Neu im Plattenschrank: September 2014

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U2 – Songs of Innocence

Label: VÖ: 2014

Da staunten 500 Millionen von iTunes-Nutzern nicht schlecht: Plötzlich tauchte in ihrer Mediathek ein neues U2-Album auf. Kostenslos. Umsonst. Fer umme. Einfach so. Ein Marketing-Coup der Band und Apple, der für große Diskussionen sorgte, in denen mal wieder der Untergang des musikalischen Abendlandes prophezeit wurde. Und der irgendwie vom Kern der Sache, der Mucke, ablenkte. „Songs of Innocence“ (der Titel ist eine William-Blake-Referenz) ist dabei gar nicht mal so schlecht, wie es direkt wieder gemacht wurde. Der Auftakt holpert zwar ein wenig („The Miracle (Of Joey Ramone)“, „Every Breaking Wave“), insgesamt sind aber durchaus mindestens fünf brauchbare Lieder dabei. Schön: Auch Lykke Li ist mit von der Partie („The Troubles“). Physisch kommt das Werk Mitte Oktober heraus, dann auch noch mitsamt Acoustic-Versionen.

Fazit: Nette Überraschung, aber kein großer Wurf.

Anspieltipps: California (There Is No End To Love), Song For Someone

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Prince – Art Official Age

Label: Warner VÖ: 2014

Wir hatten es an dieser Stelle schon angekündigt: Prince ist zurück. Und er beginnt erst einmal mit einem Tadel. „There used to be a time when music was a spiritual healing 4 the body, soul, & mind.“ Der Körper, Sex, das war ja immer das große Thema von Prince, der die Welt in den Achtzigern mit Songs wie „Purple Rain“ und „Kiss“ verzückte, sich in den darauffolgenden Jahrzehnten vornehmlich mit seiner Plattenfirma zankte und das eine oder andere Mal seinen Künstlernamen wechselte. Nun ist er zurück bei Warner und widmet sich songtechnisch wieder Körpersäften. „Art Official Age“ ist ein klassisches Prince-Album geworden, produziert, arrangiert und komponiert vom Meister höchstpersönlich, wobei er in ihm bekannten Gewässern fischt: Eine Mischung aus Soul, Funk und R&B ist es, was der Mann aus Minnesota da zu Gehör bringt. Und über allem thront wie immer seine verführerische Stimme. Mit Lianne Le Havas hat er sich für „Clouds“ übrigens eine tolle Duett-Partnerin an Land gezogen. Dass er in der Ansprache an die heutige Popstar-Generation („You don’t need to be rude, you don’t need to be wild“) seine eigene Vergangenheit ein wenig verklärt (ignoriert)? Geschenkt.

Fazit: Kein Sign O’Times, kein Purple Rain – aber schön, dass er zurück ist.

Anspieltipps: Breakdown, The Gold Standard, Clouds

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Prince & 3rdeyegirl – Plectrumelectrum

Label: Warner VÖ: 2014

Erst war’s so lange still um ihn, jetzt gibt es die richtige Prince-Dröhnung. Zeitgleich zu „Art Official Age“ wirft der Sänger direkt ein zweites Album auf den Markt. Allerdings ist er bei diesem nicht allein: Mit von der Partie ist auf dem live und analog aufgenommenen „Plectrumelectrum“ die Girl-Band 3rdeyegirl, mit der Prince in diesem Jahr schon das eine oder andere überraschende Hit&Run-Konzert gab. Donna Grantis (Gitarre), Hannah Ford Welton (Drums) und Ida Nielsen (Bass) haben hier mit dem Pop-Großmeister eine richtige Funk-Rock-Platte geschaffen, die zwar dann und wann etwas überdreht ist, aber einfach richtig geil groovt und gerade bei „WOW“ Erinnerungen an Jimi Hendrix wachküsst.

