Hipsters in Stone. Oder: Versteinerte Prügelknaben.

 
Mit seiner Fotoreihe „ Hipsters in Stone“ setzt der französische Fotograf Léo Caillard der urbanen Mittelklasse-Nervensäge ein Denkmal. Von Benjamin Fiege

Seit einiger Zeit ist es Mode, den Hipster in regelmäßigen Abständen für tot zu erklären. Nicht, dass es allzu viele Menschen stören würde. Schließlich ist der Hipster längst liebstes Hassobjekt. Hipster, das sind diese jungen, modebewussten Leute, die Röhrenjeans, Hornbrillen und Kondommützchen tragen und sich asymmetrisch frisieren. Die männliche Variante erkennt man auch an ihren Rausche- oder Schnauzbärten. Sie meinen, die Welt in all ihrer Komplexität zu erfassen, weil sie Vampire Weekend hören oder Fellini-Filme schauen. Und im Prinzip ist alles was sie sagen oder tun, pure Ironie. Doch der Patient hat noch Puls, die Hipster sind nicht tot, sondern verstehen sich weiterhin als kreative Speerspitze. Totgesagte leben eben manchmal doch länger.

Nun hat der französische Fotograf Léo Caillard der urbanen Mittelklasse-Nervensäge auch noch ein Denkmal gesetzt: Mit seiner Aktion „ Hipsters in Stone“ geht er der Frage nach, was wäre, wenn es das Hipster-Konzept schon im Altertum gegeben hätte. Die Antwort liefert er in einer digitalen Bilderserie, die griechische und römische Skulpturen in Hipster-Mode präsentiert und so eine völlig neue Perspektive auf sie eröffnet.

Die Idee des Ganzen ist, zu zeigen, dass die Art und Weise, wie man sich kleidet, auch die Art verändert, wie man ist: „Nachdem ich die Statuen eingekleidet habe, sind sie zu jemand anderem geworden“, so Léo Caillard, der dem Betrachter der Bilder dabei die eigene Oberflächlichkeit vor Augen führt.

Zuerst fotografierte er die nackten Statuen, die meisten davon am Louvre in Paris. Dann suchte er sich Models aus Fleisch und Blut, die eine ähnliche Statur aufwiesen, zog ihnen Hipster-Klamotten an, setzte sie ins rechte Licht, ließ sie die Position der entsprechenden Statue einnehmen und fotografierte sie. Danach wurden die Bilder kombiniert und von Alexis Persani mit Photoshop bearbeitet.

Die Resultate sind schön anzusehen, rauben den Skulpturen aber das Ikonische. Im Augenblick ihrer Erschaffung verkörperten die Figuren ja meist das physische Ideal ihrer damaligen Zeit. Mit Sonnenbrille, Jeans, Nike-T-Shirt oder Polo-Hemd wirken sie hingegen eher 08/15.

Für den einen oder anderen Kultur-Puristen mag das ein Grund zur Aufregung sein, aber Caillard selbst sieht die Aktion eher mit einem Augenzwinkern. „Die meisten Menschen lachen darüber und merken, dass die Bilder etwas über unseren modernen Lifestyle aussagen“, so der Franzose. Andere würden es nicht mögen, dass er den Meisterwerken seine Interpretation aufzwingt. „Aber mir ist klar, dass man als Künstler eben auch mal provozieren muss“, meint Caillard.

Noch kann man die Bilder ausschließlich auf der Internetseite des Pariser Fotografen bewundern, bald aber möchte er aus seinem Werk eine Ausstellung machen. „Ich arbeite daran und bin auch schon auf der Suche nach einer Galerie, die meine Arbeit in ganz Europa zeigen würde, vor allem in Deutschland“, sagt der Künstler. Wer so lange nicht warten will, kann sich die Kunstdrucke auch über seine Webseite bestellen. Und falls der Hipster tatsächlich mal ausstirbt, hat man dann wenigstens noch ein Erinnerungsfoto.
Text: Benjamin Fiege

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.