Neu im Plattenschrank: September 2015

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Lana Del Rey – Honeymoon

Label: Belle Music VÖ: 2015

Bleibt alles anders – so könnte das Motto für Lana Del Reys viertes (oder drittes – je nachdem, wie man zählt) Album lauten: Auch auf „Honeymoon“ wird eher langsam getanzt. Erwartbar, wenn man den Werdegang der mittlerweile 30-Jährigen verfolgt hat. Und dennoch klingt das Teil dann doch wieder ein bisschen anders als seine Vorgänger. Mit „Ultraviolence“, dem dritten Machwerk, das für Del Rey’sche Verhältnisse viele übersteuerte Gitarrensoli und Tempowechsel in petto hatte, hat das hier nun nicht mehr viel zu tun. Doom-Pop, sehr melancholisch, klar, gespickt mit vielen popkulturellen Referenzen („Hotel California“, „Major Tom“, „Burnt Norton“ (Gedicht von TS Eliot)) und getragen von wunderbaren Melodien. Mehr als bisher aber steht auf „Honeymoon“ Del Reys Gesang im Fokus des atmosphärischen Treibens. Dabei übernimmmt die Gute nicht nur die Lead Vocals, sondern – mehrstimmig – den Background-Gesang gleich mit. Hier supportet sich die Chefin also ganz könnerhaft noch selbst. Noch wichtiger: Dass was sie da singt, hat Hand und Fuß. Textlich war die Wahl-New-Yorkerin noch nie so stark wie hier, auch wenn die Motive die alten sind: Böse Jungs, Traurigkeit, der Mythos Kaliforniens und Sterblichkeit. Aber: Man kauft ihr jedes Wort ab.

Fazit: Stark wie nie. The sound of sadness.

Anspieltipps: Honeymoon, Freak, Don’t Let Me Be Misunderstood (Nina-Simone-Cover)

 

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Beirut – No No No

Label: 4AD/Beggars Group/Indigo VÖ: 2015

2013 war ein ganz schlechtes Jahr für Zach Condon. Nach drei Jahren auf Tour, gesundheitlichen Problemen, einer schmerzlichen Scheidung und dem Versuch, vor der Realität zu fliehen, fand sich Condon, geplagt von schweren Selbstzweifeln, im Dezember des besagten Jahres in einem australischen Krankenhaus wieder: „Ich war am Ende“. Ein ungewohnter Umstand für einen, für den es immer steil bergauf zu gehen schien. Nun, mit 28 Jahren, steckte er in diesem tiefen Loch – inklusive Schreibblockade. „Ich konnte nicht begreifen, wie ich an einem Tag noch fähig war zu schreiben und am nächsten nicht mehr“. Erst, als sich Condon wieder neu verliebte, brach wieder langsam Licht durch die dunkle Wolkendecke, die seinen Geist vernebelte. Die Frau „gab mir heilende Energie und ein ganz anderes Licht auf die negativen Dinge im Leben. Ohne sie wäre ich sicher nicht dort, wo ich jetzt bin.“ Nach ein paar Monaten in der Türkei kehrte Zach ins Studio zurück, schrieb und verwarf ganze Alben – und kam am Ende ohne etwas Verwertbares wieder raus. Ein neuer Ansatz musste her und so startete Condon im Herbst 2014 unvoreingenommen und mit seinen Bandkollegen Paul Collins (Bass) und Nick Petree (Schlagzeug) wieder bei Null. Ganze zwei Monate arbeiteten sie täglich an dem Fundament, das sich zu dem neuen Album entwickeln sollte (und einer Unmenge an Songs, die im Schnittraum endeten). Als der Winter nahte, buchte er für zwei Wochen ein Studio, das durch Zufall nur einige Straße von seiner Wohnung entfernt lag. Die Lage wurde letztlich entscheidend, da die Aufnahmen auf einen der kältesten und schneereichsten Winter der New Yorker Geschichte fielen – eine passende Klimax zu den Geschehnissen der letzten vier Jahren. Mit seiner Band an der Seite, begann das Album Gestalt anzunehmen, was zu einer immer enthusiastischeren Produktivität führte. Und ja, man kann mit Fug und Recht behaupten: Diese zwei Wochen im Studio ließen Zach sein bisher fröhlichstes Album aufnehmen. Zuvor hatte Condon zumeist alleine an seinen Alben gearbeitet, elektronisch Sounds und Arrangements mit Pro Tools zusammen gebaut. Dieses Mal entstanden die Songs in Live-Sessions mit der Band, die mit begrenzten Mitteln zu Werke ging: Gitarre, Piano, Bass und Schlagzeug formten den Klang, während zuvor so viele obskure Instrumente wie möglich zusammengetragen worden waren. Für Beirut’sche Verhältnisse ist das hier also praktisch schon minimalistisch, dafür aber maximal fesselnd.

