Neu im Plattenschrank: Juli 2014

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Y’akoto – Moody Blues

Label: Warner VÖ: 2014

Vergleiche sollte man als Schreiberling scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Und so werden wir in dieser Rezension nicht der Versuchung erliegen, Y’akoto mit Größen wie Billie Holiday, Nina Simone oder Erykah Badu zu vergleichen. Wurde schon zu oft getan, und schließlich wird ein solches Name Dropping eher bei Debütanten zwecks leichterer Einordnung betrieben. Für Jennifer Yaa Akoto Kieck alias Y’akoto ist es jedoch mittlerweile bereits das zweite Album, ein Grünschnabel ist sie nicht mehr. Wenn man unbedingt einen Vergleich ziehen wollte, so müsste man jetzt sagen: Y’akoto klingt auf „Moody Blues“ wie … Y’akoto. Nahtlos knüpft sie mit „Moody Blues“ nämlich an „Babyblues“ an, jenem Album, das ihr 2012 zum Durchbruch verhalf – und ihr international hervorragende Kritiken einbrachte. Wieder ist er zu hören, der typische Y’akoto-Sound, diese erdige Mischung aus Folk, Pop, Singer/Songwriter-Stuff, Soul und afrikanischen Einschlägen. Und wieder verweilt Y’akoto nicht nur bei den typischen Herzschmerz-Themen, sondern schürft auch mal ein bisschen tiefer. Besang sie auf „Babyblues“ in „Tamba“ noch Kindersoldaten, geht es auch auf „Moody Blues“ um andere unbequeme Themen: In „Mother and Son“ stellt sie fest, dass viele Söhne ohne Väter aufwachsen, in „Come Down To The River“ setzt sie sich mit dem Thema „Selbstmord“ auseinander. Unterstützt wurde Y’akoto wieder von Max Herre und Kahedi (Samon Kawamura, Roberto Di Gioia) sowie Mocky, Haze und dem Londoner Produzenten Ben Cullum. Als erste Single wurde „Perfect Timing“ ausgewählt. Ein Song, in dem es um den perfekten Augenblick geht, der jedoch weniger ein Moment als ein Gefühl zu sein scheint. Einem Gefühl, dem man vielleicht nicht zwanghaft hinterher jagen sollte. Die Sängerin: „Es geht vielmehr darum, sich davon frei zu machen, sich treiben zu lassen. Denn dann entstehen solche besonderen Momente ganz von selbst.“

(Unser 2012 entstandenes Y’akoto-Porträt könnt ihr hier lesen.)

Fazit: Besondere Momente? Entstehen vor allem dann, wenn man Y’akotos neuer Platte lauscht.

Anspieltipps: Come Down To The River, Perfect Timing, Off The Boat, Tobo Darling

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Rhonda – Raw Love

Label: PIAS VÖ: 2014

Es ist schon ein paar Jahre her, da erlebten die europäischen Charts eine regelrechte Retro-Soul-Welle. Diese schien mittlerweile verebbt: Amy Winehouse ist tot, Adele (zeitweise) verstummt, und wer war noch mal Duffy? Nun schickt sich aber eine Hamburger Band an, nochmals auf dieser Welle zu surfen. Rhonda heißt das fünfköpfige Ensemble, das sich 2012 gegründet hat, aber beileibe keine Greenhorn-Versammlung ist. Die meisten Mitglieder haben schon in anderen bekannten Bands wie den Trashmonkeys gespielt. Bei Rhonda widmen sie sich nun einem an den 60er-Jahren orientierten Vintage-Sound, der an Dusty Springfield, die Ronettes und Winehouse erinnert. Der steht und fällt mit der ausgezeichneten Stimme von Sängerin Milo Milone. Insgesamt ein gelungenes Werk, dass – dem Albumtitel entsprechend – dann und wann aber gern noch etwas roher, unsauberer klingen dürfte.

Fazit: Retro lebt.

