The Beat: Auf der Parkbank. Oder: Pflicht-Reportagen. (ARCHIV)

NG-Redakteur Benjamin Fiege (Foto: kunz)

Eine Bank im Park. Dort sitzen alte Ehepaare, frisch Verliebte und Schüler, die ihre Zeit vertrödeln. Wir wollten wissen, was an einem Freitag im Sommer im Ludwigshafener Friedrich-Ebert-Park abgeht. Beobachtungen mit viel Musik.

Prolog. Es ist Montagmorgen, 10 Uhr. Deutschland hat seine Knoppers bereits seit einer halben Stunde verputzt. Für uns in der Redaktion heißt das: Blattkonferenz. Themen für die kommenden Ausgaben werden entwickelt. Die Konferenz ist gerade vorbei, als die Stimme eines Redakteurs aus dem Off ertönt. „Herr Fiege, es ist Ihre letzte Woche bei uns. Wie sieht’s denn mit einer Reportage aus? 200 Zeilen?” – „Hmm, wie, was?” – „Wie wär’s, wenn Sie sich einen Tag lang auf eine Parkbank setzen und beobachten, was passiert?” – „… .” Als Zustimmung gewertetes Schweigen des Volontärs.

Freitagmorgen im Ebertpark Ludwigshafen. Es ist neun Uhr. Ich bin gespannt. Welche Menschen werde ich hier heute sehen? Welche Geschichten werden sich vor meinen Augen abspielen? Liebes- und Eifersuchtsdramen? Szenen der Alltagsfreude? Ärger und Streit? Noch ist allerdings wenig los im Park, in dieser grünen Oase inmitten der Ludwigshafener Betonschluchten. Aber ich hoffe, das ändert sich bald. Zunächst suche ich mir eine Bank aus und entscheide mich für eine Sitzgelegenheit am Weiher, direkt neben einer Trauerweide. Lasst die Show beginnen! 10 Uhr. Auf meinem ipod spielen The Cure gerade ihren Hit „A Forest”.

And start to run/Into the trees /Suddenly I stop/but I know it’s too late/I’m lost in a forest/all alone 

Ich stelle ernüchtert fest, dass ich tatsächlich immer noch ganz alleine bin. Zwar nicht im Wald, dafür aber in diesem Park. Es ist keine Menschenseele auf den Wegen. Stille. Nur das leise Rascheln der Blätter im Wind. Nur das monotone Gequake der Frösche und das Geschnatter der Enten. Die Trauerweide am Weiher wiegt sich einsam im Rhythmus des Windes. Das Sonnenlicht lässt die Wasseroberfläche des kleinen Weihers glitzern. Dann: Endlich! Die ersten Menschen tauchen auf. Keine wahnsinnig schrägen Vögel, sondern ein Rentnerpärchen. Aber immerhin. Leben! Beide dürften die 80 Lenze bereits hinter sich gelassen haben. Ein Traum in Beige und Mausgrau. Wahrscheinlich Opfer einer psychologischen Farbberatung Loriots („Ich würde Ihnen ein frisches Steingrau empfehlen”). Eine Dreiviertelstunde sitzen die beiden einfach so da. Schauen den Enten zu, und sprechen kein Wort. Mal ein mürrisches Fingerzeigen, ein müdes Kopfnicken. Kein Lächeln. Ohnehin wird wenig bis gar nicht gelacht in diesen Morgenstunden. Die Menschen im Park verziehen keine Miene. Die Gesichter – ausdruckslos, maskenhaft. Billy Idol liefert mit „Eyes without a face” den passenden Soundtrack dazu.

Ich sehe Menschen, die wohl vergessen haben, wie man lacht, wie man lebt, wie man liebt. Die die Magie des Augenblicks nicht zu schätzen wissen. Unweigerlich muss ich an Alice Pyne denken, das unheilbar an Krebs erkrankte britische Mädchen, über deren Blog im Internet ich kürzlich einen Bericht verfasst hatte. Die für Tausende Menschen auf der ganzen Welt eine unglaubliche Inspiration ist, weil sie im Angesicht des nahenden Todes ihre Lebensfreude behält, weltweit Knochenmarkspender gewinnt und der Welt ein strahlendes Lächeln schenkt. Viele, so denke ich mir, als die grauen, emotionslosen Gesichter an mir vorbeilaufen, sollten sich vielleicht ein Beispiel an ihr nehmen. Von der 15-jährigen Alice Pyne könnten viele lernen.