Fazit: Fantastisch

Anspieltipps: WOW, Pretzelbodylogic, Whitecaps

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Ida Gard – Doors

Label: Oh My Gard VÖ: 2014

In Zeiten, in denen Hinz und Kunz in Casting-Shows rennen, um über diese Abkürzung 15 Minuten Scheinwerferlicht abzubekommen, geschieht es wohl nicht allzu oft, dass ein Musiker einen Vertrag eines Major Labels aus freien Stücken ablehnt. Ida Gard hat aber genau das getan, als ihr ein solches Angebot ins Haus flatterte, nachdem sie bei einem Radio-Wettbewerb gewonnen hatte, und einen Kickstart ins Musikbusiness hingelegt hatte. Das Angebot schien ihr irgendwie so, als würde sich jemand ein Lotto-Ticket kaufen wollen, nachdem dieses bereits den Jackpot geknackt hatte. Und so entschied sie sich stattdessen, ihre Karriere in Eigenregie aufzubauen. Mit diesem Konzept traf sie bei ihrem Debüt „Knees, Feet & The Parts We Don’t Speak Of“ voll ins Schwarze. In Dänemark läuft die Karriere wie’s Lottchen, sogar für Bob Dylan durfte Ida schon supporten. Nun also „Doors“, das zu einem großen Teil während eines dreimonatigen Aufenthalts in New York City entstanden ist. In diesen drei Monaten hat sie ihr Apartment in Brooklyn mit ihrer Gibson Les Paul geteilt – und ein paar Mäusen, von denen sie eine Hugh Jackman taufte, um weniger Angst vor ihr zu haben. Von den Mäusen hört man auf dem Album nix, wohl aber authentische, sarkastische und ja, auch schlüpfrige, Geschichten gepaart mit großartigem Songwriting.

Fazit: Kann man gerne ein paar Mäuse ausgeben für das Album.

Anspieltipps: Little Miss Vivian, Doors, Germany

 

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Ella Henderson – Chapter One

Label: Sony VÖ: 2014

Vor einiger Zeit haben wir euch hier den Hit „Ghost“ von Ella Henderson vorgestellt, der ja im Radio seit Monaten rauf und runter gespielt wird. Nun legt die Britin endlich das Album nach. „Chapter One“ heißt das gute Stück und es wird den Vorschusslorbeeren gerecht, die „Ghost“ (Platin!) eingeheimst hatte. Mit ihrem Smash-Hit steigt die Gute denn auch ein, der Höhepunkt des Albums ist er aber glücklicherweise nicht. Uns gefällt „Empire“ mit seinem unter die Haut gehenden Chorus, sowie „Mirror Man“ mit seiner bassline sogar noch besser. Oder „Hard Work“, das auch gut ins Repertoire von Sam Cooke hätte passen können. Am Ende ist bei den 13 Tracks kein negativer Ausreißer dabei, und „Missed“, der Song, mit dem sich Henderson bei „X Factor“ 2012 einen Namen machte, fehlt natürlich auch nicht. Kommt hier sogar noch etwas besser.

Fazit: Wohl eines der Pop-Alben des Jahres.

Anspieltipps: Ghost (wer’s noch nicht kennt), Empire, Mirror Man, Hard Work

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The Vaselines – V for Vaselines

Label: Rosary Music VÖ: 2014

Zugegeben, so wahnsinnig produktiv waren die schottischen Indie-Ikonen „The Vaselines“ eigentlich nie. Dafür waren die Phasen, in denen die Band Bestand hatte, eigentlich immer zu kurz.  „V for Vaselines“ ist erst das dritte Studio-Album der Band, die 1987 in Glasgow gegründet wurde, sich seither immer wieder trennt (unter anderem erstmals eine Woche nach Erscheinen ihres Debütalbums), wiedervereinigt – und sich dabei immerhin auf die Fahnen schreiben kann, die Lieblingsgruppe von Kurt Cobain gewesen zu sein. Dieser machte es zu einer kleinen Tradition, Songs der Schotten zu covern. So geschehen etwa beim legendären MTV-Unplugged-Konzert, bei dem Nirvana „Jesus Doesn’t Want Me For A Sunbeam“ spielten. „Für V for Vaselines“ haben sich nun die beiden Gründungsmitglieder Frances McKee und Eugene Kelly wieder zusammengefunden, sich  ein bisschen Unterstützung an Bord geholt (Tony Doogan) und sind in Mogwais Castle of Doom Studio ans Werk gegangen. Herausgekommen sind zehn Punk-Rock-Songs, die direkt ins Ohr gehen und einen Hinweis darauf geben, warum Cobain die Band so schätzte.

Fazit: Immerhin mal ein paar positive Nachrichten aus Schottland.