Anspieltipps: Camera, That’s how I roll

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Stu Larsen – Vagabond

Label: Warner VÖ: 2014

„Vagabund“, „Gypsy“, „Troubadour“ – es sind diese Begriffe, mit denen Stu Larsen gemeinhin beschrieben wird, seit sich der australische Barde aus dem Staub gemacht hat. Raus aus Queensland, raus in die große weite Welt, jegliche Normalität hinter sich lassend. Seitdem ist der Folk-Songwriter auf Tour. Australien, Neuseeland, Japan, England, Europa und Nordamerika. Und irgendwie hat der Gute sogar die Zeit gefunden, sein Debüt vorzulegen: Larsen hat in Sydney sein erstes Album mit dem so treffenden Titel „Vagabond“ aufgenommen, produziert übrigens von keinem Geringeren als Mike Rosenberg aka Passenger. Es handelt von Abenteuern, von Einsamkeit, Fernweh und Entdeckungen. Dem Sich-Treiben-Lassen. Musikalisch möchte man Larsen am liebsten irgendwo zwischen Jackson Browne und Simon & Garfunkel verorten. Wenn er denn nicht so schwer zu finden wäre, der Vagabund …

Fazit: Aufstöbern und genießen.

Anspieltipps: King Street, Thirteen Sad Farwells, Ferry To Dublin

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Carol & The Fall – Evolver (EP)

Label: BRM Bosworth Music VÖ: 2014

Mit singenden Schauspielern ist das ja so eine Sache. Hierzulande hat man da zumeist schlechte Erfahrungen gemacht (Biedermann, Catterfeld, anyone?) und sich über die Jahre so seine Vorurteile aufgebaut und gepflegt. Und dann kommt da plötzlich eine Schweizerin daher und fängt an, an diesen zu rütteln. Carol Schuler ist ihr Name, einst ein gefeierter Kinderstar bei den Eidgenossen, später Tatort-Leiche und auf jeden Fall eine gute Sängerin. Das beweist sie auf „Evolver“, einer EP ihres Projekts „Carol & The Fall“, zu dem außerdem auch der österreichische Songwriter Andy Fall gehört. Kennengelernt haben sich die beiden in Berlin bei einer Jam-Session, beide leben mittlerweile in der deutschen Hauptstadt. Pop, und Rock, eingängige Melodien und haftenbleibende Stimmen – das ist die Mischung, mit der das Duo auf den vier Tracks zu überzeugen weiß.

Fazit: Vielversprechend.

Anspieltipps: Evolver

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Digitaria – Night Falls Again

Label: Hot Creations VÖ: 2014

Digitaria, das sind Daniela Caldellas und Daniel Albinati, ein brasilianisches Duo, das sich vor rund einer Dekade (gesucht und?) gefunden hat. Ursprünglich hatten die beiden noch zwei Mitstreiter, veröffentlichten als Quartett 2006 auch ein Album, aber bereits beim Nachfolger bestand die Band nur noch aus den beiden. Caldellas und Albinati leben die Idee, dass elektronische Musik keine Grenzen haben sollte, wirbt die Plattenfirma. Und doch haben die beiden Südamerikaner über die Jahre musikalische Pfade eingetrampelt, die sie auch auf „Night Falls Again“ nicht verlassen. Ist aber nicht schlimm, wenn am Ende ein gelungenes House-Album herauskommt, von dem jeder Track gut und gerne als Single veröffentlicht werden könnte.

Fazit: Der Dancefloor ruft.

Anspieltipps: Favourite Addiction, Shine

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Phox – Phox

Label: Partisan Records VÖ: 2014

Es gibt Band-Selbstbeschreibungen, denen möchte man eigentlich gar nicht mehr allzu viel hinzufügen. Die von Phox ist so eine. „PHOX sind einfach ein paar Freunde aus der Kleinstadt Baraboo/Wisconsin im mittleren Westen der USA. Ein Ort, wo Kids oft schmutziges Grundwasser trinken, so dass sie zu Mutanten werden. Unsere Musik streift auf der einen Seite Feist, auf der anderen Seite Monty Python“. In der Tat stammen die Musiker der Folk-Pop-Combo Phox aus besagter Kleinstadt, ob die sechs Musiker in ihren jungen Jahren jedoch tatsächlich schmutziges Grundwasser trinken mussten, ist nicht überliefert.  Wenn derlei hygienische Missstände allerdings verantwortlich sein sollten für die einzigartige, soulige, ja, honigumantelte Stimme von Sängerin Monica Martin, dann sollte man das schmutzige Nass in Flaschen abfüllen und verkaufen. Kaum zu glauben, dass die Sängerin erst mühsam überzeugt werden musste, um vor ein Mikrofon zu treten. Abgerundet wird der positive Gesamteindruck von den karibischen Rhythmen, die sich in die farbenfrohen Arrangements eingeschlichen haben.

Fazit: Charming.