Fazit: Beirut können gar nichts anderes als Meisterwerke zu produzieren.

Anspieltipps: Gibraltar, No No No, Perth, August Holland

 

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Wanda – Bussi

Label: Vertigo/Universal VÖ: 2015

Mit ihrem Debütalbum „Amore“ haben Wanda 2014 mal so richtig für Furore gesorgt. Mancherorts wurden die Österreicher gar schon mit Oasis verglichen – auch ob ihrer Großspur- und Schnöseligkeit. Ihrer Rockstar-Attitüde. Keine zwölf Monate später legt die Combo nun bereits den Nachfolger vor. Und, durchatmen, ja, sie können das hohe Niveau des Erstlings halten. Liegt vielleicht auch daran, dass ein großer Teil der Tracks bereits während der Arbeiten am Vorgänger entstanden ist – und nicht eilig irgendwie zwischen Konzerthalle und Tourbus zusammengepfrimelt wurde. Das soll aber nicht heißen, dass es sich hier um „Rudis Resterampe“ handelt. Der „breitbeinige Jungs-Rock“ (Rolling Stone) ist gewohnt kernig. Mutig: die fiese Nummer „Nimm Sie Wenn Du’s Brauchst“ („Nimm sie wenn du glaubst dass Du’s brauchst / Steck sie ein wie zwanzig Cent„) – wobei der frauenverachtende Protagonist im Song keinesfalls mit Sänger Marco Michael Wanda gleichzusetzen ist. Hat mehr was von Falcos „Jeanny“. Und der ist ja schließlich auch nicht in der Realität als Kidnapper in Erscheinung getreten.

Fazit: Die Wiener liefern ab.

Anspieltipps: Bussi Baby!, Alarm, Nimm sie wenn du’s brauchst

 

m_1436362851Julia Holter – Have You In My Wilderness

Label: VÖ: 2015

Nein, man kann jetzt nicht unbedingt behaupten, dass die Themen Liebe, Beziehung und Vertrauen im Pop irgendwie unterrepräsentiert wären. Und doch schafft es Julia Holter auf ihrem neuen Album „Have You In My Wilderness“, ihre atmosphärische Balladensammlung nicht klischeehaft wirken zu lassen, sondern ihr einen gewissen edge mitzugeben, was die Songs ungeheuer interessant macht. Immer hat man das Gefühl, dass es unter der Oberfläche brodelt, dass die Dinge nicht so sind, wie sie vielleicht scheinen.  „Have You In My Wilderness“ ist das vierte Album der guten Dame, das zugänglichste obendrein, und das erste, für dessen Texte die Künstlerin keinen Literatur-Paten bemüht hat, sondern ausschließlich aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz, ihrer eigenen Erlebniswelt, Inspiration bezieht. Aufgenommen hat Holter das Teil in ihrer Heimat Los Angeles, produziert wurde das Album von Grammy-Gewinner Cole Greif-Neill.

Fazit: Magisch.

Anspieltipps: Sea Calls Me Home, Feel You

 

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Kwabs – Love + War

Label: Warner VÖ: 2015

Ist ja immer so eine Sache mit Vorschusslorbeeren. Nach drei umjubelten EP-Veröffentlichungen mit „Wrong Or Right“, „Pray For Love“ und „Walk“ nahm BBC Anfang des Jahres den UK-Soul-Barden Kwabs in die Sound Of 2015-Liste der spannendsten Nachwuchskünstler auf. Seine Pop-Hymne „Walk“ spielte sich darauffolgend in Deutschland bis an die Spitze der Charts. Und so freuten sich schon alle wie Schnitzel auf Kwabs‘ (immer wieder verschobenes) Debütalbum „Love + War“. Und … *tusch* … der junge Londoner enttäuscht nicht. Allerdings überrascht er nun auch nicht wahnsinng: Die in „Walk“ erfolgreich umgesetzte Formel – Soulstimme, moderne Dance-Beats, chartstaugliche Aufbereitung – dient als Orientierung für den Erstling des Briten, der allerdings keinen weiteren Song der Güteklasse von „Walk“ aufweisen kann. Die Stimme des Mannes ist aber über jeden Zweifel erhaben.

