen auf „Around the Sun“)

Eigentlich hatten es R.E.M. nie so mit Liebesliedern, aber dieses ist eines. Und zwar eines an eine Stadt. Für Stipe ist New York zu einer zweiten Heimatstadt geworden. Inspiriert zu dem Song wurde er durch einen (Ab-)Flug aus New York, bei dem die Schönheit der Stadt ihn einfach überwältigte. Der Legende nach begann er noch im Flieger mit dem Schreiben des Songs. Eine Ode an eine Stadt, ein Statement, so kurz nach 9/11.

 

04. All The Way Reno (2001, erschienen auf „Reveal“)

Wieder so ein Song, der kommerziell kein Wahnsinnshit war. In „All the Way to Reno (You’re Gonna Be a Star)“ geht es um jemanden, der glaubt, es zu einem Star zu bringen, wenn er es nur bis nach Reno/Nevada schafft. Das Video wurde in der Bishop Ford Central Catholic High School nahe des Prospect Parks in Brooklyn/New York gedreht. Regie führten Michael Moore – und Schüler der gastgebenden und umliegenden Schulen.

 

03. Man on the Moon (1992, erschienen auf „Automatic for the People“)

Der Song ist eine Hommage an den genialen, leider viel zu früh verstorbenen Komiker und Entertainer Andy Kaufman und gespickt mit Referenzen. Kaufman ließ gerne mal die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, weshalb nicht wenige überzeugt waren, er hätte seinen Krebstod 1984 nur vorgetäuscht. Stipe nimmt darauf Bezug und vergleicht das Ganze mit den bekannten Verschwörungstheorien rund um die Mondlandung. Miloš Formans Kaufmann-Biopic (mit Jim Carrey in der Hauptrolle) aus dem Jahr 1999 erhielt seinen Namen dank dieses Songs, der sich letztlich auch auf dem offiziellen Soundtrack wiederfand.

 

02. Everybody Hurts (1992, erschienen auf „Automatic for the People“)

Es gibt wohl kaum einen R.E.M.-Song, der häufiger in Filmen verwendet wird. Hauptsächlich von Drummer Bill Berry geschrieben, sollte das Ding eigentlich eine Art Neufassung von „Bridge Over Troubled Water“ sein und vor allem auf den Teenager-Markt abzielen. Ironischerweise hört man den Guten auf dem Track nicht, sondern eine Drum Machine. Gitarrist Peter Buck zog sogar einen Vergleich zu Otis Reddings „Pain in My Heart“. Als es 1995 eine hohe Selbstmordrate in Großbritannien gab, schaltete die Charity-Organisation The Samaritans großflächig eine Print-Anzeige, die nur aus den Lyrics zu „Everybody Hurts“ und der Telefonnummer der Hilfe-Hotline bestand. Wunderbare B-Seite der Single übrigens: das Instrumental-Stück „Mandolin Strum“.

 

01. Losing My Religion (1991, erschienen auf „Out Of Time“)

Das heute immer noch ständig im Radio gespielte „Losing My Religion“ ist die Blaupause für „Out Of Time“, der Song, der die neue Richtung der Band, die sie mit diesem Album einschlug, am Besten verkörpert. „Losing My Religion“ bedeutet soviel wie „die Fassung verlieren“, in dem Track bezieht sich das auf eine unerwiderte Liebe. Michael Stipe sagte mal, dass er eigentlich nur eine neue Version von „Every Breath You Take“ (The Police) schreiben wollte. Hat wohl geklappt, denn der Song mutierte zum Evergreen und wurde eine der großen Hymnen der Band.  Dem Vernehmen nach hatte Gitarrist Peter Buck die Idee für den Song. Der Legende nach sah er gerade Baseball, trank ein Bier und zupfte an seiner Mandoline. Die Plattenfirma Warner weigerte sich zunächst, den Track als Single zu veröffentlichen, die Band setzte sich jedoch letztlich durch – good for them. And good for us.

 

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