Anspieltipps: Slow Motion, Leisure

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Grant Nicholas – Yorktown Heights

Label: Popping Candy VÖ: 2014

Es ist doch irgendwie meistens so: Irgendwann kommt der Zeitpunkt im Leben einer jeden Band, an dem ein Mitglied mal was gänzlich Neues ausprobieren will. Mehr Autonomie genießen will. Grant Nicholas dürfte den meisten eher als Frontmann der UK-Rocker von Feeder bekannt sein. Mit „Yorktown Heights“ wandelt der Songwriter aber nun erstmals auf Solopfaden. Mit immerhin 46 Jahren. Auf sein Erstlingswerk packte Nicholas 13 Tracks – allesamt selbst geschrieben, gespielt und produziert. „I felt it was time to bare my soul and let people hear my songs in a more acoustic way“, erklärt Nicholas. „I grew up listening to a lot of acoustic based artists from the ’60s and ’70s and I really wanted to make an album that touched on what I loved about the honesty and warmth of those records.“ Das gelingt dem Mann ausgesprochen gut, die Songs strahlen tatsächlich eine gewisse melancholische Wärme, ja, eine gewisse Authentizität aus. Da werden Feeder-Fans, denen es angst und bange um das Fortbestehen der Kapelle (mehr als drei Millionen Album-Verkäufe) ist, möglicherweise widersprechen, aber: Kann so weitermachen, der Gute.

Fazit: Manchmal lohnt es sich, neue Wege zu gehen.

Anspieltipps: Soul Mates, Hitori, Tall Trees, Isolation

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The Sigourney Weavers – Blockbuster

Label: Rookie Records VÖ: 2014

Aufmerksamen Lesern dieser Rubrik wird es nicht entgangen sein: Die Sigourney Weavers hatten wir an dieser Stelle schon mal besprochen. Damals hatten uns die Jungs ihre EP als Appetizer zugeschickt und uns damit schon mächtig Appetit auf ihr Debütalbum gemacht. Das liegt mit „Blockbuster“ nun endlich vor. Etwas kurz geraten ist das Ding mit 37 Minuten zwar schon, aber warum unnötig in die Länge ziehen, dachten sich die Schweden wohl. Was die EP versprochen hat, hält das Album der Skandinavier auf jeden Fall: eingängige Melodien, einen gelungenen Mix aus Rock-, Pop- und sogar Punk-Elementen. Das zwiebelt, geht aber nicht ohne den Hauch obligatorischer schwedischer Schwermut ab, der dann und wann die Tracks umweht. Leadsänger Robert Jansson: „Der Norden Schwedens ist bekannt für eine ihm eigene Art von Traurigkeit, die über allem liegt. Und wahrscheinlich hört man eben das in unserer Musik.“ Tut man.

Fazit: Hoffen immer noch auf eine Umbenennung in The Bill Murrays, sind der Mucke aber dennoch wohlgesonnen.

Anspieltipps: Passenger, Revolver

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Old 97’s – Most Messed Up

Label: ATO/PIAS Coop. VÖ: 2014

Old 97’s sind nun schon ein paar Montage dabei: Seit 20 Jahren lassen es Rhett Miller & Co. bereits krachen und mixen erdiges, country-orientiertes Songwriting mit Punk-Rock-Attitüde. The Clash meet Cash sozusagen. Alternative Country sagt man dazu, die „New York Times“ adelte das Debüt „Too Far To Care“ dereinst als Eckpfeiler des Genres. Ihr zehntes Album „Most Messed Up“ ist vielleicht kein Eckpfeiler ihres Schaffens, aber eine durchaus gelungene Scheibe, die den Sound der Anfangsphase der Band mit dem der Grand-Theatre-Zeit verbindet. Tommy Stinson (The Replacements) und Jon Rauhouse (Neko Case) geben sich als Gastmusiker die Ehre. Und die Stimme von Rhett Miller ähnelt irgendwie immer mehr der Tom Pettys.

Fazit: Rumpelt wie zu besten Zeiten.