Fazit: Von dem Guten ist in Zukunft noch einiges zu erwarten.

Anspieltipps: War

 

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Duran Duran – Paper Gods

Label: Warner VÖ: 2015

Sie haben den Soundtrack der 1980er Jahre maßgeblich mitbestimmt: Mehr als 100 Millionen Alben verkauften Duran Duran seit ihrer Gründung im Jahre 1978. Mit „Paper Gods“ legen die Mannen um Sänger Simon Le Bon ihr nunmehr 14. Studioalbum vor. Dafür hat sich die Band eine namhafte Produzentenschar um sich versammelt: Nile Rodgers, Mark Ronson, Josh Blair und Mr. Hudson gehörten zum illustren Team. Zu den Special Guests gehören Janelle Monáe, die auf der ersten Single „Pressure Off“ zu hören ist, aber auch Ex-Red Hot Chili Peppers-Gitarrist Josh Frusciante, die kanadische Sängerin Kiesza, die bereits mit einem Juno-Award ausgezeichnet wurde, der britische Singer/Songwriter Mr. Hudson sowie der Violinist Davidé Rossi und, hört hört, die Schauspielerin Lindsey Lohan. Ganz schön viel Tamtam also. Dabei herausgekommen ist ein Werk, das ein bisschen an das legendäre Album „Notorious“ von 1986 erinnert, seinerzeit übrigens ebenfalls von Nile Rodgers produziert. Gefälliger Pop mit einem Hauch Düsternis, dazu ein paar Schmachtnummern. Abwechslungsreiches Ding, das ein bisschen Nostalgie versprüht, ohne aber altbacken zu wirken.

Fazit: Gelungen.

Anspieltipps: Paper Gods, Pressure Off

 

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Glen Hansard – Didn’t He Ramble

Label: Anti VÖ: 2015

„Da war mehr drin“ – das ist der Satz, der einem irgendwie immer wieder vorschwebt, wenn es um die 25-jährige Karriere von Glen Hansard geht. Nach dem Musikfilm „Once“ dachte man mal, dass er das nächste große Ding im Folk werden könnte. Dann aber ließ sich der Gute zuviel Zeit, um sein Solo-Debüt auf den Markt zu bringen. Den ganz großen Wurf wird er nun wohl nicht mehr landen. Schlecht ist das, was der Ire da produziert, aber dann doch nicht. Zwar auch nicht sensationell, aber durchaus gefällig, wenn auch der Überraschungseffekt fehlt. Diesmal wagt sich Hansard etwas in Blues- und Soul-Gefilde vor, fällt aber doch immer wieder in sein melodramatisches Schema zurück. Dabei ist Hansard auf der Platte gerade dann gut, wenn er etwas Neues wagt.

Fazit: Nett.

Anspieltipps: Wedding Ring, Her Mercy

 

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Richard Hawley – Hollow Meadows

Label: Parlophone/Warner VÖ: 2015

Mit „Hollow Meadows“ veröffentlicht der Sheffielder Singer-Songwriter Richard Hawley sein achtes Studiowerk. Der Brite gilt als brillanter Nostalgiker, als leidenschaftlicher Stilist, als einer, der Qualität abliefert. Und das tut er auch hier. Auf „Hollow Meadows“ kredenzt der Mann wieder elegantes Songwriting, das er durch sein feines Gespür für zurückhaltende Arrangements und subtile Stimmungen veredelt. Es geht ums Älterwerden, Fehlbarkeit; das Album schwingt zwischen Wehmut und Romantik. Hawley inszeniert sich in Versionen von Chris Isaak, Roy Orbison, Frank Sinatra und Elvis Presley. Aber leise, bedächtig. Erstmalig nahm Hawley seine Tracks als Demo-Versionen in seinem zum Homestudio ausgebauten Stall namens Disgracelands auf. Unterstützung bekam er dabei von seinem langjährigen Gitarristen Shez Sheridan, der die Stücke zusammen mit Hawley und seinem bewährten Stamm-Producer Colin Elliot co-produzierte. „Hollow Meadows“ bezeichnet übrigens nach alten Überlieferungen den Platz in Sheffield, an dem bis in die 1950er Jahre ein Krankenhaus stand. Während seiner Nachforschungen stellte sich heraus, dass das Gebiet früher als Auley Meadows bekannt war – ein Name, der sich möglicherweise von dem Namen der Hawley-Familie ableitet, die dort zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert ansässig war. Special Guests auf dem Machwerk by the way: Martin Simpson, Jarvis Cocker und die Hick Street Chip Shop Singers inklusive Rebecca Taylor.

