Stefan Weiller – Letzte Lieder

Stefan Weiller (foto: verlag)

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8 Edel: Books

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Geht unter die Haut: Der Autor Stefan Weiller hat Hospize aufgesucht und sich mit Sterbenden über die Musik ihres Lebens unterhalten. Sein Buch „Letzte Lieder“, das 77 dieser Gespräche in sich versammelt, ist soeben im Edel-Verlag erschienen.

Das sie sterben müssen, merken sie spätestens daran, dass Geschenke nicht mehr aus der Krimi-Abteilung, sondern aus der Esoterik-Ecke stammen. Und angesichts einer CD mit Synthie-Rauschen und Walgesängen dürfen Sie nicht fragen: ‚Ihr schenkt mir Walgesänge? Etwa, weil die auch bald ausgestorben sind?‘ Mein Leben war weniger Triangel, sondern mehr Schlagzeug. Und auch wenn ich heute aussehe wie eine Rosine, ich fühle mich noch wie eine Traube (Marita, Anfang 50, im Hospiz)

Um das Thema Sterben machen die meisten Menschen einen weiten Bogen. Auch Journalisten fällt der Umgang mit dem Thema nicht leicht. Nur ungern beschäftigt man sich mit der Endlichkeit des Lebens, weil einem das ja auch immer die eigene Endlichkeit vor Augen führt. Es ist auch nicht leicht, sich mit der Trauer von Angehörigen auseinanderzusetzen oder mit Sterbenden über ihren nahenden Tod zu sprechen, und dabei immer die richtigen Worte zu finden.

Der Autor Stefan Weiller gehört zu jenen, die den Mut aufgebracht haben, sich dem Thema zu widmen. Er hat Menschen im Hospiz, in Palliativpflege oder Zuhause getroffen und sich ihre Geschichten angehört. Der rote Faden war dabei immer das Thema Musik. Weiller wollte wissen, welche Musik das eigene Leben beschreibt, welche Songs Trost spenden und am Ende nochmal gespielt werden sollen. Ähnlich also unserer „My Soundtrack“-Reihe.

„Menschen haben Lust, mit mir zu sprechen“, sagte Stefan Weiller mal in einem Interview mit dem „hr“. „Diese Menschen sind mitunter am nächsten Tag verstorben. Und ich freue mich darüber, dass ich erzählen darf, dass Menschen in dieser Lebensphase lachen, weinen, über die Zukunft nachdenken. Dass all das als Destillat des Lebens möglich ist. Und ich darf es weitergeben. Das ist großartig.“

Weiller wurden jede Menge Anekdoten erzählt, die mal traurig, mal lustig, aber immer bewegend daher kommen. Vor allem das Alter der Interviewpartner trifft einen dabei wie ein Holzhammer. Vom Kleinkind im Kinderhospiz über Menschen, die eigentlich mitten im Leben stehen sollten, bis hin zum Senior ist hier nämlich jede Altersschicht vertreten. Weiller, ein freischaffender Künstler und Journalist, bietet dem Leser hier nicht nur eine literarische Spielerei an, sondern schafft durch dieses Buch auch ein Bewusstsein für den Umgang mit Sterbenden: Mehr Schlagzeug, weniger Walgesänge.

Mittlerweile hat Weiller dieses Projekt auch auf die Bühne gebracht. Prominente wie Ina Müller, Christoph Maria Herbst (der auch das Vorwort zum Buch schrieb) und Leslie Malton leihen ihm dafür ihre Stimme.

Lesezeichen

Stefan Weiller. Letzte Lieder: Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens. 256 Seiten, Hardcover. Edel Books, 2017.

Fazit: Bewegend.

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