Sex, Drugs & Politics. Oder: Von wegen Dauerlutscher …

Vorsicht, wenn Sie beim nächsten Mal lautstark ein Lied mitsingen. Lieber vorher mal genau auf den Text achten. Oft steckt nämlich mehr dahinter, als man glaubt. Sex, Drugs & Politics – eine Sammlung eindeutig zweideutiger Lieder. 

Ist es die Stimme? Die Melodie? Der Text? Oder doch eine Mischung aus allem? Die Frage, was einen guten Song ausmacht, lässt sich kaum beantworten. Fakt ist: Die richtigen Lyrics können einem Lied Zeitlosigkeit verleihen und die Chance erhöhen, dass man auch nach Jahren immer noch reinhört. Eine Möglichkeit, einen Song textlich interessant zu gestalten, ist, ihm einen doppelten Boden zu geben. Eine zweite Ebene. Das lässt dem Hörer Raum für Interpretationen, führt aber auch dazu, dass jene, die sich mit Musik nur oberflächlich beschäftigen, die Lieder gerne mal falsch verstehen.

Diese zweite Ebene wird von dem Künstler oft bewusst eingebaut. Manchmal jedoch interpretieren Hörer in ein Lied eine Dimension hinein, die vom Sänger (angeblich) gar nicht beabsichtigt war. Wir haben gesucht, gegraben und gewühlt – und ein paar legendäre Songs mit doppeltem Boden zusammengetragen.

SEX
Es gibt Lieder, die nerven einen, sobald die erste Note erklingt. „Summer of ’69“ ist so ein Kandidat. Nicht, weil der Song schlecht wäre, sondern weil man ihn einfach über hat. Totgespielt von Schülerbands und Hochzeitskapellen zwischen Konstanz und Flensburg. Fraglich, ob der Bryan-Adams-Klassiker auch dann noch auf Hochzeiten erklingen würde, wenn die Brautpaare wüssten, worum es darin eigentlich geht. Denn „Summer of ’69“ handelt nicht nur von Nostalgie, sondern von Sex, wie Adams 2008 offenbarte. Und „69“ sei dabei eine Referenz an die entsprechende Sex-Praktik. Ob’s stimmt? Oder wollte der soft-rockende Kanadier retrospektiv einfach nur mal als Typ mit Ecken und Kanten wahrgenommen werden? Sein Co-Autor Jim Vallance bestreitet nämlich die Interpretation von Adams. Da haben wohl zwei aneinander vorbeigeschrieben.

Überhaupt nicht anecken wollte France Gall mit „Les Sucettes“. Und so wirkte der blonde Teenager mit der Puppenfrisur in den 60er-Jahren auch wie die personifizierte Unschuld, als er über eine ominöse Annie sang, die gerne an Lollis lutscht – bis der „Anissamen die Kehle herunterrinnt“. Im Video dazu saugen und schlecken im Hintergrund hübsche Frauen lasziv an langen Lollistangen.

Gut, man kann sagen, die junge Frau Gall war etwas naiv, bei diesem Text nicht den doppelten Boden zu suchen. Und das „Sucette“ im Französischen auch als Synonym für Fellatio durchgeht, darf man als Pariserin ruhig auch wissen. Als man France erklärte, über was sie da eigentlich trällerte, soll sich die junge Dame sehr geschämt und den Song danach nie wieder öffentlich vorgetragen haben. Dem Verfasser des Texts, Serge Gainsbourg, war das ziemlich egal. Er, so sagt man, habe sich über die Naivität seiner Interpretin köstlich amüsiert.

Die meisten Künstler wussten jedoch, was sie taten. Pop-Legende Prince besang in den 80ern in „Little Red Corvette“ keinen roten Sportwagen, sondern das weibliche Geschlechtsorgan. Um jenes Körperteil dreht es sich auch in Lady Gaga’s „Poker Face“. Jenes setze sie (oder ihre Vagina, wie sie mal in einem Interview sagte) nämlich immer auf, wenn sie mit einem Kerl im Bett liege und dieses in Wirklichkeit viel lieber mit einer Frau teilen wolle. Von wegen Kartenspiel.

Wer sich heute über Texte von Bushido und Konsorten aufregt, dem muss gesagt werden: Früher war es auch nicht besser, es wurde eben nur anders verpackt. Immer noch nicht überzeugt? Nehmen wir Elvis Presley. Geht es in „Jailhouse Rock“ wirklich nur um eine unschuldige Party unter Knastbrüdern? Oder hat die Textzeile „Little Joe was blowin’ on the slide trombone“ nicht am Ende doch eine homosexuelle Konnotation? Oder feiern die „Jailbirds“ vielleicht doch eher eine heterosexuelle Orgie? „Birds“ war damals unter anderem im amerikanischen Slang als Synonym für attraktive „Girls“ gebräuchlich. Fragen über Fragen. Und wer dachte, bei „(Let Me Be Your) Teddy Bear“ geht es nur ums Kuscheln, der dachte bei France Gall auch eher an die Lollies.