Fazit: Feines Ding.

Anspieltipps: I Still Want You, The World Looks Down, Heart of Oak

 

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Tom Jones – Long Lost Suitcase

Label: Caroline VÖ: 2015

Es ist der Abschluss einer Trilogie: Mit „Long Lost Suitcase“ vervollständigt Tom Jones jene Reihe,die er mit „Praise & Blame“ (2010) und „Spirit in the Room“ (2012) begonnen hat. Auf diesen drei Werken hat der Gute Songs versammelt, die ihn über die Jahre geprägt und begleitet haben. Diesmal kramt Jones in einem Katalog wunderbarer Kompositionen von Namen wie Gillian Welch, den Milk Carton Kids, Hank Williams, Willie Nelson oder den Rolling Stones. Ein Album, bei dem man das Gefühl bekommt, dass da einer seine große Liebe zur Musik dokumentieren möchte – und das auch schafft. Da schwingt immer großer Respekt vor dem Original mit, peinlich wird es nie. Und die Stimme des Tigers ist sowieso über jeden Zweifel erhaben. „Long Lost Suitcase“, das 40. Studioalbum des Walisers, begleitet übrigens zugleich die Veröffentlichung seiner ersten Autobiographie.

Fazit: Gelungener Abschluss der Trilogie.

Anspieltipps: Factory Girl, Elvis Presley Blues

 

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Enno Bunger – Flüssiges Glück

Label: PIAS VÖ: 2015

Drei Jahre nach dem melancholischen Konzept-Trennungsalbum „Wir sind vorbei“ veröffentlicht der Hamburger Musik- und Textkünstler Enno Bunger sein drittes Album „Flüssiges Glück“. Rund ein Jahr lang arbeitete der Ostfriese an dieser Platte, produzierte und schraubte bis ins letzte Rauschen zusammen mit Tobias Siebert (And The Golden Choir, Me And My Drummer, Philipp Boa) im Radio Buellebrueck Studio in Berlin. Dabei entstand ein Werk, das mit Elektronica-Ausflügen überrascht. Deep House, The xx klingen da doch als Einflüsse durch. Bunger sprechsingt, rappt aber nicht – und vergisst auch seine Wurzeln nicht („Am Ende des Tunnels“).

Fazit: Gelungene Überraschung.

Anspieltipps: Neonlicht, Renn!, Am Ende des Tunnels

 

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New Order – Music Complete

Label: Mute Artists VÖ: 2015

Zugegeben, ein bisschen Nostalgie schwingt bei dieser neuen New-Order-Platte – der ersten seit 2005 – doch mit. Vielleicht, weil man auch etwas glücklich darüber ist, dass es die Band noch gibt, die sich da vor 35 Jahren aus dem musikalischen Erbe von Joy Division gegründet hat. Und das, nachdem Bassist Peter Hook bereits voreilig das Ende der Kapelle verkündet hat. Was ihn letztlich zum Ex-Bassisten gemacht hat. Ersetzt wurde der Gute durch Tom Chapman. Mehr oder weniger nahtlos, die Veränderung ist kaum spürbar. Auch ansonsten gilt: wenig Neues. Heißt:  akustische Rhythmusgitarren, synthe­tische Streicher, Snare-Wirbel zum Refrain hin, E‑Gitarre, Sumners melancholischer Gesang. Kennt man. Und doch gibt es da diesen Ibiza-Vibe, der der Platte schließlich doch eine unerwartete Facette verleiht. New Order knüpfen damit wieder dort an, wo sie Anfang der Neunziger Jahre aufgehört haben. Eine Legende, die bei sich selbst klaut. Dabei kommen dann zwar einige ganz passable Nummern raus, aber wenig, das wirklich hängenbleibt. Unterstützung gibt’s by the way von Brandon Flowers, Iggy Pop und La Roux.

Fazit: Lost in their memories.