Anspieltipps: Crazy Lady, One Lost Year

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Oracles – Stanford Torus EP

Label: Clouds Hill VÖ: 2014

Der Legende nach wurde Oracles 2013 inmitten des schwülen Berliner Sommers in einem verrauchten, nur spärlich beleuchteten Zimmer gegründet. Ruckzuck war es Winter, die Band hatte die Aufnahmen zu ihrer ersten EP bereits im Kasten und lässt diese nun das Licht der Welt erblicken. Shoegaze, Psychedelia, kosmische Musik, Highlife und Afrobeat sind die Zutaten, die die Band in ihren sechs Tracks zu einer gefälligen Mischung anrührt. Und wo wir bei den Vaselines schon etwas Name Dropping betrieben haben, legen wir in dieser Rezension nun nach. Nicht Kurt Cobain, aber immerhin Pete Doherty zählt zu den Fans der Band. Man kennt sich, man schätzt sich aus gemeinsamen Tagen in den Clouds Hill Studios in Hamburg.

Fazit: Da passt alles zusammen.

Anspieltipps: Untitled, Melt Tonight, Gazing from Without

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J Moon – Melt

Label: Bosworth Recorded Music VÖ: 2014

Von Mailand verschlug es Jessica Einaudi, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen J Moon, dereinst nach Berlin. Wie eine Reise kommt einem auch „Melt“ vor, das Debütwerk der Italienerin, eine Reise jenseits der Grenzen der Vorstellung.  Das ist auch das Hauptthema der Platte, die der gelobten EP „Hidden Garden“ nachfolgt. Produziert von Federico Albanese, finden sich auf dem Erstling traditionelle Folk-Musik, Blues und Electronica, getragen von der geschmeidig-verführerischen Stimme von J Moon. Wunderbare Klanglandschaften.

Fazit: Vielversprechend.

Anspieltipps: Poison, Hidden Garden

 

 

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Kongos – Lunatic

Label: Epic Records VÖ: 2014

Sie sind mit großen Vorschusslorbeeren in dieses Jahr gestartet: Im Februar kürte die US-Ausgabe des Rolling Stone die Combo zu einer von zehn Bands, die man 2014 auf der Rechnung haben sollte. Kongos, das sind die vier Brüder Dylan (Bass, Gesang), Daniel (Gitarre, Gesang), Jesse (Drums, Percussion, Gesang) und Johnny (Akkordeon, Gesang, Keyboard). Es sind die Söhne des britisch-südafrikanischen Singer/Songwriters John Kongos, der in den Siebziger Jahren auf der Insel die Charts stürmte. Mit „Lunatic“ legt die Band nun ihr Debütalbum vor, eine Mischung aus Folk, Country, Rock, Blues und Pop, das im weiten Spannungsfeld zwischen U2 und Pink Floyd mäandert. „Wir machen Rock- und Popmusik, unsere zum Teil obskuren Einflüsse kommen vielleicht manchmal in unseren Soli zum Tragen“, erklärt die Band. Aber wir orientieren uns ganz klar an größeren Bands wie Daft Punk, Coldplay und Queens of the Stone Age.“

Fazit: Scheint, als hätte der Rolling Stone Recht behalten. Das Album könnte direkt der Durchbruch werden.

Anspieltipps: Come With Me Now, I’m Only Joking.

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Markéta Irglová – Muna

Label: Anti VÖ: 2014

Island ist momentan in aller Munde. Ein Sehnsuchtsort. Nicht zuletzt dank Of Monsters and Men, die auf dem Soundtrack zu „The Secret Life of Walter Mitty“ stark vertreten waren. Einem Film, der in so mancher Sequenz die schönen Ecken des Landes zeigt. Island, das ist mittlerweile auch die Heimat der oscar-prämierten Folk-Sängerin Markéta Irglová. Passend zum Titel „Muna“, das auf Isländsch so viel heißt wie „sich erinnern“, ist das neue Solo-Werk (das zweite) der tschechischen The-Swell-Season-Sängerin („Once“) ein nostalgiegeschwängertes, das mit enya-resken, mystischen Melodien aufwartet und immer aufpassen muss, nicht die Grenze zur Überproduktion zu überschreiten. Mal gelingt das, mal wieder nicht. „Fortune Teller“, mit seinen iranischen Einflüssen, ist da so ein Grenzfall.

