Neu im Bücherregal: Stephen King: Joyland

Roman-Cover (foto: verlag)
Der Horror des eigenen Herbstes
Grusel-Altmeister Stephen King legt mit „Joyland“ zwar nicht seinen besten, aber einen überzeugenden Roman vor
 
Es war im Jahr 2000, da war Horror-Altmeister Stephen King ein Pionier der digitalen Literatur. Mit „Riding the Bullet“ veröffentlichte er als einer der ersten namhaften Autoren ein Werk ausschließlich im Internet. Sein neuer Roman „Joyland“ erscheint indes nur gedruckt. King will die Menschen, ganz alte Schule, wieder in die analogen Buchhandlungen locken.Gut, die Idee klingt zwar sehr romantisch, hat aber einen Haken: Denn Bücher in Printform sind natürlich auch über das Internet erhältlich. Und so ist die Unterstützung traditioneller Buchhandlungen nicht der einzige Grund, das Werk ausschließlich gedruckt zu veröffentlichen. „Manche Geschichten verlangen einfach danach, in einer gewissen Art und Weise erlebt zu werden“, sagt King-Verleger Charles Ardai (Hard Case Crime). Print Only, Tinte auf Papier und keine Pixel auf dem Monitor, das habe den nostalgischen Geschmack des Gestrigen, findet er. Und eben dieser ist für die Lektüre von „Joyland“ genau richtig.Schließlich handelt es sich um die bittersüßen Jugenderinnerungen des als Ich-Erzähler auftretenden, 61 Jahre alten Devin Jones. Dieser nimmt den Leser mit in den Spätsommer des Jahres 1973. Jones ist da nicht nur Jungfrau, sondern auch ein 21-jähriger Student, der sich sein Studium durch einen Job im Vergnügungspark „Joyland“ zu finanzieren versucht. Keine einfache Zeit für Devin, dessen Beziehung zu seiner ersten großen Liebe Wendy gerade in die Brüche geht. Und so stürzt er sich in Arbeit und findet nicht nur Ablenkung im, sondern auch Gefallen am Schaustellerleben. Die Romantik des Rummels, Spaß und Glück zu verkaufen, hat es Devin angetan.

Auch, dass einst eine Frau in der Geisterbahn grausam ermordet wurde und diese nun dort spuken soll, kann ihn nicht schrecken. Stattdessen beginnt er sich dafür zu interessieren, wer der Mörder gewesen sein könnte. Dabei bekommt er nicht nur Unterstützung von Kollegen, sondern auch von einem Jungen, der das zweite Gesicht hat …

Fans entdecken in „Joyland“ einige typische King-Elemente wie etwa das Kind mit den übernatürlichen Fähigkeiten und das Gespenst. Dennoch handelt es sich bei dem Roman nicht um einen typischen King. Das Werk ist weniger dem Horror-Genre zuzuordnen, sondern vielmehr ein Mystery-Krimi, eine klassische „Whodunit“(„Wer-hat-es-getan?“)-Story, die den Grusel nur streift.

Der subtile Horror liegt in der Erkenntnis, dass die Uhr schneller abläuft, als man es sich selbst eingestehen mag. Tick, tack, tick, tack – plötzlich ist man nicht mehr 21, sondern 61, hat zwar die „erste Runde Prostatakrebs überlebt“, aber die Wunde, die einem die erste Liebe zugefügt hat, fühlt sich an, als sei sie einem erst gestern ins Herz geschnitten worden. Der eigene Herbst, so die Botschaft, ist schneller da, als man denkt: Also gehet hin und nutzet den Sommer.

„Joyland“ kommt mit seinen 352 Seiten in der deutschen Übersetzung – im englischen Original sind’s sogar noch weniger – deutlich kürzer daher, als man es von Stephen King erwarten würde. Immerhin wird dem Altmeister ja ein gewisser Hang zum opulenten Erzählen nachgesagt. Böse Zungen würden es Geschwätzigkeit nennen. Zwar bemüht sich King um Verdichtung, dennoch kann er nicht ganz aus seiner Haut und schweift ein ums andere Mal ab. Aber auch das passt in diesem Kontext zur Grundstimmung des sentimentalen Erzählers und stört den Lesegenuss nicht.

„Joyland“ wird nicht als eines der großen Meisterwerke in Kings Werkverzeichnis eingehen – dazu hat er selbst die Messlatte viel zu hoch gelegt -, aber als lesenswerter und unterhaltsamer Roman, der Vorfreude auf Kings nächstes Werk „Doctor Sleep“ macht, das noch in diesem Jahr erscheinen und eine Fortsetzung des Klassikers „Shining“ sein soll. Und das sich dann laut Aussage Kings wieder deutlicher am Horror orientieren wird.

Stephen King: „Joyland“; Roman; aus dem Englischen von Hannes Riffel; Heyne Verlag, München 2013; 352 Seiten; 19,99 Euro.
Text: Benjamin Fiege

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