Anspieltipps: People On The High Line, Tutti Frutti

 

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Chris Cornell – Higher Truth

Label: Universal VÖ: 2015

Soundgarden-Frontmann und Audioslave-Gründer Chris Cornell wandelt mal wieder auf Solo-Pfaden – sechs Jahre nach seinem letzten Solo-Album „Scream“. Und Cornells neuster Arbeitsnachweis gibt sich aufs Wesentliche reduziert. Ruhig, fast dezent mutet das Ding an, von Dancebeat-verseuchten Popschnulzen wie auf „Scream“ fehlt hier glücklicherweise jede Spur. Stattdessen geht’s hier eher minimalistisch zu, im Vordergrund steht Cornells fantastische Stimme im Vordergrund. Überdies hat der Mann fast alle Instrumente (Gitarre, Bass, Mandoline sowie etwas Percussion) selbst eingespielt. Cornell in Top-Form. Produziert wurde „Higher Truth“ übrigens von Brendan O’Brien (Bruce Springsteen, Pearl Jam, Neil Young).

Fazit: Mustergültig.

Anspieltipps: Nearly Forgot My Broken Heart, Dead Wishes

 

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Editors – In Dream

Label: PIAS VÖ: 2015

Auf ihrem neuen Machwerk kehren die Editors wieder ein Stück weit zu ihren Wurzeln zurück: Es geht weg vom dynamischen Rock, den sie noch auf  dem eher durchschnittlichen „The Weight Of Your Love“ kredenzten, hin zu mehr Elektronik. Aufgenommen in Crear, in den schottischen Western Highlands, und abgemischt von Alan Moulder in London, ist „In Dream“ das zweite Album in der „neuen“ Besetzung, an dem neben den Gründungsmitgliedern Tom Smith, Russell Leetch und Ed Lay auch wieder Justin Lockey und Elliott Williams mitwirkten. Neu auch: „In Dream“ ist es das erste Editors-Album, auf dem es Duette zu hören gibt (Rachel Goswell von Slowdive leiht den Tracks „Ocean Of Night“, „The Law“ und „At All Cost“ ihre Stimme) – was übrigens sehr gut funktioniert. Ein Experiment, das sich auszahlt. Langsam scheint sich die Wunde, die der Abschied von Gitarrist Chris Urbanowicz gerissen hat, zu verschließen.

Fazit: Stark. Die Band hat sich offenbar wieder gefunden.

Anspieltipps: No Harm, Ocean of Night

 

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Wise Guys – Läuft Bei Euch

Label: Universal VÖ: 2015

Produktiv sind sie ja, die Wise Guys. Keine zwölf Monate sind vergangenen, seit die Combo „Achterbahn“ rausgehauen hat – und jetzt ist bereits der Nachfolger erschienen. Mit satten 16 Tracks. Und trotz der Schnelligkeit, mit der die Gruppe da zu Werke geht, handelt es sich hier nicht um Ware von der Stange, wie man vielleicht befürchten könnte. Klar, hauptsächlich bewegt sich die Band auf ihr bekannten musikalischen Pfaden, aber das auf dem gewohnt hohen A-Capella-Niveau. Gute-Laune-Pop eben, in den sich sogar mal ein bisschen Chuck Berry („Der Rock ’n‘ Roll ist tot“) mischt. Man of the CD ist diesmal Bassist Andrea Figallo. Der hat nicht nur erstmals komponiert („Tim“) und arrangiert, sondern tritt sogar als Produzent in Erscheinung.

Fazit: Bewährt – im doppelten Sinne.

Anspieltipps: Selfie, Der Rock ’n‘ Roll ist tot

 

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Baio – The Names

Label: Glassnote VÖ: 2015

Lange brodelte die Gerüchteküche, dass Vampire-Weekend-Bassist Baio gedanklich mit einer Solo-Platte spielt. Hat sich nun bewahrheitet. Mit „The Names“ legt der Gute sein Solo-Debüt vor – sieht man von einigen EPs ab, die er bereits veröffentlicht hat. „The Names is a record that has reverberated through my mind for much of the last five years. Its themes began to take shape when I moved from New York to London in 2013“, so Baio. Dieser Umzug aus den USA nach Großbritannien bildet den thematischen Rahmen von „The Names“: Baio erkundet darauf diverse Konzepte von Raum, Zugehörigkeit, Identität und der Suche nach einem Platz in der Welt. Wie erschlagen fühlte er sich zunächst, als er in London ankam; von all dem Grün, dem weiten Himmel über der Stadt, der globalen Bedeutung dieser, auch wenn er ähnliches aus New York gewohnt war. All diese Elemente ließ er in den Sound von „The Names“ einfließen, den man wohl am besten als elektrifizierten Indie-Pop umschreiben könnte. Baio knüpft damit an alte College-Tage und die elektronischen Klänge an, die er damals als DJ auflegte. Erinnert an Caribou oder auch Hot Chip. Der Titel des Albums ist übrigens dem gleichnamigen Roman von Don Delillo aus dem Jahre 1982 entlehnt.