Fazit: Ganz nett, aber ab und an überfrachtet.

Anspieltipps: The Leading Bird

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The Barr Brothers – Sleeping Operator

Label: Secret City Records VÖ: 2014

Kreativ sind sie ja, die Barr Brothers. Davon zeugt ihr schier unaufhaltbarer Output. Rund 40 Songs sind bei den Arbeiten zu „Sleeping Operator“ entstanden. 40 Songs, von denen letztlich 13 ausgewählt wurden, um den lang ersehnten Nachfolger zum selbstbetitelten Debütwerk (2011) aus dem Boden zu stampfen. Was die kanadische Combo da spielt, ist basically Folk-Music. Allerdings nicht immer handelsübliche. Bei „Half Crazy“ beispielsweise mixt die Band nordafrikanischen Sound (Marokko, Mali) und quirlt diesen mit Chicago und Mississippi Delta Blues. Fun Fact: Der Legende nach haben die Barr Brothers bei den Aufnahmen ein Instrument genutzt, das von einem Fan erbaut wurde.

Fazit: Absolute Kaufempfehlung

Anspieltipps: Half Crazy

 

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Tony Allen – Film of Life

Label: Jazz Village/Harmonia Mundi VÖ: 2014

Mit 70 Jahren darf man ruhig ein wenig nostalgisch werden. Tony Allen, das menschliche Metronom des Afrobeats, wirft auf seinem zehnten Studioalbum „Film of Life“ einen Blick zurück und beweist dabei einmal mehr, dass niemand sein Schlagzeug so zum klingen bringt wie der Zauberer aus Lagos. „Ich habe mein Schlagzeug immer wie ein Orchester behandelt“, sagt er. Allen benötigt dafür aber keine Soli, keine Effekthascherei. Allen ist Asket. Und das ist gut so. Ganz unasketisch ist er bei der Auswahl seiner Gastmusiker: Niemand Geringeres als Damon Albarn (Blur) gibt sich auf „Film of Life“ die Ehre und unterstützt Allen, mit dem ihn seit den frühen 2000er Jahren eine Freundschaft verbindet, auf „Go Back“. Nicht die erste Kollaboration der beiden Vollblutmusiker. „Go Back“ erinnert auch ein bisschen an „The Good, The Bad & The Queen“, das Album, das die beiden dereinst mit ihrer Supergroup einspielten. Am Ende schafft es Allen aber, dem Song ein Feeling wie im Lagos der 1970er Jahre zu verschaffen. Der Songtitel bezieht sich übrigens auf das Flüchtlingsdrama von Lampedusa.

Fazit: Der Altmeister hat’s immer noch drauf.

Anspieltipps: Go Back, Ire Omo

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Martin Goldenbaum – Optimist

Label: Bosworth VÖ: 2014

Das Cover verrät’s: Ein bisschen schräg ist er ja schon, der gute Martin Goldenbaum. Mit „Optimist“ legt der Berliner Liedermacher mit der Reibeisenstimme sein nunmehr fünftes Album vor. Darauf: 14 Tracks, oft ein bisschen kirre, mit intelligenten Texten, die einen sowohl nachdenken (manchmal) als auch schmunzeln (öfter) lassen. Beispiel gefällig? „Verzeih mir diesen Kraftausdruck / Das ist nicht meine Art / Immer wenn ich denk‘, jetzt ist alles in Butter / Klingst Du wie Deine Mutter“. Das Ganze unterlegt Goldenbaum mit tanzbarem Rockabilly und dynamischen Gitarrenriffs.

Fazit: Erfrischend unprätenziös.

Anspieltipps: Ich Geh Mit Deiner Freundin Tanzen, Was Ich Gerade Denke, Sexbeat

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Allah-Las – Worship The Sun

Label: Innovative Leisure VÖ: 2014

Mit den Allah-Las ist das so eine Sache. So richtig neu klingt das ja nun nicht, was Miles Michaud, Matthew Correia, Spencer Dunham und Pedrum Siadatian da auf ihrem neusten Album fabriziert haben: West Coast Garage Rock, der so gar nicht nach 2014 klingt, sondern nach Beach Boys, Love und den Byrds. Das Ganze scheint seltsam aus der Zeit gefallen zu sein. Doch auch, wenn das, was die Band aus Los Angeles da nun vorgelegt hat, klingt, als hätte es schon ein paar Jahre auf dem Buckel ist das keineswegs schlimm. Alt ungleich schlecht, auch wenn’s dafür keinen Innovationspreis geben wird. Zumal das Ganze auch so gewollt ist, wie die Band schon mehrere Male in Interviews betont hat. Um diesen nostalgischen Sixties-Sound zu schaffen, nutzt die Band sogar Mikrofone aus jener Zeit.

