Neu im Bücherregal: Jarvis Cocker – Mother, Brother, Lover

Jarvis Cocker (foto: Chin Tin Tin/Wikipedia Commons

Jarvis Cocker wird in diesem Monat 50 Jahre alt. Da passt es gut, dass jetzt eine einem Gedichtband ähnelnde Songtext-Sammlung des legendären Musikers von der Band Pulp erscheint. „Mother, Brother, Lover“ heißt das Werk, das 25 Jahre seines Schaffens zusammenfasst. 
Jarvis Cocker kennt sich bekannterweise mit Unverschämtheiten aus. Wir erinnern uns, im Jahr 1996 war es, als der Pulp-Frontmann für große Aufregung sorgte. Bei den Brit Awards stürmte der ebenso schlaksige wie legendäre Sänger die Bühne, als Michael Jackson gerade seinen „Earth Song“ sang. Und dann fing der blasse Jarvis auch noch an, die dort anwesenden Kinder herumzuschubsen und ihnen seinen Hintern zu zeigen. Böse! Jetzt, 17 Jahre später, bemüht Cocker seinen Allerwertesten sozusagen wieder, und – um im Bild zu bleiben – springt mit eben diesem jenen Leuten ins Gesicht, die sagen, dass Songtexte und literarische Qualität nichts miteinander gemein haben. Veröffentlichte er doch im Vereinigten Königreich sein Buch „Mother, Brother, Lover“ ausgerechnet in einem Verlag, der vor allem literarische Lichtgestalten wie T. S. Eliot oder Seamus Heaney publiziert.

Aber, alles halb so wild: Zwar teilt sich Cocker nun einen Verlag (Faber & Faber) mit den genannten Größen, auf einer Stufe mit ihnen stellt sich der Brit-Popper jedoch nicht. Songtexte seien ihm zunächst ja auch gar nicht wichtig gewesen, behauptet er. Texten, das war nie sein Traum. Ganz zu Beginn habe es sich eher angefühlt wie Hausaufgabenmachen. Sie waren eben ein notwendiges Übel. Er sehe sich dementsprechend auch nicht als Poet, schreibt er im Vorwort seines Buches, und seine Texte ergo auch nicht als Poesie, sondern, ganz simpel, als Worte zu einem Song.

Das mag Pulp-Fans überraschen, hatte man doch immer den Eindruck, dass die Texte dieser Band, die in den 1990ern mit Hits wie „Common People“ eine ganze Ära prägte, doch anders, doch irgendwie wichtig gewesen seien.

Doch auch wenn Cocker im Vorwort mächtig tiefstapelt: Es sieht schon stark nach Gedichtband aus, was der Gute da vorgelegt hat. Der Einband, die Art und Weise, wie die Texte gesetzt sind. Und somit eben doch präsentiert werden, als seien sie unglaublich wichtig. Wie passt das zusammen? Dieses Problem, so schreibt Jarvis denn auch, sei ihm schon bewusst. Die Texte zwischen den Buchdeckeln, sie stellen, so herausgerissen aus der Musik, ein eigenständiges, geschriebenes Werk dar. Doch, so Cocker, eben keine Poesie.

Am ehesten könne er sich noch damit anfreunden, die chronologisch angeordneten Texte als ein Tagebuch zu verstehen, als Aufzeichnung seiner persönlichen Entwicklung. Von den Anfängen in Sheffield über die Pubertät bis zu den großen Erfolgen und darüber hinaus: Cocker bestreitet nicht, dass in den Texten eine Menge von ihm selbst steckt: „Aus welchem Grund auch immer waren meine Lyrics stets narrativ. Manchmal würde ich gerne davon loskommen (…), aber immer wenn ich das versucht habe, war es ein Desaster.“

Trotz der Tiefstapelei wird es Kritiker geben, die Cocker aufgrund der Veröffentlichung solch einer Zusammenstellung Eitelkeit vorwerfen. Wer Cockers Solo-Alben oder Pulp nicht mag, wird hier wohl eher auch nicht zugreifen. So ganz eigenständig stehen die abgedruckten Songtexte dann eben doch nicht. Fans aber werden diese Sammlung lieben, die aufgrund diverser Anmerkungen (Liner Notes) Cockers auch ein gelungenes Nachschlagewerk ist – vielleicht gar auch zum Englischlernen.

Ach ja, warum das Werk den Titel „Mother, Brother, Lover“ trägt? Cocker: „Während ich für diese Publikation noch mal alle Lyrics durchsah, war ich erschrocken, wie häufig ich dieses spezifische Reimschema verwendet habe.“ Und zog daraus die richtige Erkenntnis: „Verwandle deine Defizite in Verkaufsargumente.“

Jarvis Cocker: „Mother, Brother, Lover. Lyrics“; zweisprachige Ausgabe (aus dem Englischen von Michael Kerkmann); Berlin Verlag; 352 Seiten; 19,99 Euro.
 
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.