Fazit: Nice.

Anspieltipps: Sister of Pearl, I Was Born In A Marathon,

 

coverkleinerCäthe – Vagabund

Label: DEAG VÖ: 2015

„Alles neu“ heißt es bei der 32-jährigen Sängerin und Songwriterin Cäthe. Die Gute hat vor geraumer Zeit ihren Lebensmittelpunkt von Hamburg nach Berlin verlegt, sie hat ein neues Management, eine neue Booking Agentur, aber vor allem mit „Vagabund“ nun ein neues – ihr drittes – Album am Start. Selbstbewusst, dynamisch, lebendig kommt diese Sammlung an Songs daher, deren teils poetische Lyrics sich aus „phantasievoller Selbstreflexion“ speisen, wie die Dame im Waschzettel zum Album versichert. Eine gelungene Inventur des eigenen Gefühlshaushalts sozusagen.Die Themen sind klassisch, es geht um die Möglichkeit und die Unmöglichkeit der Liebe, diesem Treibstoff alles Menschlichen. Im Gegensatz zum Vorgänger-Album, bei dem viele Songs am Rechner komponiert wurden, hat die Künstlerin  diesmal vor allem zur Gitarre gegriffen und sich auf früheste Einflüsse besonnen, die etwa da einsetzen, wo sie mit knapp zwölf Jahren im Auto ihres Vaters „Mercedes Benz“ von Janis Joplin hörte.

Fazit: Erfrischend.

Anspieltipps: Hallelujah, Glaub Mir, Honey

 

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Frankie Lee – American Dreamer

Label: Loose Music VÖ: 2015

Als Autor möchte man sich immer selbst ohrfeigen, wenn man zu schnell mit hochtrabenden Vergleichen um sich wirft. Aber, meine Güte, der Mann hier heißt ja schon so, als wäre er einem Song Bob Dylans entsprungen – und dann klingt er auch so. Stimmlich vor allem, aber auch musikalisch werden Erinnerungen an die Dylan-Werke „Blood on the Track“ oder „Desire“ wacht. Wir wollen uns den Vergleich trotzdem verkneifen, das wäre irgendwie ungerecht. Aber wer ist dieser Bob Lee, ähm, Frankie Dylan, verdammt, Frankie Lee? Geboren am Mississippi wächst er mit seiner Familie in Minneapolis auf. Sein Vater stirbt, als Frankie gerade zwölf Jahre alt ist – Motorradunfall. Mit 22 bekommt Lee die Diagnose Narcolepsy (Schlafkrankheit). Es beginnt ein rund zweijähriger Kampf mit den Folgen der Krankheit und der Medikamentensucht, ehe ihm ein Freund, der Produzent Patrick McCarthy (U2), wieder auf die Beine hilft. Er bringt ihm das Songschreiben und Aufnehmen bei. Drei Jahre arbeitet Lee an den Songs für sein Debütalbum auf einer Farm in Minnesota. Hat sich gelohnt. Herausgekommen ist ein bockstarkes Americana-Album, das Lust auf mehr macht und bei dem schon Track #2 („Where Do We Belong“) eine potenzielle Hit-Single ist. Das Ganze kommt unheimlich natürlich rüber, die Balladen sind von unter die Haut gehender Schönheit. Macht süchtig.

Fazit: Großartig!

Anspieltipps: High and Dry, Where Do We Belong

 

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Iron Maiden – The Book of Souls