Fazit: Nostalgie-Trip.

Anspieltipps: De Vida Voz, Had It All, Ferus Gallery

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Maxim – Staub (live)

Label: Warner VÖ: 2014

Eine Platzierung in den Top Ten der deutschen Charts, 50.000 verkaufte Exemplare und die Auszeichnung des A&R-Clubs („Künstlerisch wertvollstes Album“): „Staub“ war für den gebürtigen Siegburger Maxim 2013 ein Riesenerfolg. Und so verwundert es nicht, dass der Gute das Ding noch einmal melkt und nun diese Live-Version auf den Markt wirft. Aufgenommen im Kölner Stollwerck (ein richtiges Heimspiel), liegen hier nun 15 Tracks (elf aus „Staub“, vier vom Vorgänger) vor, die von einer gewissen Reife, vom Erwachsenwerden des früheren Reggae-Musikers und jetzigen Singer/Songwriters zeugen und die Magie seiner Bühnen-Performance eindrucksvoll einfangen.

Fazit: Maxim ist im Pop-Mainstream angekommen.

Anspieltipps: Meine Soldaten, In einem anderen Leben

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Luke Sital-Singh – The Fire Inside

Label: Warner VÖ: 2014

Auch Luke Sital-Singh hatte vor der Veröffentlichung seines Debüt-Albums „The Fire Inside“ mit dem Druck der vielen Vorschusslorbeeren zu kämpfen. Drei sehr gute EPs, ein gutes Abschneiden beim BBC Sound Poll 2014 und die Mithilfe von Produzent Ian Archer (Snow Patrol, Jake Bugg) beim Erstling ließen die Erwartungen durch die Decke gehen. Der legendäre NME verglich den jungen Londoner sogar schon mit Neil Young oder John Martyn. Beeinflusst wurde Sital-Singh tatsächlich von Young, dazu außerdem etwa von Springsteen, Ryan Adams, Damien Rice und Ray Lamontagne. Das hört man raus. Diese Achterbahn der Gefühle, diese Audruckskraft, die auch viele seiner Vorbilder auszeichnet – alles da. Dazu noch Sital-Singhs Stimme. Wahnsinn. Kaum zu glauben, dass sich der Arme noch zu Schulzeiten wegen dieser noch allerhand Spott anhören musste.

Fazit: Auf Sital-Singh muss man ein Auge haben. Vielversprechend.

Anspieltipps: Nothing stays the same, Greatest Lovers, Fail for you

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Love A/Koeter – Split

Label: Rookie Records VÖ: 2014

Zwei und zwei gleich eins: Die befreundeten Bands Love A und Koeter haben je zwei neue Songs aufgenommen (und je einen davon remixen lassen) – und das Ganze auf ein gemeinsames Album gepackt. Textlich sind die Combos dabei durchaus tiefsinnig und kritisch unterwegs. In „Atomstrom“ rocken die Punk-Rocker von Love A düster über das Thema Jugend, in „Die Die Die“ heißt es „Ich tausche Obst gegen Geld, weil diese Täuschung das ist, was den Wohlstand erhält“. Koeter reiten textlich auf einer ähnlichen Welle, klingen dafür aber etwas härter. Eine Limited Edition dieses Machwerks wird wohl exklusiv bei Konzerten der Bands erhältlich sein.

Fazit: Ein Minialbum wie ein ausgestreckter Mittelfinger.

