The Beat (7): Die Renaissance des Musikvideos

Pharell Williams (foto: wikipedia/Matti Hillig)

Pharrell Williams (foto: wikipedia/Matti Hillig)

Das Musikvideo ist zurück. Mit aufwendigen Clips und kreativen Apps hauchen Künstler dem tot geglaubten Format neues Leben ein. 

Es ist ausgerechnet ein 49 Jahre alter Song, der beweist, dass das Musikvideo quicklebendig ist. Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ hat die 27-jährige israelische Regisseurin Vania Heymann zu einem interaktiven Clip inspiriert, der Ende 2013 im Netz für Furore sorgte. Im Video kann der Zuschauer zwischen 16 Kanälen umschalten, auf denen beispielsweise eine Homeshopping-Sendung, ein Tennisspiel, eine romantische Komödie oder eine Nachrichtensendung laufen. Auf jedem Sender bewegen die Protagonisten – darunter US-Stars wie Drew Carey – ihre Lippen synchron zu dem Dylan-Song. Der Betrachter des Clips wird durch das Zappen vom passiven Zuschauer zum aktiven Cutter des Videos. So entsteht bei jedem Anschauen des Clips eine neue Version. Bereits am ersten Tag hatte das Video mehr als eine Million Klicks. Beste Werbung für den Altmeister, der gerade ein neues CD-Box-Set auf den Markt schmiss.


Das Internet ist zur neuen Heimat des Musikvideos geworden. David Bowie gehörte Anfang 2013 zu den Trendsettern, als er das Video zu seinem Song „Where Are We Now?“ ohne Vorankündigung auf seiner Internetseite präsentierte. R&B-Queen Beyoncé zog Ende des Jahres nach, als sie ihr neuestes Album veröffentlichte und dabei etwas tat, das kaum ein Popstar vor ihr gewagt hat: Sie veröffentlichte 17 aufwendige Musikvideos zu den einzelnen Tracks gleich mit. Pharrell Williams hat zum ersten Mal in der Geschichte der Popmusik ein 24-stündiges Video produziert, in dem sein Song „Happy“ in Dauerschleife zu hören ist. Mit Werken wie diesen hauchen Künstler einem Format neues Leben ein, das viele längst auf dem Sterbebett sahen.

 

Junge Menschen zwischen Anfang und Ende zwanzig, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, erlebten das Musikvideo bislang selten als Kunstwerk, eher als ein lieblos dahingerotztes Promo-Filmchen. Wenn man es überhaupt zu sehen bekam. „Videos laufen heute ausschließlich auf Sendern, die niemand mehr schaut, oder im Internet, wo man sie aber häufig nicht ohne Weiteres sehen darf, weil bestimmte Stellen das aus irre komplizierten Gründen nicht wollen“, schreibt der Musiker und Autor Eric Pfeil im „Rolling Stone“.

Der Abstieg des Formats begann in den Nuller-Jahren. Den höchsten Umsatz mit Videos erzielte die Musikindustrie nach Informationen des Bundesverbands zwar noch 2004 (167 Millionen Euro), doch spätestens mit der Gründung von Youtube 2005 wurde das Musikfernsehen überflüssig. Das merkten natürlich auch die großen Musiksender wie MTV und änderten ihr Programm. Plötzlich liefen dort nicht mehr Musikclips rauf und runter, sondern vor allem Reality-Shows.

 

Es war das Ende einer Ära. Einer Ära, die ihre Wurzeln in den 50er-Jahren hatte. Damals entstanden in Frankreich die Vorläufer dessen, was wir heute Musikvideo nennen, als dort das Scopitone, eine visuelle Jukebox, erfunden wurde. Bis heute streiten die Gelehrten allerdings darüber, welches denn nun das erste echte Musikvideo gewesen ist. Die einen führen die Beatles ins Feld, die 1966/67 Werbeclips für Hits wie „Strawberry Fields Forever“ oder „Penny Lane“ drehten. Andere wiederum tippen auf Bob Dylans „Subterrenean Homesick Blues“ oder Sonny & Chers „I Got You Babe“ von 1965. Am häufigsten wird Queens „Bohemian Rhapsody“ (1975) genannt, weil hier erstmals aufwendige Technik eingesetzt wurde. Ende der 70er-Jahre und Anfang der 80er erlebte das Musikvideo dann eine Blütezeit, immer mehr Bands und Plattenfirmen setzten es als Werbeinstrument ein.