Label: Parlophone (Warner) VÖ: 2015

„The Book of Souls“ ist das mittlerweile fünfte Iron-Maiden-Album seit dem Wiedereinstieg von Sänger Bruce Dickinson, mit dem die Band in den 1980ern ihre größten Erfolge feierte. Große Experimente sollte man seit der Reunion von der britischen Metal-Legende nicht mehr erwarten, Jahrhunderthymnen wie „Number of the Beast“ oder „The Trooper“ ebenfalls nicht. Trotzdem kann man den Eisernen Jungfrauen nicht vorwerfen, komplett auf Nummer sicher zu gehen: Ein Doppelalbum, bei dem gleich drei Songs die Zehn-Minuten-Marke sprengen, klingt schließlich nicht gerade nach leicht verdaulicher Charts-Kost. Qualitativ ist nach dem enttäuschenden „The Final Frontier“ wieder ein Aufwärtstrend zu erkennen. „If Eternity Should Fail“, das eigentlich für ein noch nicht erschienenes Dickinson-Solo-Album vorgesehen war, ist ein starker Opener, wie man ihn schon lange nicht mehr gehört hat. Leider zeigt er aber auch, dass der mittlerweile 57-jährige Frontmann zwar immer noch ein sehr guter, aber kein alles überragender Sänger mehr ist. Auch instrumental blitzt immer wieder die alte Klasse auf, beispielsweise im ausufernden Gitarrenpart bei „The Red and the Black“, dann wieder wirkt manches unausgegoren und hingeschludert. Schade, da wäre mehr drin gewesen.(Timo Leszinski)

Fazit: Zwei Scheiben, aber leider nur Ideen für eine.

Anspieltipps: If Eternity Should Fail, The Book of Souls

 

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Amorphis – Under the Red Cloud

Label: Nuclear Blast (Warner) VÖ: 2015

Amorphis haben in ihrer 25-jährigen Bandgeschichte schon so manche Wandlung durchgemacht und ihre Death-Metal-Wurzeln zeitweise sogar komplett hinter sich gelassen. Mit dem Einstieg des aktuellen Frontmanns Tomi Joutsen vor zehn Jahren haben die Finnen einen Sound entwickelt, der die alte Garstigkeit – Growls inklusive – und neuere melodische Trademarks miteinander vereint, und der seitdem nur noch behutsam verändert wird. Auch „Under the Red Cloud“ schlägt in diese Kerbe, wartet aber – insbesondere im Vergleich zum Vorgänger „Circle“ – mit überdurchschnittlich starken Songs auf. Zudem kommen endlich einmal wieder orientalische Einflüsse zum Zuge, die dem 1996er Meisterwerk „Elegy“ seine besondere Magie verliehen haben. (Timo Leszinski)

Fazit: Ein paar Ecken und Kanten mehr und ein etwas größerer Abstand zur Kitsch-Grenze und man müsste von einem perfekten Album sprechen.

Anspieltipps: Under the Red Cloud, Bad Blood

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Niila – Sorry (EP)

Label: Comusic VÖ: 2015

Wir bleiben im Land der 1000 Seen, bewegen uns aber musikalisch in eine ganz andere Richtung. Der aufmerksame Leser kennt den finnischen Singer-Songwriter Niila bereits aus unserer My-Soundtrack-Reihe. Niila ist Mitte 20, kommt aus einem kleinen Örtchen südlich von Helsinki und hat mit „Sorry“ seine erste EP veröffentlicht. In Finnland schoss das Ding direkt auf Platz eins der  iTunes Charts. Auf „Sorry“ bietet der Gute gelungenen Urban-Pop, getragen von einer unter die Haut gehenden Stimme. Akustigitarren- und Piano-Klänge treffen hier auf moderne Programmierung und teilweise sogar Hip-Hop-Beats. Derzeit arbeitet Niila überdies an seinem noch unbetitelten Debütalbum, dessen Release für Ende 2015, Anfang 2016 geplant ist. Im Dezember wird er auf einer kleinen Clubtour durch Deutschland unterwegs sein.Entdeckt wurde der Mann übrigens von Samu Haber.

Fazit: Im Auge behalten!

Anspieltipps: Sorry, Who Raises a Hand

 

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Korey Dane – Youngblood

Label: Innovative Leisure VÖ: 2015

Nicht die schlechtesten Reisebegleiter: Nachdem Rockmusiker Korey Dane (25) zwei Jahre lang durch Amerika unterwegs war und in dieser Zeit dabei von niemand anderem als Waits, Dylan, Mitchell, The Beatles und den Stones musikalisch begleitet wurde, hat er sich mit dem Musik-Veteran Tony Berg (Produzent von PIL, The Replacements oder Aimee Mann) zusammengetan, um sein neues Album ‚Youngblood‘ aufzunehmen. Eigentlich war das Teil gar nicht so richtig als Album gedacht – Dane wollte einfach all die Songs mit Berg aufnehmen, die er über die zwei Jahre hinweg geschrieben hatte. Auch wenn ‚Youngblood‘ im Herzen ein L.A.-Album sein mag, so findet man doch auch immer die Landschaft der ganzen USA wieder – insbesondere die Geschichte der verschiedensten Kulturen des Landes: Korey Danes Vorfahren sind Anglo-Amerikaner, Cherokees und Japaner.