Anspieltipps: Die Die Die, Punkt Null

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Hagen Stoll – Talismann

Label: Warner VÖ: 2014

Hagen Stoll ist ein echter Tausendsassa. Als Produzent kümmerte sich der gebürtige Berliner dereinst um Rapper wie Sido, gab als Joe Rilla der Platte im Osten eine Stimme, spielte später mit Haudegen Rockmusik in bester Liedermacher-Tradition und landete mit seinem autobiografischen Debütroman „So fühlt sich Leben an“ sogar in der Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste. Mit „Talismann“ legt Stoll nun sein erstes Album unter seinem bürgerlichen Namen vor. „Mein Leben war bisher immer etwas ernst und ein wenig kompliziert. Ich schieb‘ den Blues. Ich möchte das nicht dramatisieren, aber wenn ich es für mich reflektiere, war es nun mal so. Einzig dieser Umstand brachte mich in den letzten Jahren dazu, Musik zu schreiben, die ein breites Grinsen über beide Ohren trägt“, sagt Stoll, und weiter: „Ich wollte unbedingt ein Album schreiben, das im Hier und Jetzt zu mir passt. Ich bin ein glücklicher Mensch in der Mitte eines wunderbaren Lebens.“ Und das klingt dann so: Deutschrook mit derbem Roots-Einschlag, unprätentios, selbstironisch, vorgetragen von einer unter die Haut gehenden Reibeisen-Stimme.

Fazit: Gern mehr davon.

Anspieltipps: Mo Money Mo Problems

 

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The Asteroid #4 – The Asteroid #4

Label: Bad Vibrations VÖ: 2014

The Asteroid #4 kann man mit Fug und Recht als Underground-Kultband bezeichnen. Seit der zweiten Hälfte der Neunziger Jahre ist die Band aus Philadelphia nun schon im Musikgeschäft unterwegs. Mit „Introducing The Asteroid #4“ gelang ihr ein Meilenstein auf dem Gebiet der Neunziger-Jahre-Psychedelic-Music. Inklusive ihres nun vorliegenden neuesten Werks hat die Gruppe bereits acht Alben veröffentlicht. Auf „The Asteroid #4“ bleibt sie sich treu: Shoegaze, Krautrock, Folk und ein bisschen 70s Cosmic Country Rock ist das, was The Asteroid #4 hier kredenzen. Dabei wandelt die Band immer auf dem schmalen Grat zwischen Originalität und Hommage. Ein Album, das von Explosivität, großartigen Melodien und Momenten transzendentaler Schönheit geprägt ist.

Fazit: Eine der besten Veröffentlichungen der Band, hands down.

Anspieltipps: Rukma Vimana, Mount Meru

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Wooden Arms – Tide

Label: Butterfly Collectors/Indigo VÖ: 2014

Es geht hochgradig dramatisch los. Schwere Streicher. Einsamkeit. Regentropfen, die die Fensterscheibe herabrinnen. Pianomusik. Das ist „Dezember“, der Opening-Track von „Tide“, dem neuen Werk der Folk-Band Wooden Arms, bestehend aus dem Klavierlehrer Alex Carson, Jessica Diggins (Violine/Vocals), Fynn Titford-Mock (Cello). Jeff Smith (multi) und Milly Hirst (Vocals). Die englische Band bezeichnet ihren Stil als „Alternative Kammermusik“ und das trifft es relativ gut. So schwermütig, wie sie mit „December“ auf „Tide“ loslegen, machen sie aber nicht weiter, keine Sorge. Schon „Vicenarian“, der zweite Titel, ist deutlich sonniger. Es herrscht also musikalische Vielfalt vor. Verwundert das, bei einer Band, die Chopin, Mozart, Andrew Bird und Grizzly Bear als ihre wichtigsten musikalischen Einflüsse nennt?

Fazit: Mal was anderes. „December“ ist aber bereits als Opener das Highlight.

Anspieltipps: December

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Wampire – Bazaar

Label: Polyvinyl VÖ: 2014

Wow, was war das für ein aufregendes und aufreibendes Jahr 2013 für die Wampire: Nach ihrem Debüt „Curiosity“ war die Band aus Portland weltweit im Einsatz und spielte in diesen zwölf Monaten in mehr Städten, Ländern und auf mehr Kontinenten als jemals zuvor in ihrer Karrieren. Kaum zu Hause, machten sich die Gründungsmitglieder Rocky Tinder und Eric Phipps direkt wieder ans Songwriting. Das Ergebnis liegt jetzt mit „Bazaar“ vor. Dark Pop, der ein bisschen weniger garagy, aber dafür experimenteller daher kommt als es „Curiosity“ noch tat. Sehr geil: Das (w)ampirhafte Lachen bei „The Amazing Heart Attack“. Und bei „Wizard’s Staff“, das auch als Single ausgekoppelt wurde, erinnert die Band an Pink Floyd.

