The Beat: Der Boston Bomber und das Rolling-Stone-Cover

 

Es gibt wohl kein ein anderes Magazin-Cover, dass Musiker, Schauspieler und Entertainer lieber zieren würden, als das des Rolling Stone (RS). Wer dort auf dem Titel verewigt wird, hat es geschafft. John Lennon räkelte sich hier im Bett mit Yoko Ono, Demi Moore zeigte ihren Baby-Bauch. Viele der Cover schrieben Popkultur-Geschichte und ikonisierten die dort Abgebildeten.

Und jetzt das. Der junge Mann, der da  auf dem Cover der aktuellen Ausgabe prangt, die Haare zerzaust, der Blick verträumt, heißt nicht Bowie, Dylan oder Springsteen, sondern Dschochar Zarnajew. Ein mutmaßlicher Terrorist, der im April 2013 beim Boston-Marathon einen Anschlag  verübt haben soll, bei dem vier Menschen getötet wurden.

Deshalb brach eine Welle der Kritik über die RS-Redaktion herein. Der Tenor: Wird da ein Monster glorifiziert?  Zarnajew, ein Rockstar? Das Cover, ein Tabubruch?

Fragt sich, welches Tabu gebrochen worden sein soll. Ist doch die Masche, das Böse abzubilden, um den Heft-Verkauf anzukurbeln, nicht neu. Adolf Hitler, prangt hierzulande gefühlt jede dritte Woche auf dem Cover von Spiegel oder Stern.  Und hatte das Time-Magazine nicht auch bisweilen Bin Laden, Hitler oder Hussein auf dem Cover?

Aber der RS ist ja ein Kultur-Magazin und daher gelten andere Maßstäbe, wenden Sie jetzt ein. Mitnichten. Vor allem der US-Rolling-Stone war stets auch politisch geprägt. Das hat das Blatt zum Beispiel im Jahr 2010 eindrucksvoll bewiesen, als General Stanley McChrystal, in jener Zeit US-Oberbefehlshaber in Afghanistan,  über ein Porträt im RS stürzte.

Im lesenswerten Artikel von Janet Reitman über den mutmaßlichen Boston-Bomber ist von Glorifizierung keine Spur. Hätte  man durch Umblättern und Lesen herausfinden können. Stattdessen findet man eine gut recherchierte, bewegende Story, die aufzeigt, wie aus einem normalen Teenager ein kaltblütiger Terrorist wird. Das Furchtbare an dem Cover ist,  das es einen auffordert, Klischees und die eigene Differenzierung von Gut und Böse zu überdenken. Zarnajew ähnelt optisch eher James Morrison als einem Monster. Das verstört. Und vielleicht ist das Cover deswegen genau richtig.

Text: Benjamin Fiege

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