Anspieltipps: This Is The Ballad, Wheels Off

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The Raveonettes – Pe’ahi

Label: Beat Dies Records VÖ: 2014

Pe’ahi ist ein Ort an der Nordküste der hawaiianischen Insel Maui, nach dem eine Surfer-Location mit gefährlichen Wellen benannt wurde. Wie kommt nun eine dänische Garage-Rock-Kapelle dazu, ihr Album  nach solch einem Spot zu benennen? Gut, zum einen wird die Musik der Raveonettes dann und wann in die Surfer-Mucke-Schublade gesteckt. Geschenkt. Produzent Justin Meldal-Johnson sieht da aber noch eine Parallele: Während der Arbeit an dem Album habe man sich wie von einer Welle weggespült gefühlt: „The music and its emotional effects are in real control, not the listener.“ Das Album könne einen in luftige Höhen tragen, dann aber schnell wieder nach unten reißen. Klingt alles sehr gut, aber der Mann ist natürlich auch nicht ganz unvoreingenommen. Wir schon, und wir können sagen: „Pe’ahi“ klingt nicht wie jede andere daher gelaufene Raveonettes-Platte. Diesmal haben die Dänen mehr Wert auf Instrumentierung und Effekte gelegt. Das Songwriting scheint persönlicher als je zuvor, was daran liegen mag, dass Sun Rose Wagners Vater zur Zeit der Aufnahme unerwartet verstarb. Wagner verarbeitet den Tod auf der CD und gewährt einen relativ intimen Einblick in ihr Seelenleben.

Fazit: Nimmt einen gefangen. Spannend, wohin die Reise für die Raveonettes danach musikalisch weitergeht.

Anspieltipps: Wake Me Up, Summer Ends

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Vena Portae – Vena Portae

Label: Humble Soul Records VÖ: 2014

Die Vena Portae, zu deutsch: Pfortader, ist das Portalgefäß, das sauerstoffarmes, nährstoffreiches Blut in die Leber transportiert. Wie man auf die Idee kommt, seine Kapelle so zu nennen? „The band were inspired by ideas of roads, rivers, veins, portals, creative openings, connections between people, places and life force.“ Klingt ein bisschen hochtrabend, allerdings versteckt sich hinter Vena Portae eine erdige anglo-schwedische Alt-Folk-Band, die auf ihrem Debütalbum zu überzeugen weiß. Vor allem durch das unter die Haut gehende „Summer Kills“. Melancholische laid-back-Melodien, simples Songwriting erwarten den Zuhörer ansonsten, wobei Sängerin Emily Barker, Multi-Instrumentalist Ruben Engzell und Singer/Songwriter Dom Coyote ein regelrechtes Live-Feeling auf der Platte erzeugen.

Fazit: Keineswegs blutleer.

Anspieltipps: Summer Kills

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Wildest Dreams – Wildest Dreams

Label: Smalltown Supersound VÖ: 2014

Inspiriert durch Los Angeles und seine Umgebung, produziert für „your road and acid trip“, so bezeichnen Wildest Dreams ihre Musik. Die Band ist eine Kopfgeburt des Multiinstrumentalisten DJ Harvey und hat das vorliegende Machwerk vor ein paar Jahren innerhalb nur einer Woche eingespielt. Das Label Smalltown Supersound hat das Ding wieder ausgegraben. Und was es da zu Tage gefördert hat, klingt wie ein unwirklicher Soundtrack zu einem Biker Movie. Ein wilder Ritt, perfekter kalifornischer Rock mit Retro-Charme. Und das von einem, der über seine Musik sagt: „You can’t understand the blues, until you’ve had your heart broken by a woman. And you can’t understand my music until you’ve had group sex on Ecstasy.“

Fazit: Schade, dass das Ding zwei Jahre lang in der Schublade lag.

Anspieltipps: Rollerskates, Last Ride

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The Town Heroes – Sunday Movies

Label: Rookie Records VÖ: 2014

„The Most noise two Cape Bretoners can make“, heißt es augenzwinkernd in der Pressemitteilung und ja, Bruce Gillis (Gillis! Nicht Willis! Gillis!) und Mike Ryan lassen es gern krachen. Das Alternative-Rock-Duo aus dem kanadischen Halifax hat „Sunday Movies“ bereits 2013 in seiner Heimat auf den Markt gebracht, jetzt bringt Rookie Records die Scheibe auch hierzulande raus. Darauf zu hören: elf kraftvolle (aber auch gefühlvolle) Songs, geprägt vom Leben in der Kleinstadt, von Hoffnung und Konflikten, die man beim Älterwerden ertragen muss. In Kanada kam das Ding sehr gut an, das Duo hat Preise eingesackt (Rising Star bei den East Coast Music Awards) und Live-Erfahrung auf Festivals wie Great Escape in Brighton, Reeperbahn Festival in Hamburg, Summerfest in Milwaukee, Canadian Music Week in Toronto und Nova Scotia Music Week gesammelt. Im Oktober kommen die Jungs übrigens nach Deutschland.

Fazit: Geht gut rein.

Anspieltipps: New York City

Text: Benjamin Fiege