Fazit: Düsterer Chic.

Anspieltipps: The Amazing Heart Attack, Wizard’s Staff

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Sean Rowe – Madman

Label: Anti VÖ: 2014

Sean Rowe bezeichnet sich selbst gern als „bärtigen Handelsvertreter“. Das letzte Jahr verbrachte der Singer/Songwriter damit, in den Wohnzimmern fremder Leute aufzutreten. „Instead of vacuum cleaners I’m selling all these fellings that come with the songs“, sagt Rowe. Wer sich nun einen solchen Staubsauger, ähm, einen solchen Song anhören möchte, der kann auf das brandneue Material des Herrn Rowe zurückgreifen. „Madman“ heißt das Ding, simpel gestrickt in Komposition und Arrangement. Sehr back to the roots, vor allem im Vergleich zum überbordenden Vorgänger „The Salesman and the Shark“ (2012). Erinnert dann auch deutlich ans Debütwerk, und den Weg, den er da beschritten hat, auf dem fühlt sich der Mann mit der ungewöhnlich tiefen Stimme dann doch hörbar am wohlsten. Viel Delta-Blues, und, ha, sogar ein bisschen Disco „Desiree“. Bei „The Game“ erinnert Rowe unglaublich an Brad Roberts und die Crash Test Dummies.

Fazit: Gefällt.

Anspieltipps: Madman, The Game, Desiree

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Jeden Tag Silvester – Jeden Tag Silvester

Label: Chef Records Ratekau/Edel VÖ: 2014

Jeden Tag Geburtstag? Gekauft. Jeden Tag Weihnachten? Ebenso. Jeden Tag Silvester? Ich weiß ja nicht. Irgendwann würden mir täglich Raclette, Bleigießen und Raketen wohl den letzten Nerv rauben. Die Aversion gegen das Ereignis soll aber diese Rezension der Band Jeden Tag Silvester unberührt lassen. Dier vier jungen Herren aus Schleswig-Holstein spielen nachdenkliche Popmusik mit optimistischem Unterton. Beste Line: „Zwischen den Tagen / an denen wir nicht wissen / wer wir eigentlich so sind / sind doch die, die überragen / auch nach vielen Jahren / diese ganz normalen Tage“. Irgendwo zwischen Coldplay und den Söhnen Mannheims anzusiedeln.

Fazit: Die guten Vorsätze werden weitgehend eingehalten.

Anspieltipps: Zwischen den Tagen

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Kafkas – Lebenslang (EP)

Label: Brokensilence VÖ: 2014

Alternative, Punk, NDW, Rock, Elektro – das sind die Zutaten, die die Kafkas für ihre neue EP „Lebenslang“ angerührt haben. Erlaubt ist, was gefällt. Das ist zwar nicht besonders tiefgründig, macht aber dann und wann Laune und lädt einen auch auf die Tanzfläche. Vier Jahre nach „Paula“ also ein erneutes Lebenszeichen (in Form von sechs Songs) der Band, die 2015 ein vollständiges Album veröffentlichen möchte. Mit „Lebenslang“ hat sich die Fuldaer Combo zumindest mal in die Gehörgänge gefressen.

Fazit: Stay tuned. Ein Appetithäppchen.

Anspieltipps: Ich tanze nackt in meinem Zimmer, Nicht egal

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Sólstafir – Ótta

Label: Season of Mist VÖ: 2014

Der Begriff „Kopfkino“ mag als Beschreibung atmosphärischer Musik etwas überstrapaziert sein. Im Falle von Sólstafirs „Ótta“ drängt er sich dennoch geradezu auf. Den vier Isländern gelingt es noch besser als auf den beiden Vorgängeralben Köld und Svartir Sandar, den Hörer mit auf eine Reise durch die karge Schönheit ihrer Heimat zu nehmen, die auf dem Cover-Foto von Ragnar Axelsson perfekt eingefangen ist. Eine weite Reise hat die Band seit ihrer Gründung 1994 auch musikalisch unternommen. Die Wurzeln im Black-/Viking-Metal hallen hier und da noch nach wie ein fernes Brodeln des Bardarbunga, doch Sólstafir haben sich mittlerweile weit in post-rockige Gefilde vorgewagt (Sigur Rós lassen grüßen), wagen dabei immer mal wieder Ausflüge in andere Genres und erschaffen doch einen absolut stimmigen und einzigartigen Sound.

