The Beat: ESC 2016 – eine politische Kiste?

Der ESC 2016 ist Geschichte. Deutschland hat seinen letzten Platz aus dem Vorjahr bravourös verteidigt, die Ukraine geht als Überraschungssieger aus dem Abend hervor. Und das Netz keift: Hat Europa hier etwa politisch abgestimmt? Die Antwort: eher nicht.

Nach einem Wettbewerb, der wie immer eine Menge letzter Plätze verdient hat, strahlte am Ende eine: Jamala. Klar, war am Ende auch eine knappe Sache – und überhaupt erst der zweite Erfolg des Landes (nach Ruslanas Sieg 2004). Da kann man schon mal in Sektlaune geraten, auch wenn die Botschaft des Songs – trotz der Partymucke – ja eine todernste ist. Die in Tatarentracht gekleidete Krimtatarin verhandelte in „1944“ die Zwangsumsiedelung der Krimtataren durch die Stalinisten. Es fließt Blut, es wird gemordet, doch die Täter waschen ihre Hände in Unschuld. Das Lied ist eine einzige Anklage, massenkompatibel gemacht durch die Tanzmusik und die passende, spektakuläre Show drumherum. Der unterschwellige Vergleich zu Putin und seiner Krim-Politik liegt auf der Hand.

Es hat viele überrascht, dass es der Song auf diese große Bühne schaffte. Eigentlich sind politische Songs beim ESC nicht zugelassen. Und dann siegt das Ding auch noch. Ist das Abstimmungsergebnis also ein politisches Statement? Ein europaweiter Denkzettel für Vladimir? Eher nicht. Mal abgesehen davon, dass selbst wenn, sich der Mann wohl abends nicht in den Schlaf weinen würde, spricht die Sympathie des Publikums für den russischen Beitrag doch dagegen. Hat sich einfach gut geschlagen, die gute Jamala.

Und Deutschland? Was ist mit Deutschland? Hier sind wir doch bestimmt für Flüchtlings- und Griechenland-Politik abgewatscht worden, mag jetzt der eine oder andere mit Wutspeichel im Mundwinkel in die Kommentarfelder des Beitrags tippen. Merkel ist schuld!

Das denke ich nicht, Tim.

Dafür war das Votum auch seitens der Jury (nur Georgien gab uns da einen Punkt) einfach zu klar. Man muss konstatieren: Deutsche Popmusik ist im Ausland einfach nicht gefragt. War es in der Musikgeschichte auch nur selten, so ehrlich müssen wir sein. Musik und Humor sind keine deutschen Exportschlager. Muss ja einen Grund haben, warum ein Land wie Schweden uns in diesen Kategorien deutlich überholt hat, immer wieder – genre- und epochenübergreifend – international erfolgreiche Pop-Acts hervorbringt. Und wir maximal mit gealterten Hard-Rockern oder DJs dienen können.

Und so steht das Lied symbolisch für die generelle Relevanz deutscher Popmusik im Ausland. Das Land geht steil, der Rest der Welt gähnt oder schaut verständnislos. I

Jamie-Lee Krewitz war nicht schlecht, gewiss. Ihr Auftritt war okay, sie muss sich keinen Vorwurf machen. Man hat sie eben nicht verstanden. Sie kann sich trösten: Das geht ihren deutschen Kollegen meistens so. Immerhin haben wir mit Georgien einen neuen Absatzmarkt entdeckt.

PS: Unser liebster Song kam von dem lettischen Musiker Justs („Heartbeat“).

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.