Live: Russell Brand

Russell Brand (foto: wikipedia/eva rinaldi)

Russell Brand (foto: wikipedia/eva rinaldi)

Was ist dran an diesem Mann? Unsere Kollegin Lin Franca Brylla ging dem Phänomen Russell Brand bei dessen Auftritt in der Frankfurter Jahrhunderthalle auf die Spur.

„Gott ist tot“, zitierte Russell Brand Friedrich Nietzsche am Anfang seines „Messiah Complex“ Programmes und nahm uns danach mit auf einen Trip durch seine Gedankenwelt, die sich zwar nicht nur um ihn selbst und seine Freude an der Ausübung fleischlicher Lüste dreht – böse Zungen nennen Brand immer wieder einen hoffnungslosen Egozentriker und betonen seine (ehemalige) Sexsucht –, aber immerhin doch zu einem guten Teil. Gott sei Dank!

Zu den Klängen von Depeche Modes „Personal Jesus“ schritt Russell Brand auf die Bühne und die Spannung in der voll besetzten Jahrhunderthalle war spürbar. Es ist schwer zu glauben, und noch schwerer zu beschreiben, welch ein Charisma dieser Mann besitzt; entledigt er sich eines Kleidungsstückes, denkt man unwillkürlich „… und jetzt bitteschön noch das nächste“, nur um sich anschließend zu fragen: „Wieso um alles in der Welt habe ich das eben gedacht?“. Wo Russell Brand atmet, liegt Sex in der Luft. Aber schließlich waren wir gekommen, um zuzuhören und nicht (nur), um zu gucken. Was angesichts seiner ledernen Beinbekleidung zugegebenermaßen anfangs äußerst schwer fiel … Und dann wagte er sich auch noch ins Publikum, stieg vom Himmel … Moment … von der Bühne herab und plauderte mit den Anwesenden, als wäre er gekommen, um uns kennenzulernen und nicht umgekehrt (die Frage, über was genau in dieser Zeit gequatscht wurde, kann ich leider nicht beantworten, da ich jene 30 Minuten damit verbrachte, mir auszumalen, wo genau ich Russell anfassen würde, was ich Russell sagen würde, wenn er zu mir käme).

Aber der Mann hat ja eine Mission, daher stieg er nach einiger Zeit wieder rauf und begann, uns (seinen?) Messiah Complex näher zu bringen: Anhand seiner Idole – Che Guevara, Mahatma Gandhi, Malcolm X und Jesus Christus – und  Szenen aus seinem eigenen Leben erklärte Brand, dass die Menschheit sich nach dem Tod der Religion ständig nach neuen Vorbildern – beispielsweise eben jenen Idolen oder Prominenten wie Brand selbst – sehnt. Er enthüllte in knapp 90 Minuten seine Gedanken zu Philosophie und Politik, er setzte sich kritisch mit der Rolle der Medien und der Werbung auseinander – und nicht zuletzt war er umwerfend komisch. Und das nicht nur während er seine liebsten Sexualpraktiken offenbarte und jene melodiös und gestenreich darstellte: irgendwie hat dieser Fuchs ja geahnt, dass wir schon immer mal wissen wollten, wie er eine Frau oral zum Höhepunkt bringen kann und wie sich aus seiner Sicht ein weiblicher Orgasmus anhört.

Wie er das alles in anderthalb Stunden schaffte? Nun, er ist eben Russell Brand und bekannt dafür, schnell, ausschweifend und pointiert zu reden. Wie wir es schafften, da mitzukommen? Glücklicherweise nahm er Rücksicht auf uns. Brand machte stets Pausen, hielt inne, fragte sich „where is my point?“, ohne selbst diese Auszeit zu brauchen. Entgegenkommend wartete er, bis wir immer wieder hinterher gekommen waren.

Am Ende seiner Show war die Schlange an den Spiegeln der Waschraumtoiletten unübersehbar lang und der Aufwand, sich einigermaßen wieder die Haare zu richten verhältnismäßig hoch – immerhin sieht und hört man nicht jeden Tag einen Mann wie Russell Brand derart offen über Sexualität reden. Fazit: Dies ist nicht das Jahr „0 nach Russell“. Aber jeder, der nach der zweistündigen Darbietung nach Hause fuhr, fühlte sich erstaunlich gut, ob mit oder ohne Zigarette hinterher.

Text: Lin Franca Brylla

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