Fazit: Call of the wild.

Anspieltipps: Ótta, Dagmál

BACKKATALOG

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ABBA – Live Wembley Arena

Label: Universal VÖ: 2014

Ludvig war’s. Ludvig Andersson hat das 1979er Konzert in der Londoner Wembley Arena der schwedischen Pop-Legenden ABBA neu abgemischt. Und Papa Benny, seines Zeichens immerhin ein Viertel von ABBA, findet’s richtig spitze. Ist ja auch wirklich gut geworden, die aufgemotzte Archiv-Entdeckung. Die 25 entstaubten Songs klängen „genauso wie es war“, sagte Benny auf einer Pressekonferenz in Stockholm. Sie seien lediglich neu abgemischt worden. „Ich bin überrascht, dass wir so gut singen“, frohlockte Papa Andersson. Auf der Bühne, meinte er, bekomme man das ja nicht so mit. Ursprünglich wollte das Quartett das Live-Album bereits 1980 veröffentlichen, entschied sich letztlich aber dagegen, weil ein zuvor erschienenes Best-Of eine zu ähnliche Tracklist aufwies. Nettes Bonbon: Der Song „I’m Still Alive“ – geschrieben und solo dargeboten von Agnetha, mit Lyrics von Björn – gilt als bisher (offiziell) unveröffentlicht. Dafür fehlt allerdings die Gast-Nummer „Not Bad at All“, die der Background-Sänger Tomas Ledin damals zu Gehör brachte.

Fazit: ABBA in Top-Form.

Anspieltipps: I’m Still Alive

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Agnes Obel – Aventine

Label: PIAS VÖ: 2013/14

Als „Aventine“, das zweite Studio-Album der dänischen Singer-Songwriterin Agnes Obel, im September 2013 das Licht der Welt erblickte, überschlugen sich die Kritiker förmlich mit Lob. Europaweit war das Ding (auch ein kommerzieller) Erfolg, in fünf Ländern erreichte es die Top Five der Charts, und in Frankreich und Dänemark gab’s Platin obendrein. Obel: „I recorded everything quite closely, miking everything closely in a small room, with voices here, the piano here – everything is close to you. So it’s sparse, but by varying the dynamic range of the songs I could create almost soundscapes. I was able to make something feel big with just these few instruments.“ Recht hat sie. Und weil das im vergangenen Jahr alles so gut lief mit diesen elf Songs von wunderschöner Traurigkeit, legt Obel nun mit einer Deluxe-Version von „Aventine“ nach. Diese kommt als Doppel-CD daher und bietet auf der Zusatzscheibe drei neue Songs, sechs Live-Aufnahmen und zwei Remixe. Einer davon von David Lynch.

Fazit: Pflichtkauf.

Anspieltipps: Fuel To Fire, The Curse, Smoke & Mirrors

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Levellers – Greatest Hits

Label: India Media/Rough Trade VÖ: 2014

Auf eine bewegte Karriere kann die Band aus Brighton ja mittlerweile schon zurückblicken. Und so haben die Levellers denn nun auch eine „Greatest Hits“-Compilation heraus gebracht, die die Glanzlichter ihrer Geschichte zusammenfasst. Darunter „15 Years“, „Just The One“, „This Garden“ und „What A Beautiful Day“. Wäre alles nur halb so spannend, wenn die Briten sich nicht noch die Mühe gemacht hätten, das Ganze mit neuen Aufnahmen und Kollaborationen zu spicken. Dafür haben sie sich ganz namhafte Gaststars mit ins Boot geholt, als da wären: Imelda May, Billy Bragg und auch Bellowhead. Vor allem „Beautiful Day“ mit der großartigen May sticht aus dieser Song-Sammlung der Folk-Punk-Rock-Band heraus.

Fazit: Nicht nur für Fans.

Anspieltipps: Beautiful Day + die großen Hits

Texte: Benjamin Fiege, Timo Leszinski