Fazit: Für Fans von Springsteen, Wilco, Ryan Adams oder Jeff Buckley.

Anspieltipps: Jules Verne, Little Dream, You’ll Be Had

 

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Stefan Gwildis – Alles dreht sich

Label: SMA/105 Music VÖ: 2015

Ein perlendes Wurlitzer-Piano, flirrender Hammond, knurrende Bässen und fette Bläsersätze: Stefan Gwildis hat ein neues Album rausgebracht. „Alles dreht sich“ heißt das gute Stück, auf dem der Mann mit dem gegerbten Bariton das pralle Leben in zwölf nette Songs gepackt hat. Die kommen mal nachdenklich, mal tiefgängig, mal humorig daher. Musikalisch, Soul, klar, weil der so vieles möglich macht – Jazz, Blues, Spiritual, sogar Klassik, das geht bei Gwildis alles ganz passabel zusammen. Selbst Einflüsse aus dem brasilianischen Samba oder dem Bossa Nova lassen sich auf dem Album finden. Der musikalischen Vielfarbigkeit steht der gewohnte Gesang in der Muttersprache gegenüber, der das Ganze irgendwie erdet. Musikalisch starkes Album, dem man nur vorwerfen kann, wieder einen Tick zu nett zu sein. Richtig schmutzig ist der Soul des Mannes nie.

Fazit: Bunt, teils überraschend. Insgesamt stark.

Anspieltipps: Nö, Wo wir hingehen

 

COMPILATIONS

 

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Beatsteaks – 23 Singles

Label: Warner VÖ: 2015

„Summer“, „Let Me In“, „Hand In Hand“, „Hello Joe“, „I Don’t Care As Long As You Sing“ oder „Gentleman Of The Year“ – nur eine kleine Auswahl aus dem umfangreichen Katalog der Beatsteaks. Die fünf Jungs aus Berlin feiern dieser Tage mit ihrem Mix aus Rock, Pop, Punk, Ska 20-Jähriges. Grund genug also, die Karriere mal Revue passieren zu lassen. Und das tut die Combo mit einer gut kompilierten Werkschau, die neben den großen Hits die eine oder andere Überraschung in petto hat. Zwei, um genau zu sein. Zwei neue, durchaus stimmige Songs: „Ticket“ und „Mad River“. Schön auch, dass es Fan-Favoriten wie „Frieda und die Bomben“ sowie „Hey Du“auf die Compilation geschafft hat. Beide Titel sind bisher nie auf einem Beatsteaks-Album erschienen.

Fazit: Nicht nur für Fans geeignet.

Anspieltipps: Milk & Honey, Gentleman Of The Year, Ticket, Mad River

 

Cliff Richard photographed for Universal Music on 19 June 2006.

Cliff Richard – 75 at 75

Label: Warner VÖ: 2015

Kinder, Kinder, wie die Zeit vergeht: Cliff Richard wird 75 Jahre alt. Und zu seinem Wiegenfeste veröffentlicht der Gute nun eine Werkschau, die seine 50-jährige Karriere umspannt. Die enthält – der Titel verrät’s – 75 Tracks, darunter mit „Golden“ auch ein neuer. Der existierte bereits live, wurde aber jetzt erstmals aufgenommen. Ein beeindruckendes Sammelsurium, das natürlich die Hits „Living Doll“ und „Lucky Lips“ enthält – und einen Hinweis darauf gibt, warum Sir Cliff der erfolgreichste britische Künstler aller Zeiten ist. Und ja, das schließt die Beatles, die Stones und Robbie Williams mit ein. Fun facts: Mit Elvis Presley teilt er sich den Rekord als einzige Künstler, die zwischen 1950 und 2000 in jedem Jahrzehnt mindestens einen Single-Charthit hatten. Er ist außerdem der einzige Künstler, der in fünf aufeinanderfolgenden Jahrzehnten jeweils mindestens eine UK-Nummer-1-Hitsingle an den Start brachte. Im vergangenen Jahr erschien sein 100. (!) Album „The Fabulous Rock’n’Roll Songbook“.

Fazit: Zeitlos. Happy Birthday, Cliff.

Anspieltipps: Living Doll, Golden, Lucky Lips

 

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