Mit MTV tauchte 1981 der erste TV-Sender auf, der vornehmlich auf diese Art von Clips setzte – und nach holprigem Start bombastische Erfolge feierte. Ohne MTV wären die Karrieren von Madonna oder Michael Jackson kaum denkbar gewesen und die Alterskohorte, die mit dem Sender aufwuchs, nennt man heute noch „MTV Generation“.

Dieser Generation missfiel die Abkehr vom Musikfernsehen natürlich. Es war jedoch ein alternativloser Schritt. „Auch wenn der Blick zurück ein schöner, romantischer und verklärter sein kann, so möchte ich doch diejenigen sehen, die sich in Zeiten von Youtube und Myspace wie damals zum Videogucken stundenlang MTV reinziehen würden, und vor allem möchte ich genug von ihnen sehen, um einen Sender in wirtschaftlicher Hinsicht am Leben zu erhalten“, schreibt Ex-MTV-Moderator Markus Kavka in seiner Zünder-Kolumne.

 

Mit dem Wegfall der TV-Plattform schien die Musikindustrie auch das Vertrauen in das Format Musikvideo zu verlieren. Zwar wurde auf die Clips nicht verzichtet, aber es wurde weniger investiert. Oder, wie Eric Pfeil einmal sagte: „Die Zeiten, da man jeden dahergelaufenen Wald-und-Wiesen-Musiker für einen mehrtägigen Dreh auf eine Karibik-Insel kutschierte, wo er am Strand kamerawirksam sparsam bekleidete Models mit Champagner übergießen konnte, sind vorbei.“

Für Ex-Viva-Moderatorin Milka Loff Fernandes hatten Musikvideos damals vor allem ein Problem der Verfügbarkeit. „Die Werbung hat diese Lücke erkannt und sich die positiven Funktionen eines Musikvideos zu eigen gemacht. Werbung wurde also musikvideoartiger. In der Zeit stürmten dann Songs wie zum Beispiel ,Hip Teens Don’t Wear Blue Jeans’ die Charts“, sagt sie.

 

Mittlerweile hat die Branche die Chancen des Internets erkannt. In sozialen Netzwerken verbreiten sich Clips in kürzester Zeit. Wie das Video zu „Needing/Getting“ der Indie-Band OK Go von 2011, das zum Internethit wurde. In dem Clip sitzt die Band in einem Kleinwagen, an dessen Seiten Schlagstöcke befestigt sind. Am Rand der Strecke sind Plastiktonnen und Pianos so postiert, dass die Stöcke stets den richtigen Ton oder Beat treffen. Irre kreativ, irre aufwendig. Ohne dabei irre teuer zu sein.

 

„Heute kann man „aufgrund zahlreicher technischer Innovationen für ein deutlich kleineres Budget als noch vor zehn bis 20 Jahren einen amtlichen Clip produzieren“, schreibt Markus Kavka in seiner Kolumne. Wie man diese Innovationen kreativ und interessant einsetzen kann, bewies die isländische Sängerin Björk 2011. Ihr Album „Biophilia“ wurde damals als Tablet-App veröffentlicht. Es setzte sich aus einer Mutter-App in Form einer animierten 3D-Galaxie und zehn Sub-Apps zusammen, die jeweils einen Song und eine Animation oder ein Spiel beinhalteten – ein interaktives Album.

Auch die dänische Band WhoMadeWho ließ, um ihren Song „The Morning“ vorzustellen, eine eigene App entwickeln. Diese setzte den Weckruf eines Smartphones für den 25. November auf 7 Uhr Ortszeit. Als Alarmmelodie erklang dann die Single. Bis heute können sich Fans am Musikvideo zum Song beteiligen: Mit #WMWTHEMORNING getaggte Instagram-Fotos und -Videos werden dem Clip automatisch hinzugefügt.

 

Das Video lebt! Das sieht auch MTV-Gründer Michael Nesmith so, wie er jüngst in einem Interview verriet: „Es ist eine großartige Zeit für junge Künstler. Wir befinden uns in einer Übergangszeit und das kann verwirrend sein, aber die neuen Technologien sind dazu prädestiniert, Impulse für Kunst und Kultur zu geben.“

Text: Benjamin Fiege

Das vollständige Interview mit Milka Loff Fernandes könnt ihr hier lesen.

 
 

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