12.06 Uhr. Oh mein Gott, es ist erst 12.06 Uhr.

15 Uhr. Auf die Bank neben mir hat sich ein Pärchen gesetzt. Er, vielleicht 40, sie ein bisschen jünger. Sie turteln. Zwei Frischverliebte. Und während mein ipod „The Sweet Hello, The Sad Goodbye” von Roxette ausspuckt, frage ich mich, wie viele süße Hallos und traurige Abschiede diese Parkbänke am Weiher wohl schon miterlebt haben. Wie viele Turteltäubchen hatten hier ihre ersten Dates, ihren ersten Kuss? Wie oft wurde hier gemeinsam gehofft, geträumt, geliebt? Und wie oft flossen hier bittere Abschiedstränen, gab es Szenen voller Enttäuschung, Wut, Verzweiflung? Wie oft hat hier ein einsames, gebrochenes Herz das tanzende Licht auf der Wasseroberfläche betrachtet und sich an bessere Zeiten erinnert? Die Bänke bleiben stumme Zeugen. Kein Tom, der seiner Annika eine Liebesbotschaft ins Holz geritzt hätte. Kein verflossener Romeo, der seiner Ex-Julia noch mal mit dem Edding die Leviten liest. Heute schnitzt oder schreibt man solche Dinge nicht mehr auf Parkbänke. Heute lässt man die Öffentlichkeit via Facebook an seinem Liebesleben teilhaben. „In einer Beziehung”, „Es ist kompliziert”, „Single” – das ist weniger umständlich und wird auch gleich von noch mehr Menschen wahrgenommen. Für das Pärchen neben mir gilt wohl Variante Eins. Sie turteln, busseln, streicheln sich über die Wange. Und The Cure singen. I don’t care if monday’s blue/tuesday’s grey and wednesday too/thursday I don’t care about you/it’s friday I’m in love.

Je später es wird, desto mehr füllt sich der Park. Zwei Mütter schieben ihre Kinderwagen an mir vorbei, beide mit ultrarot gefärbten Haaren, Jeansjacken und Leggins. Der passende Soundtrack dazu würde von Ace of Base, Rednex oder Dr. Alban stammen, findet sich aber nicht auf meinem mp3-Spieler, sodass diese Szene nicht musikalisch unterlegt werden kann. Nach sieben Stunden auf der Parkbank wird mir nach Laufen zumute. Eigentlich sollte ich hier sitzen bleiben und wie eine Kamera das Geschehen aufsaugen, aber für einen Moment muss ich mir die Beine vertreten. Kurzimpressionen eines Parkrundgangs: Das mobile Toilettenhäuschen, ein Überbleibsel des Parkfests, wird gerade auf einem Lastwagen weggefahren. Vorhin nutzten noch Besucher das stille Örtchen. Ich hoffe, dass die Transportfirma noch mal eben in den Lokus schaute, bevor sie das Ding auflud. Falls nicht: Sollten Sie, lieber Leser, an jenem Freitag in einem WC verschleppt worden sein, wenden Sie sich bitte per E-Mail an uns. Wir machen eine Geschichte draus. Ein paar Meter weiter steht ein unglaublich fülliger Mensch vor einem Füttern-verboten-Schild. Zwei Schüler knipsen ihn giggelnd. Sie werden das Bild wohl alsbald per Smartphone mit ihren Freunden teilen. 50 Meter Luftlinie entfernt sonnt sich eine Frau, leicht bekleidet. In etwa fünf Jahren wäre sie wohl das Motiv der Wahl für die Jungs gewesen und nicht der füllige Mann.

Epilog. Zurück in der Redaktion. Wie soll ich da nur 200 Zeilen füllen?

Oh, mein Gott.

Die Redaktion wartet auf den Text. Aber hoppla, da stehen wir ja schon bei 195.

Jetzt muss ich die letzten Zeilen

nur noch

irgendwie schinden.

Geschafft!

Text: Benjamin Fiege