DRUGS
Nicht immer aber hat der doppelte Boden etwas mit Sex zu tun. Ein weit verbreitetes Motiv sind beispielsweise auch Drogen. Und weil es sich eben nur schlecht vermarkten lässt, wenn man das Kind beim Namen nennt, nutzen viele Künstler eben Codierungen, um Drogen und Drogenkonsum zu besingen. In „Never Let Me Down“ von Depeche Mode etwa geht es um das Drücken von Heroin, und nicht um Freundschaft, wie der eine oder andere falsch interpretierte.

Ein weiteres Beispiel ist der Beatles-Klassiker „Lucy In The Sky With Diamonds“ von 1967. Der Legende nach wurde John Lennon durch eine Zeichnung seines Sohns Julian zu diesem Song inspiriert. Weil sich der Songtitel aber mit „LSD“ abkürzen lässt, sind viele Fans der Meinung, dass es um Drogen geht.

Ähnlich wie Lennon immer verneinte, dass „Lucy In The Sky With Diamonds“ etwas mit LSD zu tun hatte, bestritten Peter, Paul and Mary, dass es in der Hippie-Hymne „Puff The Magic Dragon“ um Marihuana ging, und Bob Dylan kämpfte gegen Vorwürfe an, dass es sich bei seinem „Mr. Tambourine Man“ um einen Dealer handelte. Und was dachte sich Madonna dabei, als sie im vergangenen Jahr ein Album mit dem Titel „MDNA“ veröffentlichte? Ein einfaches Wortspiel? Oder doch eher eine Anspielung auf die Droge Ecstasy (MDMA)?

In „Angie“ (1973) von den Rolling Stones hingegen dreht es sich um Kokain. Das wusste man bei der CDU offensichtlich nicht, denn im Bundestagswahlkampf 2005 nutzte Angela Merkel den Song, um Werbung für sich zu machen. Ein Fauxpas ohne Folgen, gewählt wurde sie trotzdem. Peinlich war es allemal.

& POLITICS
Auch Horst Seehofer blamierte sich unlängst mit seiner auf Facebook veröffentlichten Wahlkampf-Songliste. Offenbar hatte der CSU-Chef keine Zeit, sich die Lieder in voller Länge anzuhören, und wählte allein nach dem Titel aus. Nur deshalb hat es wohl Fleetwood Macs „Don’t Stop Thinking About Tomorrow“ auf seine Playlist geschafft. Eigentlich wird in dem Song nämlich die Botschaft vermittelt, dass das Gestern nicht mehr zählt und morgen alles besser wird. Ein Lied, das den Wandel heraufbeschwört, die Hoffnung auf Veränderung. Unglückliche Wahl für jemanden, der sicher keinen politischen Machtwechsel in Deutschland will.

Den schlimmsten Fehlgriff leistete sich einst US-Präsident Ronald Reagan, als er Bruce Springsteens „Born In the U.S.A.“ als Kampagnensong nutzen wollte – und dabei übersah, dass es sich nicht um eine Lobeshymne handelte, sondern um Kritik am Umgang der Regierung mit den Vietnam-Veteranen. Demokrat Springsteen tat dem Republikaner mit dem Verbot, seinen Song zu nutzen, da noch einen Gefallen.

Auf einer ganz anderen Ebene zweideutig ist Eddy Grants „Gimme Hope, Jo’anna“ aus dem Jahr 1988. In dem mitreißenden Song mit seinem karibischen Flair besingt Grant eine Joanna, die ihm Hoffnung geben soll „bis der Morgen kommt“. Tatsächlich ist Joanna aber keine Frau, wie man annehmen könnte, sondern die südafrikanische Stadt Johannesburg. Grant kritisierte in dem Song das Apartheidsregime und brachte seine Hoffnung auf ein Ende der Rassentrennung zum Ausdruck.

Ebenso missverstanden wird „Happy Birthday“ (1980) von Stevie Wonder, das auf keiner Geburtstagsfete fehlen darf und so von seiner eigentlichen Bestimmung entfremdet wurde. In dem Lied fordert Wonder nämlich einen Gedenktag für den 1968 ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King ein. Sechs Jahre später sollte seine Forderung umgesetzt werden, seither wird die politische Dimension des Songs weithin ignoriert.
 
Text: Benjamin Fiege

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