Reinhard Kleist – Nick Cave. Mercy On Me.

Nick Cave (foto: carlsen verlag/illustration: reinhard kleist)

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Musik und Comics – das ist oft eine funktionierende Verbindung. Vor allem dann, wenn der Zeichner Reinhard Kleist seine Finger im Spiel hat. Nach Johnny Cash und Elvis Presley widmet sich der Gute nun dem australischen Tausendsassa Nick Cave. „Nick Cave. Mercy On Me“ ist gerade im Carlsen-Verlag erschienen.

Es gibt ja offenbar irgendwie nichts, was Nick Cave nicht kann. Ob als Musiker, als Schriftsteller oder Schauspieler – der stets etwas düster daher kommende Künstler aus Down Under, der in wenigen Tagen 60 Jahre alt wird, hat in verschiedenen kreativen Bereichen seine Spuren hinterlassen. Längst ist Cave eine lebende Legende geworden. Klar, dass die Geschichte eines solchen Mannes, der seine Kunst aus der Enge eines australischen Provinznests in die große weite Welt trug und dabei so mache Hürde zu überwinden hatte, gar nicht oft genug erzählt werden kann.

Reinhard Kleist wählt für „Nick Cave – Mercy On Me“ aber keinen rein biografischen Ansatz. Stattdessen versucht er, biografische Fakten mit Lyrics aus den Songs des Ausnahmekünstlers zu vermengen, und nimmt sich so natürlich die eine oder andere künstlerische Freiheit raus. Dem „Deutschlandfunk“ sagte Kleist:  „Ich hab mir schon viele Freiheiten da genommen, denn es geht ja primär nun um diese Beziehung zwischen dem, was er als Künstler geschaffen hat, auch die Figuren, die er geschaffen hat, die ja in meiner Geschichte lebendig werden und mit ihm hart ins Gericht gehen.“

Mit viel Liebe widmet sich Kleist, selbst ein großer Cave-Fan, vor allem den frühen Jahren des düsteren Meisters, den Punk-Anfängen in Australien, der Übersiedelung nach London, wo The Boys Next Door anfangs Anpassungsprobleme haben („Diese Punker, ich dachte, das wäre Mal vorbei“, sagt eine ältere Frau etwa naserümpfend), weil dort Punk schon längst wieder out ist. Natürlich sieht sich die Band auch mit jeder Menge Vorurteilen konfrontiert. „Ah. Wirklich? Aus Australien. Macht ihr was mit Didgeridoos?“, verulkt sie etwa ein Clubbesitzer.

Dann Berlin. Abgründe. Suchtprobleme. Entzug. Die Trennung von Anita Lane, seiner Muse (sehr eindringlich mit dem Song „Where The Wild Roses Grow“ verknüpft). Das erste Aufeinandertreffen mit Blixa Bargeld. Die Gründung der Bad Seeds. Die Jahre in Brasilien. Dann endlich: die Anerkennung als Künstler.

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Kleist zeichnet das Ganze komplett in Schwarz-Weiß, mit expressivem, aber klarem, kantigen Strich. Cave selbst hat dem Projekt sein OK gegeben, hat es wohlwollend begleitet und dem Werk sogar einen Klappentext spendiert. „Ich habe Elisa Day nicht getötet“, stellt er da am Ende fest. Damit wäre das auch gerade gerückt. Vieles andere lässt Cave jedoch so stehen. Seine Darstellung ist ambivalent, Kleist zeichnet ihn als Heldenfigur, aber auch als innerlich zerrissenen Mann. Als einen talentierten Poeten, der aber dann und wann Arroganz-Anfälle bekommt. Aber er schont ihn auch: Private Dramen wie der Tod von Caves Sohn im Jahr 2015 werden ausgespart.

Nick Cave (foto: carlsen/reinhard kleist)

Wer noch mehr Lust auf Kleist und Cave hat, dem sei das parallel bei Carlsen erschienene „Nick Cave & the Bad Seeds“-Artbook im Schallplattenformat ans Herz gelegt. In diesen höchst interessanten Werk finden sich verworfene Seiten aus dem „Mercy On Me“-Comic, Porträts, Studien, Experimente und Song-Illustrationen wieder. Zum Großteil nutzt Kleist hier sogar die Farbe als Ausdrucksmittel. Funktioniert vor allem als Ergänzung zum Cave-Comic.

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